15. Jahrgang Nr. 10 / 30. Oktober 2015 | 17. Heshvan 5776

Integration à la Israel

Was Europa bei der Eingliederung der Flüchtlinge aus der israelischen Erfahrung lernen kann

Wie geht es in der Flüchtlingskrise weiter? Wie sollen die Neuankömmlinge verteilt werden? Wie weit soll die EU ihre Tore öffnen? Um diese und ähnliche Fragen geht es in der Debatte, die gegenwärtig in Europa intensiv geführt wird. Zu diesen Themen gesellt sich die Frage hinzu, wie diejenigen Flüchtlinge, die im Endergebnis in der EU bleiben werden, am besten integriert werden können: Festzustehen scheint nämlich, dass ein großer Teil von ihnen hier ein neues Zuhause finden wird.
Vorgestanzte Modelle für erfolgreiche Integration gibt es nicht. Jede Ausgangssituation ist anders. Das gilt auch für die heutige Migrationswelle nach Europa. Dennoch können europäische Staaten aus der Erfahrung der Inte­grationspolitik anderer Länder – und zwar aus deren Erfolgen ebenso wie aus Fehlern – lernen. Eines dieser Länder ist Israel, ein Land, das seit seiner Gründung 3,2 Millionen Immigranten aufgenommen hat.
Nun kann man zu Recht einwenden, dass es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Einwanderung nach Israel und dem Zustrom von Flüchtlingen in die EU gibt. Israel sieht sich eigentlich nicht als ein Einwanderungsland, sondern als die historische Heimat des jüdischen Volkes, die jedem Juden sowie Personen jüdischer Abstammung und deren Familienangehörigen ein „Recht auf Rückkehr“ einräumt. Eine solche Grundlage besteht bei der jetzigen Flüchtlingswelle in Europa nicht.
Dennoch sind die Lehren aus fast schon sieben Jahrzehnten israelischer Eingliederungspolitik in vielerlei Hinsicht auch für die heutige Situation in Europa relevant. Da Israel jedem Juden das Recht auf Wohnsitznahme und Einbürgerung gewährt – nur Nazikollaborateure, Kriminelle und Personen, die die Öffentlichkeit gefährden, sind ausgenommen –, trifft es unter den Einwanderungsberechtigten keine Auslese. Das unterscheidet den jüdischen Staat von „klassischen“ Einwanderungsländern, die ihre Immigrationsvisa höchst selektiv ausstellen, und erlaubt gewisse Vergleiche zwischen Israel und der heutigen Lage in der EU.
Im Lauf von fast schon sieben Jahrzehnten kamen Menschen von allen Kontinenten, aus einer breiten Palette von Sprach- und Kulturkreisen und mit unterschiedlichstem Bildungsstand nach Israel. Die meisten von ihnen – ob Holocaust-Überlebende, verfolgte Juden aus arabischen Ländern oder Emigranten aus dem Ostblock – waren mittellos. Dass ihre Integration nicht perfekt war, insgesamt aber doch erfolgreich gelang, war unter diesen Umständen nur dank einer umfassenden, konsequenten und proaktiven Eingliederungspolitik möglich. Das ist eine Erkenntnis, die auch für Europa Relevanz hat.
Im Rahmen der israelischen Eingliederungspolitik hat der Neueinwanderer Anspruch auf ein Bündel von Sofortmaßnamen, die ihm den Übergang erleichtern. Dazu gehören unter anderem eine finanzielle Starthilfe für sechs Monate, Krankenversicherung für ein Jahr, Mietzuschüsse für vier Jahre, Einkommensteuernachlässe sowie subventionierte Hypothekendarlehen. All das erlaubt es dem Einwanderer, ohne unmittelbaren Existenzdruck seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.
Ein Kernelement der israelischen Eingliederungspolitik ist auch der „Ulpan“ – generell als Sprachschule übersetzt, in Wirklichkeit aber mehr als das. Im Ulpan, der kostenfrei bis zu zehn Monate besucht werden kann, wird den Immigranten auch Wissen über ihr neues Land vermittelt. Und zwar nicht nur historische Erkenntnisse und soziale Analysen. Ein wesentlicher Punkt des Unterrichts ist der israelische Alltag mit all seinen Tricks und Tücken.
Nicht hoch genug einzuschätzen ist die Bedeutung der Eingliederungszentren. In ihnen wird der Immigrant rundherum betreut und nicht bloß in Erwartung der späteren „richtigen“ Integration in der Warteschleife gehalten. Die meisten Eingliederungszentren haben auch einen eigenen Ulpan. Die Regelaufenthaltsdauer liegt bei sechs Monaten, in besonderen Fällen wird sie aber verlängert, beispielsweise für Immigranten aus Äthiopien, die meistens auf länger anhaltende Hilfe angewiesen sind. Wer aber gleich eine eigene Wohnung findet, kann das Eingliederungszentrum auch umgehen. Welcher Weg auch immer eingeschlagen wird, umfassende Soforthilfe ist ein entscheidend wichtiger Faktor.
