15. Jahrgang Nr. 10 / 30. Oktober 2015 | 17. Heshvan 5776

Erinnerung bewahren

Die Alte Synagoge Essen setzt sich für eine Digitalisierung der in ihrem Archiv lagernden Tonband-Interviews mit ehemaligen Essener Juden ein

Von Zlatan Alihodzic

Der Raum ist karg eingerichtet, ein weißer Schreibtisch, kaltes Kunstlicht, an der Fensterseite steht ein unscheinbarer grauer Kasten. Schmale Schubladen lassen sich dort herausziehen. Es sieht aus wie in einem x-beliebigen, langweiligen Büro.
Nur dass hier nichts x-beliebig, geschweige denn langweilig ist. Was nach einem 08/15-Büroraum aussieht, ist nämlich in Wirklichkeit der Sitz von einzigartigen, historisch wie menschlich wichtigen Zeitzeugnissen: Was sich in dem Zimmer der Alten Synagoge Essen befindet, sind Aufzeichnungen von Gesprächen mit ehemaligen Essener Juden. Es sind Lebensgeschichten, Erinnerungen, Geschichten von Vertreibung, Mord und Flucht, aber auch von einem neuen Leben.
Der Hintergrund: In den Jahren 1981 bis 2004 lud die Stadt Essen ehemalige Bürger zu Besuch ein, die während der NS-Zeit aus ihrer Heimat im Ruhrgebiet fliehen mussten, weil sie Juden waren. Dass das Besuchsprogramm 2004 auslief, lag am Alter der Zeitzeugen. Sie waren zunehmend in ihrer Mobilität eingeschränkt und konnten die Reise nach Essen nicht mehr auf sich nehmen.
Während der Besuche wurden Interviews geführt, in denen die Menschen von ihrer Vergangenheit erzählten. Mehr als 400 Gespräche kamen so auf Tonbändern zusammen, heute lagern sie im Archiv der Alten Synagoge Essen. Sie müssen dringend digitalisiert werden, bevor die Geschichten für immer verschwinden. Deshalb setzt sich die Alte Synagoge ausdrücklich für die Digitalisierung ein.
Tonbandaufnahmen sind nämlich nicht für die Ewigkeit, die Partikel darauf entmagnetisieren sich, die Aufzeichnungen verlieren an Qualität, sie verblassen. Damit würde auch die Erinnerung verblassen. „Diese Tonbänder sind ein wichtiger Teil unserer Sammlung“, unterstreicht Dr. Uri Kaufmann, Leiter der Alten Synagoge, die heute ein Haus jüdischer Kultur ist. „Wenn die Leute im Rahmen des Besuchsprogramms kamen, wurden sie bei der Gelegenheit von Historikern befragt, das ist Oral History“, erklärt Dr. Kaufmann.
Aus dem Blickwinkel der heutigen Forschung wünsche man sich, dass sich die Fragen damals nicht auf die Zeit des Nationalsozialismus konzentriert hätten, so Kaufmann. Doch auf den Bändern seien auch Schilderungen zur jüdischen Kultur in der Vorkriegszeit oder Emigrationsbiografien aufgezeichnet. Letztere sind für den Leiter des Hauses besonders wichtig.
Wohlgemerkt konzentriert sich die Tätigkeit der Alten Synagoge nicht nur auf Geschichte. Ganz im Gegenteil. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Judentum zu etwas Musealem wird, wenn man im Unterricht in Deutschland über den Nationalsozialismus spricht“, sagt Dr. Kaufmann. „Da gab es mal Juden, und die feierten zum Beispiel Pessach. Das ist eine schlechte Perspektive. Man sollte ein Interesse an zeitgenössischer jüdischer Kultur entwickeln.“ Das versucht das Team der Alten Synagoge in den Ausstellungsräumen zu vermitteln.
Dennoch bleibt der Blick in die Vergangenheit ebenfalls wichtig, erst recht mithilfe von Zeitzeugen-Gesprächen. „Sie sind nicht nur eine wichtige Quelle zur jüdischen Geschichte, sondern auch zur Stadtgeschichte Essens. Und ich sehe die jüdische auch als Teil der allgemeinen Geschichte“, so Dr. Kaufmann. Deshalb liege es nicht nur im Interesse der Alten Synagoge, die Aufnahmen zu digitalisieren, sondern auch im Interesse der Stadt. Doch die Kommune hat wenig Geld, und aus dem Etat der Einrichtung selbst lassen sich die Arbeiten nicht finanzieren. Auf rund 20.000 Euro schätzt der Leiter der Alten Synagoge die Kosten der Digitalisierung. „Das ist eine Summe, die man von außen akquirieren muss. Dafür habe ich schon Gesuche an eine private Stiftung und an das Land gestellt. Da wir es hier nicht mit musikalischen Aufnahmen zu tun haben, würde ich dafür plädieren, nicht die höchsten Wiedergabe-Standards zu wählen. Wichtig ist, dass bald etwas gemacht wird, denn die Qualität der Bänder wird immer schlechter“, betont Kaufmann. Liegen die Aufnahmen erst einmal digitalisiert vor, kann einfacher mit ihnen gearbeitet werden. Sie sollen zudem in die Ausstellung des Hauses einfließen.
Auch jetzt liegen die Tonbänder nicht ungenutzt in ihrem Plastikschrank. Zum Teil sind die Stimmen der betagten Besucher im Audioguide bereits zu hören: Interviewausschnitte, in denen es um das Gebäude vor dem Zweiten Weltkrieg geht, können abgespielt werden. Das und mehr: „Schülerinnen und Schüler kommen und hören sich einzelne Bänder an, wenn sie zum Beispiel Facharbeiten schreiben müssen“, erzählt Martina Strehlen, stellvertretende Leiterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Sammlungen des Hauses. „Es gab auch Doktorarbeiten, für die die Interviews gehört wurden.“ Gerade dieses Interesse zeige, wie wichtig eine Digitalisierung wäre.

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Infokasten

Die Geschichte der Juden in Essen geht bis ins Mittelalter zurück, erste urkundliche Erwähnungen gab es Ende des 13. Jahrhunderts. Lange Zeit war es nur eine kleine Gemeinde, „sieben, acht Familien wurden zum Beispiel im 18. Jahrhundert hier geduldet“, erklärt Dr. Uri Kaufmann. Um 1820 lebten in Essen und den umliegenden Quartieren, die heute zum Stadtgebiet gehören, rund 140 Juden. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wuchs die jüdische Gemeinde wie auch die gesamte Stadt infolge der Industrialisierung rasant an. In den 1920er-Jahren lebten in Essen rund 4500 Juden. Bekannt waren unter anderem Mitglieder der Familie Hirschland, die zum Beispiel erfolgreich als Bankiers für den Industriellen Alfred Krupp arbeiteten. Isaak Hirschland war im Vorstand der Synagogengemeinde tätig und hat den Ausbau der Synagoge stark unterstützt.
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die jüdische Gemeinde eine breite Infrastruktur, es gab zahlreiche Jugendbewegungen, 1932 wurde ein Jugendheim gebaut. Das Gebäude wurde am 9. November 1938 durch Brandstiftung zerstört, ebenso die Synagoge. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten noch etwa 120 Juden in Essen. Heute hat die Essener Gemeinde circa 930 Mitglieder.