15. Jahrgang Nr. 10 / 30. Oktober 2015 | 17. Heshvan 5776

Gefährliches Gift

Eine zunehmend pluralistische Gesellschaft muss intensiver gegen Vorurteile kämpfen

Durch die Flüchtlingskrise ausgelöst durchläuft Deutschland eine Debatte, deren Intensität ihresgleichen sucht. Die Themen des Streits sind allerdings nicht neu: Identität, der Umgang mit Menschen aus anderen Kulturkreisen und Ländern, mit Menschen anderer Religion oder Hautfarbe. Es ist die Intensität der heutigen Debatte, die einen besonders eindringlichen Hinweis erforderlich macht: Ein friedliches Miteinander in einer immer pluralistischeren Gesellschaft verlangt einen gut konzipierten und konsequent realisierten Kampf gegen Vorurteile.
Vorurteile sind bequem. Man wähnt sich im Besitz ausreichender Kenntnisse, um Urteile zu treffen. Und weil Vorurteile so bequem sind, wollen sich die meisten Menschen von ihnen gar nicht trennen oder es fällt ihnen zumindest schwer, das zu tun.
Vorurteile sind, so ein beschönigender Fachausdruck, „Teil psychischer Ökonomie“: Eine vorgeprägte Meinung über andere Menschen oder über Sachverhalte erspart die Anstrengung des Lernens und des Verstehens. Gerade deshalb sind Vorurteile so gefährlich. Sie wirken sich auf die Psyche von Einzelnen wie von Kollektiven wie Drogen aus. Sie zersetzen die Denkfähigkeit, oft genug beseitigen sie auch den elementaren Anstand. In den Augen ihrer Träger machen Vorurteile ganze Menschengruppen zu vermeintlich legitimen Opfern von Abneigung, Diskriminierung und Verfolgung.
In unserer Zeit der weltumspannenden, verzögerungsfreien, ja fast schon invasiven Information verbreiten sich Vorurteile zudem noch viel weiter und schneller als das sprichwörtliche Lauffeuer. Menschen, die ihre Informationen aus den Medien oder aus sozialen Netzen beziehen, werden in ihren Vorurteilen oft bestärkt, ohne die leiseste Ahnung von den Objekten ihrer Abneigung zu haben.
Ein Wundermittel gegen Vorurteile gibt es nicht. Wer wüsste das besser als wir Juden. Wir wissen aber auch sehr genau, wie wichtig und wie schwierig der Kampf gegen Vorurteile ist. Er ist keine Werbekampagne, die aus dem TV plärrt, sondern verlangt eine durchdachte und gezielte Ansprache des Einzelnen, wobei vorgefasste Meinungen natürlich nicht nur in der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch unter Minderheiten zu finden sind und thematisiert werden müssen.
In dieser Auseinandersetzung sind Selbstgerechtigkeit und erhobene Zeigefinger kein geeignetes Mittel. Entscheidend ist es vielmehr, bei den Angesprochenen eine Bereitschaft zum Zuhören zu schaffen. Nur so wird es gelingen, etwas gegen tiefsitzende Voreingenommenheit zu unternehmen. Die zweite Voraussetzung ist die Vermittlung von Wissen und Empathie. Je mehr man über den anderen weiß, je mehr man ihn als einen Mitmenschen empfindet, umso weniger anfällig ist man für ungefilterte Assoziationen, die alte Stereotype bestärken.
Die deutsche Gesellschaft ist sicherlich nicht die einzige, in der das Ringen mit Vorurteilen verstärkt werden muss. Im Gegenteil: Im Vergleich zu vielen anderen Ländern steht das Thema hierzulande relativ hoch auf der Tagesordnung; manche könnten von der Bundesrepublik lernen. Dennoch kommt auch auf Deutschland in diesem Bereich eine große Aufgabe zu. Diese Aufgabe sollte von allen gesellschaftlichen Kräften angepackt werden, und selbstverständlich ist auch die jüdische Gemeinschaft dabei. Allerdings bedarf es hier auch einer Intensivierung staatlicher Anstrengungen. Eine leichte Aufgabe ist das nicht. Um nur ein Beispiel zu nennen: Oft werden Kinder schon im jungen Alter durch Milieu und Familie in negativen Einstellungen gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen so stark vorgeprägt, dass sie bereits als Erstklässler „wissen“, wer „die Bösen“ sind. Wie aber spricht man Kinder wie Eltern an, um den Teufelskreis tradierter Abneigung zu durchbrechen? Wie gestaltet man eine Begegnungskultur, in der gegenseitiges Kennenlernen möglichst vielen Menschen ermöglicht wird?
Die Fragen ließen sich mehren. Antworten werden dringend benötigt.

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