Zudem ist Israel die entscheidende Bedeutung einer schnellen Integration ins Arbeitsleben bewusst. Gehaltssubventionen machen die Einstellung eines Immigranten für den Arbeitgeber zu einem risikoarmen Versuch. Für viele später sehr erfolgreiche Olim war das der einzige mögliche Einstieg.
Es geht aber um mehr als Subventionen. Israel war stets klar, dass das Know-how der Immigranten für Wirtschaft und Gesellschaft unerlässlich war. So war und ist die Arbeit im bisherigen Beruf für viele – wenngleich nicht alle – israelische Neueinwanderer eine reelle Option. Das ist gut für die Betroffenen und gut für das Land. Voraussetzung dafür ist eine an klare Auflagen gebundene, im Grundsatz aber wohlwollende Anerkennung ausländischer Abschlüsse und der in der alten Heimat gesammelten Berufserfahrung.
Ist also in Israel alles schön und gut? Keineswegs, und es wird auch von niemandem behauptet. Praktisch jeder eingewanderte Israeli weiß um die nervtötenden Tücken der israelischen Bürokratie. Fehler wurden aber nicht nur von der Bürokratie, sondern auch von der Politik und der Gesellschaft als Ganzes begangen. So etwa bei der Ansiedlungspolitik. In den ersten Jahrzehnten der Staatlichkeit wurden sozial schwächere Immigranten in neue Städte an der Peripherie gelenkt. Entstanden sind Ortschaften, die dem Entwicklungsstand des Landeszentrums bis heute hinterherhinken. Da mutet der offizielle Name „Entwicklungsstädte“ ungewollt ironisch an.
Auch das Verständnis im Lande geborener Israelis für den kulturellen Hintergrund mancher Immigrantengruppen war begrenzt. Das hat bei vielen zu einer Entfremdung geführt, die bis heute nicht ganz überwunden ist. Mit der Erwartung, die von säkularen Pionieren geprägte Lebensweise zu übernehmen, waren traditionell-religiöse Einwanderergruppen aus anderen Kulturkreisen überfordert und fanden sie anmaßend. Heute hat sich die Haltung der Gesellschaft geändert. Die hebräische Sprache und die technologischen Anforderungen des modernen Lebens sind der gemeinsame Nenner, doch ist jeder Einwohner in der Gestaltung seiner kulturellen und sprachlichen Identität frei.
Auf organisatorischer Ebene zeigt die israelische Erfahrung, dass Integrationsarbeit ohne Experten, die sowohl ihr Fachgebiet beherrschen als auch den Hintergrund der Neuankömmlinge kennen, kaum den gewünschten Erfolg bringen kann. Nicht zufällig wurde in Israel ein separates Ministerium für Einwanderung und Eingliederung gegründet – und zwar gleich an dem Tag, an dem der Staat Israel ausgerufen wurde. Auch eine Reihe von Nichtregierungsorganisationen, allen voran die Jewish Agency, betreut die Immigranten. Dabei gibt es kaum Patentlösungen. Um nur ein Beispiel zu geben: Wie lässt sich am besten eingewanderten Kindern helfen, deren Eltern ihnen mangels Sprachkenntnissen in der Schule nicht helfen können? Ist es besser, sie in ein Internat zu schicken, um ihre Integration zu beschleunigen, oder doch wünschenswert, sie zu Hause zu lassen, damit die Struktur des Familienlebens möglichst gewahrt bleibt? Die Antwort wird, versteht sich, auf den Einzelfall zugeschnitten sein, muss aber auf der Grundlage fundierten Wissens getroffen werden.
Nicht dass israelische Integrationsarbeit gegen Fehltritte gefeit wäre. Anfang der Neunzigerjahre machte die Nachricht von einer aus der UdSSR eingewanderten Universitätsprofessorin die Runde, der Mitarbeiter des Eingliederungszentrums die Funktionsweise einer Toilettenspülung zu erklären versuchten. Die sowjetische beziehungsweise postsowjetische Einwanderungswelle hat solchen Nonsens gut überstanden und half anschließend beim Aufbau der heute weltweit bewunderten israelischen Hightech-Wirtschaft mit. Es gibt aber Menschen, die durch die Ignoranz einzelner Helfer viel tiefer gekränkt wurden. Professionalität und Bildung sind eben auf allen Ebenen der Integrationsarbeit erforderlich.
Das bedeutet nicht, dass das israelische Modell auf die Flüchtlingsmassen in Europa ohne weiteres anwendbar wäre. Dafür sind die Voraussetzungen dann doch zu unterschiedlich. Allerdings hat Israel ein integrationspolitisches Instrumentarium entwickelt, das seinesgleichen sucht. Im Lauf der Jahrzehnte hat das Land umfassende praktische Erfahrungen gesammelt, zu denen neben dem Gesamterfolg auch Fehler gehören. Und wie man weiß, lässt sich aus Fehlern viel lernen. Schließlich wird die Eingliederung von Immigranten in Israel ständig wissenschaftlich erforscht und ausgewertet. Damit ist ein Wissensfundus entstanden, der die praktischen Erfahrungen abrundet und ergänzt. So könnte sich ein Blick auf Israel für die europäischen Planer durchaus lohnen.

wst