15. Jahrgang Nr. 10 / 30. Oktober 2015 | 17. Heshvan 5776

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Der Internationale Suchdienst stellt Dokumente über NS-Verfolgung online

Bad Arolsen ist eine Kleinstadt in Nordhessen. Der Namenszusatz „Bad“ wurde ihr übrigens erst 1997 verliehen – also, an der mindestens ins 12. Jahrhundert reichenden Stadtgeschichte gemessen, vor nicht allzu langer Zeit. Für Forscher des Zweiten Weltkrieges und der Schoa ist der Name Arolsen freilich mit einem ganz ganz besonderen Geschichtskapitel verbunden: Seit 1946 ist die Stadt Sitz des nach Ende des Zweiten Weltkrieges von den Vereinten Nationen errichteten Internationalen Suchdienstes, nach seiner englischen Bezeichnung International Tracing Service auch kurz als ITS bekannt.
Mit 30 Millionen Dokumenten ist der ITS ein führendes Archiv- und Dokumentationszentrum zur NS-Verfolgung und zu Schicksalen von Opfern des Naziregimes und der Überlebenden. In den Nachkriegsjahrzehnten war er eine unersetzliche Informationsquelle über einzelne Holocaust-Opfer, Kriegsgefangene und Personen, die nach dem Krieg Zuflucht in alliierten DP-Lagern in Deutschland gefunden hatten. Viele Menschen konnten auf diese Weise überlebende Familienangehörige finden oder Auskunft über die Todesumstände ihrer Liebsten erhalten.
Mit der Zeit erfüllte der ITS immer mehr auch die Funktion eines historischen Forschungszentrums. Im Jahr 2014 entschied der Internationale Ausschuss, der die Tätigkeit des Suchdienstes leitet, dass nach und nach mit der Onlinestellung von ITS-Dokumenten begonnen werden soll. Für ein Pilotprojekt wurden Dokumente ausgewählt, die sich unter anderem aufgrund der Datenmenge, der Themen und der wissenschaftlichen Erschließung für die Veröffentlichung im Online-Portal eigneten.
Im Oktober 2015 gab der Suchdienst die Onlinestellung von drei Dokumentenbeständen mit 50.000 Abbildungen bekannt. Zwar sind weite Teile des Archivbestands bereits digitalisiert, für ein Online-Portal mussten die Daten der ausgewählten Bestände jedoch aufbereitet und strukturiert werden.
Bei den drei Beständen handelt es sich um Informationen über die Todesmärsche, zu denen die Nazis Häftlinge zwangen, um Fotos von rund 2800 persönlichen Gegenständen, die Häftlingen bei der KZ-Einlieferung abgenommen wurden, sowie um Akten des Kindersuchdienstes, der sich ab 1945 um „unbegleitete Kinder“ kümmerte: Überlebende der NS-Konzentrations- und Vernichtungslager, zur Zwangsarbeit verschleppte Minderjährige oder Kinder von Zwangsarbeiterinnen. Die Dokumente können sowohl für die Forschung als auch für Betroffene, Angehörige und Nachfahren sowie Familienforscher, aber auch zum Beispiel im Rahmen von Schulprojekten von Interesse sein. Die Nutzung der Bestände wird mithilfe von Suchfunktionen und Landkarten erleichtert.
Wie der Suchdienst erklärte, sollen 2016 weitere Teilbestände online veröffentlicht werden. Hierbei handele es sich um Dokumente, die inhaltlich an die drei jetzt online gestellten Themen anknüpften. Um einen wissenschaftlichen Austausch anzuregen, wird Web-Nutzern nach einer Anmeldung die Möglichkeit geboten, das Portal zu kommentieren und zusätzliche Kenntnisse zur Verfügung zu stellen. Indessen sind die Archivbestände des ITS zu umfangreich und zu komplex, um in absehbarer Zeit eine umfassende Onlinestellung zu ermöglichen, sodass es in den kommenden Jahren bei teilweiser Veröffentlichung bleiben wird.
Dem Internationalen Ausschuss, der die Arbeit des ITS lenkt, gehören Vertreter Belgiens, Frankreichs, Deutschlands, Griechenlands, Israels, Italiens, Luxemburgs, der Niederlande, Polens, Großbritanniens und der USA an. Der ITS arbeitet auch mit anderen Gedenkstätten, Archiven und Forschungsinstitutionen zusammen. Das Online-Archiv des ITS steht der breiten Öffentlichkeit unter https://digitalcollections.its-arolsen.org/ zur Verfügung.

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