15. Jahrgang Nr. 10 / 30. Oktober 2015 | 17. Heshvan 5776

Eigentümer gesucht

Israelitische Kultusgemeinde und Stadt Nürnberg restituieren Bücher, die seinerzeit von den Nazis geraubt wurden

Die Israelitische Kultusgemeinde und die Stadtbibliothek in Nürnberg verfolgen ein wichtiges Anliegen: die Rückgabe von Büchern und Schriften, die von den Nazis im Dritten Reich geraubt wurden. Die Sammlung gehört der Israelischen Kultusgemeinde, der sie nach der Schoa übereignet wurde, und wird von der Stadtbibliothek treuhänderisch verwaltet. Die Sammlung enthält rund 9000 Objekte. Neben Judaica, die einen Schwerpunkt bilden, enthält sie Publikationen zum Freimaurertum und belletristische Titel, außerdem ein breites Spektrum an Titeln zu human-, wirtschafts-, geistes- und naturwissenschaftlichen Themen.
Die Bestände wurden am Ende des Zweiten Weltkrieges in den Redaktionsräumen des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“ oder in der Privatbibliothek des „Stürmer“-Herausgebers Julius Streicher gefunden. Das allermeiste ist Raubgut, das den rechtmäßigen Eigentümern zwischen 1933 und 1945 genommen wurde. Betroffen waren vor allem Juden, aber auch Freimaurer, Pfarrer, Mitglieder der Arbeiterbewegung sowie linker Parteien und Organisationen. Die Titel stammen aus Deutschland und Österreich sowie aus Ländern wie der damaligen Tschechoslowakei, Frankreich und Polen.
Ziel der IKG und der Stadt ist eine möglichst umfassende Rückgabe der Bestände an die rechtmäßigen Eigentümer, in der Regel also an deren Nachfahren oder Erben. Allerdings sei die Rückgabe eines geraubten Gutes in diesem Fall ungleich schwieriger als der Raub, bedauerte der Publizist und NS-Raubgutforscher Leibl Rosenberg in einem Gespräch mit der „Zukunft“. Rosenberg wurde von der Stadt Nürnberg damit beauftragt, zu erforschen, wo die Buchbestände herkommen, wem sie einmal gehört haben und an wen sie heute zurückgegeben werden können.
Einige hundert Bücher konnten bereits restituiert werden. Für die Empfänger sei das von großer Bedeutung, berichtete Rosenberg. In einigen Fällen verzichteten die rechtmäßigen Eigentümer jedoch darauf, weil sie glaubten, die Bücher würden in der Nürnberger Bibliothek größeren Nutzen bringen. Bei vielen Objekten fehlen jegliche Kennzeichnung und daher auch ein Anhaltspunkt für die Rückgabe. In anderen Fällen aber erlauben Eintragungen, Exlibris, Stempel, beigelegte Postkarten oder Briefe Rückschlüsse auf die Identität der Raubopfer.
Das Internet habe manche Recherche leichter gemacht, betonte Rosenberg, aber nach so langer Zeit sei es trotzdem schwer, die Berechtigten ausfindig zu machen. So hofft er, dass sie auch selbst suchen. Um Institutionen oder Familienangehörigen die Suche zu erleichtern, hat die Stadtbibliothek Listen mit Namen und Orten online gestellt. Die möglichen Erben müssen allerdings den Nachweis erbringen, dass sie als Rechtsnachfolger der ursprünglichen Eigentümer gelten können, zum Beispiel durch Testament, Erbschein oder durch eine eidesstattliche Erklärung.
www.nuernberg.de/internet/stadtbibliothek/sammlungikg.html
hpk