15. Jahrgang Nr. 10 / 30. Oktober 2015 | 17. Heshvan 5776

Aus den Gemeinden – Jüdisches Leben

Mitzvah Day

Bei dem auf Initiative des Zentralrats der Juden in Deutschland stattfindenden diesjährigen Mitzvah Day, dem jüdischen Tag für soziales Handeln, werden Tausende von Freiwilligen erwartet. Das hat der Zentralrat im Vorfeld des für den 15. November anberaumten Aktionstags erklärt.
In diesem Jahr steht der Mitzvah Day unter dem im Mischna-Traktat Pirkei Awot erscheinenden Leitgedanken „Und wenn nicht jetzt, wann dann“. Im Mittelpunkt steht die Hilfe für Flüchtlinge. Dazu erklärte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster: „Wir werden am Mitzvah Day gezielt Flüchtlinge unterstützen und damit die neue Willkommenskultur in Deutschland stärken. Zugleich vergessen wir nicht die anderen Menschen in unserem Land, die ebenfalls Hilfe brauchen. Wir möchten unseren Beitrag leisten, um den Zusammenhalt in der ganzen Gesellschaft zu stärken.“ Neben dem Engagement für Flüchtlinge stehen wieder Projekte mit behinderten Menschen, mit Senioren sowie für die Umwelt und für wohltätige Zwecke auf dem Programm.

Berlin

Am 15. Oktober fand an Berliner Mahnmal Gleis 17 eine Gedenkfeier zum 74. Jahrestag des Beginns der Deportationen von Juden aus Berlin durch das NS-Regime statt. Die Gedenkfeier wurde von der Ständigen Konferenz der Leiter der NS-Gedenkstätten im Berliner Raum, dem Berliner Senat, der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und der Deutschen Bahn durchgeführt. Die zentrale Gedenkrede hielt Leon „Henry“ Schwarzbaum, Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald und Sachsenhausen. Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Mark Dainow und Berlins Innensenator Frank Henkel richteten an die Anwesenden Grußworte.
In seinen Ausführungen ging Dainow unter anderem auf die Rolle von Holocaust-Überlebenden, die als Zeitzeugen auftreten, ein. Er führte aus: „Es ist eine Gnade, dass an vielen Feierstunden noch Zeitzeugen teilnehmen konnten. Viele von ihnen scheuten die körperlichen und seelischen Strapazen nicht, die eine Reise an die früheren Stätten ihres Leids stets für sie bedeutet. Dafür verdienen sie unseren tiefen Dank und Respekt! Für viele junge Menschen sind der Nationalsozialismus und die Schoa nur noch geschichtliche Daten. Daher ist wichtiger denn je, die Erinnerungen der Zeitzeugen zu bewahren. Einige sind erst jetzt, in hohem Alter und mit dem Abstand von Jahrzehnten, in der Lage, über ihre Erlebnisse zu sprechen.“

Stuttgart

Der Landtag von Baden-Württemberg und die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) haben in diesem Jahr zum ersten Mal die von ihnen gemeinsam geschaffene Joseph-Ben-Issachar-Süßkind-Oppenheimer-Medaille verliehen. Die Auszeichnung, mit der Engagement gegen Minderheitenfeindlichkeit und Vorurteile in Wissenschaft und Publizistik gewürdigt wird, wurde der Berliner Amadeu Antonio Stiftung zuerkannt. Die Stiftung unterstützt Initiativen und Projekte auf den Gebieten demokratische Jugendkultur, Schule und Opferhilfe sowie kommunale Netzwerke.
Bei der Verleihungsfeier erklärte der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Abraham Lehrer Deutschland zeige mit der derzeitigen Willkommenskultur für Flüchtlinge eine sehr positive Seite. Landtagspräsident Wilfried Klenk betonte mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingssituation, alle Bürger seien gefordert, sich gegen Menschenfeindlichkeit einzusetzen. Der Vorstandvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, Professor Salomon Korn, führte in seiner Laudatio aus, die Stiftung habe das Gefahrenpotenzial des Internets als Ort für Rassismus schon vor Jahren erkannt. Sie gebe Opfern rechtsextremer Gewalt „das überlebenswichtige Signal, nicht alleine zu sein“.

Ausstellung

In der rheinland-pfälzischen Stadt Schweich ging im Oktober die Anne-Frank-Ausstellung „Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte“ zu Ende. Die Ausstellung war von dem zum Bistum Trier gehörenden Dekanat Schweich-Welschbillig ausgerichtet worden. Sie wurde von insgesamt 1500 Besuchern besichtigt. Die Führungen wurden von Jugendlichen aus sechs Schulen in der Region übernommen.
Bei der Finissage war der Zentralrat der Juden in Deutschland durch seinen Geschäftsführer Daniel Botmann vertreten. Botmann lobte das Engagement der Jugendlichen und bezeichnete ihre Führungen als exzellent und glaubwürdig. Der Geschäftsführer des Zentralrats wies auch auf die persönliche Verantwortung des Einzelnen hin. „Geschichte passiert nicht, man kann Einfluss nehmen“, erklärte er.