15. Jahrgang Nr. 10 / 30. Oktober 2015 | 17. Heshvan 5776

Wer integriert hier wen?

Die Bildungsabteilung des Zentralrats führte eine Konferenz zum 25. Jubiläum der jüdischen Zuwanderung aus der Ex-UdSSR durch

Von Heinz-Peter Katlewski

Die statistische Bilanz der jüdischen Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion ist bekannt: Zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung zählten die jüdischen Gemeinden in der alten Bundesrepublik 28.000 Mitglieder, in der DDR waren sogar nur 400. Heute sind es bundesweit circa 100.000. An diese Zahlen erinnerte Heinz-Joachim Aris, Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland und Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden im Oktober bei einer Tagung der Bildungsabteilung des Zentralrats zum 25-jährigen Jubiläum des Beginns der Zuwanderung. Heute, so Aris, gebe es allein in Sachsen mehr als 2500 Gemeindemitglieder.
Bei der Tagung ging es aber um viel mehr als um Zahlen. Unter dem durchaus provokativen Titel „Wer integriert hier wen?“ griff die Veranstaltung eine breite Palette von Aspekten der Zuwanderungswelle auf, die die jüdische Gemeinschaft hierzulange von Grund auf verändert hat.
Das Interesse war rege. Wie die Leiterin der Bildungsabteilung, Sabena Donath, feststellte, handelte es sich um eine der größten Konferenzen, die der Zentralrat jemals durchgeführt hat. Über 160 Mitglieder aus fast 50 jüdischen Gemeinden waren der Einladung nach Berlin gefolgt.
Heinz-Joachim Aris hatte in Dresden vom ersten Tag an mit der Zuwanderung zu tun. Die letzte DDR-Regierung unter Ministerpräsident Lothar de Maizière hatte 1990 beschlossen, für Juden aus der UdSSR die Grenzen zu öffnen. Am 9. Januar 1991 bestätigten die Ministerpräsidenten der Bundesländer eine Vereinbarung zwischen Bundeskanzler Helmut Kohl und dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrats, Heinz Galinski, die DDR-Aufnahmepraxis fortzuführen.
Die Neuankömmlinge wurden fortan nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel auf die Länder verteilt und dezentral angesiedelt. Im Rahmen des bis Ende 2014 geltenden Kontingentflüchtlingsgesetzes kamen rund 230.000 Immigranten nach Deutschland. Die allermeisten, die als Juden im Sinne der Halacha einer der jüdischen Gemeinden beitreten konnten, machten von dieser Möglichkeit Gebrauch. Seit 2005 sind die Zuwanderungszahlen stark zurückgegangen.
Reibungslos verlief diese Einwanderung nicht. Viele Alteingesessene waren irritiert, manche sind es bis heute – stereotype Vorstellungen inbegriffen. Ein Teilnehmer der Berliner Tagung giftete: „Die Russen kommen nur zum Essen.“ „Keine schlechte Voraussetzung“ konterte Dr. Julia Bernstein, Professorin für soziale Arbeit an der Frankfurter Universität für angewandte Wissenschaften. Essen sei eine sehr emotionale Angelegenheit. Mit wem und in welchem Rahmen man esse, das sei bedeutungsvoll.
Die anfänglichen Spannungen zwischen Alteingesessenen und Neumitgliedern erklärte Dr. Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung und Professor an der Fachhochschule Erfurt, mit den sehr unterschiedlichen Motiven für das Leben in Deutschland. Bei den meisten der älteren Alteingesessenen habe es sich ebenfalls um Einwanderer gehandelt, die nach 1945 als Displaced Persons in Deutschland geblieben oder aus Osteuropa nach Deutschland gekommen seien. Viele von ihnen hätten damit gehadert, gerade hier gestrandet zu sein und wollten unter keinen Umständen, dass sich ihre Kinder hier heimisch fühlten. Hingegen hätten sich nach 1990 die jüdischen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion bewusst für Deutschland entschieden. Sie wollten ihr Leben verändern und ihren Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen.
„Wir haben sie mit offenen Armen aufgenommen“, betonte Benzion Wieber, lange Jahre Geschäftsführer der Synagogengemeinde zu Köln. Die Gemeinden setzten große Hoffnungen in die Neuen, bestätigte auch die Marburger Soziologie-Professorin Dr. Karen Körber, fühlten sich aber oft überfordert. Die wenigsten Zuwanderer hatten zudem Erfahrungen mit religiösem Judentum. Gleichwohl hauchten sie den Gemeinden im Laufe der Jahre ein neues, vielfältiges Leben ein. Sie trafen sich in Schach- und Literatur-Clubs, verabredeten sich zu Wissenschaftler-Zirkeln, gründeten Chöre und Musik-Ensembles, wurden künstlerisch aktiv und pflegten nicht zuletzt ihre mitgebrachte Kultur. In Deutschland begegneten sie aber auch jüdisch-religiösen Traditionen, die für rund 20 Prozent von ihnen auch wichtig wurden, wie Karen Körber im Rahmen ihrer Forschung herausgefunden hat.
Die Einwanderer brachten ein hohes Maß an Bildung und beruflicher Qualifikation mit. Verwenden konnten sie aber kaum etwas davon. Abschlüsse wurden nicht anerkannt, unzureichende Deutschkenntnisse taten ein Übriges. Unter den Migranten kursierte der scherzhafte Spruch „Die Deutschen haben uns eingeladen, hier die niederen Arbeiten zu erledigen und das kulturelle Niveau zu heben“, berichtete die in Tadschikistan geborene Frankfurter Migrationsforscherin Darja Klingenberg.
Indessen bereuen allenfalls wenige Zuwanderer, den Weg nach Deutschland angetreten zu haben. Ihren Kindern ist die Integration in Deutschland ebenfalls gelungen, und zwar sehr gut. 70 bis 80 Prozent von ihnen machten das Abitur und studierten, erläuterte Dr. Olaf Glöckner vom Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum. Einige hätten sich schon einen Namen gemacht – als Literaten, Künstler und Wissenschaftler oder auch als Politiker.
Auf einem Stipendiaten-Podium des ELES-Studienwerks für jüdische Begabtenförderung am Ende der Tagung erläuterten der Berliner Wladimir Wechsler, die im hessischen Dillenburg aufgewachsene Anna Schapiro und die in der Jüdischen Gemeinde Lübeck groß gewordene Anastasia Pietoukhina, dass der hohe Bildungsanspruch, der ihnen von ihren Eltern vermittelt und vorgelebt worden sei, ihren Weg wesentlich bestimmt habe. Für ihre religiöse Identität aber sei ihre hiesige jüdische Sozialisation wichtiger gewesen.