08.10.2015

Ein Marathon steht bevor

Gastbeitrag des Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, in der Beilage "Christ & Welt" der Wochenzeitung "Die Zeit"

“Einen Fremdling sollst du nicht bedrücken; ihr wisst ja, wie einem Fremdlinge zu Mute ist, denn Fremdlinge waret ihr im Lande Ägypten.“ Dieser Vers aus dem 2. Buch Mose (23,9) kommt einem angesichts der weltweiten Flüchtlingskrise und der aktuellen politischen Situation, in der Deutschland sich befindet, wieder in den Sinn. Er spiegelt die uralte jüdische Erfahrung von Flucht und Vertreibung wider. Diese Erfahrung ist bis heute in fast jeder jüdischen Familie vorhanden. Auch in meiner Familie.

Heutzutage bestehen die jüdischen Gemeinden in Deutschland zu 90 Prozent aus Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion. Ihre Erfahrung, die Heimat zu verlassen und sich in einem fremden Land zurechtfinden zu müssen, liegt erst 20 bis 25 Jahre zurück. Insofern können wir uns sehr gut in die Flüchtlinge hineinversetzen. Wir können uns ungefähr vorstellen, mit welchen Hoffnungen sie hier ankommen.

Und es ist gut und richtig, dass Deutschland sich zu einer großzügigen Aufnahme von Flüchtlingen bereit erklärt hat. Wir sind das wirtschaftlich stärkste Land in Europa, und Deutschland hat – auch aufgrund seiner Geschichte – eine humanitäre Pflicht, Asyl zu gewähren.

Es besteht kein Grund, jene Menschen jetzt als naiv zu belächeln, die an den Bahnhöfen Flüchtlinge mit Wasser und Essen versorgen, Teddybären für Kinder verteilen und in Erstaufnahmestellen sich um eine medizinische Betreuung kümmern. Ich bin sehr froh und dankbar, dass es diese Bürger gibt!

Den Elan dieser neuen Willkommenskultur sollten wir uns erhalten. Denn uns steht ein Marathon bevor. Die Erstversorgung der Flüchtlinge ist auf dieser langen Strecke nur der Start. Und bis wir am Ziel angelangt, nämlich die Menschen integriert sind, werden wir wie Marathon-Läufer die Zähne zusammenbeißen und Zugeständnisse machen müssen.

Beiden Seiten wird viel abverlangt. Aus unserer Erfahrung mit der Integration der jüdischen Zuwanderer wissen wir, dass zunächst bei den Ankommenden eine Bereitschaft vorhanden sein muss, sich auf das neue Land einzulassen. In der Regel ist dies auch der Fall. Nur mit einer steten Begleitung über einen längeren Zeitraum können wir verhindern, dass die Offenheit von Frust überlagert wird: weil der Berufsabschluss nicht anerkannt wird, weil der Sprachkurs überfüllt ist, weil die Wohnung viel zu klein ist.

Die jüdischen Gemeinden haben daher über Jahre mit eigenen Sprach- und Integrationskursen die staatlichen Angebote ergänzt. Das war ein Kraftakt. Es ging zwar in totalen Zahlen um viel weniger Menschen als derzeit – verteilt über zehn Jahre wuchsen die jüdischen Gemeinden ab 1990 um rund 90.000 Mitglieder – allerdings waren die Gemeinden auch sehr klein. Zehn Prozent mussten 90 Prozent integrieren. Ohne sehr viel ehrenamtliches Engagement wäre die Integration nicht geglückt.

Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland gibt jetzt diese Erfahrungen in Kursen für Multiplikatoren weiter. Ohne Unterstützung durch die Zivilgesellschaft wird Deutschland die Integration der Flüchtlinge nicht bewältigen.

Auch jüdische Gemeinden sind bereits in der Flüchtlingshilfe aktiv. Ebenso wird der Schwerpunkt des vom Zentralrat der Juden initiierten Mitzvah Days, ein jüdischer Aktionstag für soziales Handeln, am 15. November auf der Hilfe für Flüchtlinge liegen.

Wir tun dies, obwohl es in unseren Gemeinden auch Sorgen gibt angesichts der Neuankömmlinge. Unter ihnen sind sehr viele Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Sie sind in einer oft judenfeindlichen, speziell Israel-feindlichen Umgebung aufgewachsen. Antisemitismus ist in diesen Ländern tief verwurzelt.

Schon im vergangenen Jahr während des Gaza-Konflikts hat sich auf unseren Straßen ein erschreckendes Ausmaß an Antisemitismus unter Muslimen offen gezeigt. Werden wir solche Demonstrationen und Ausschreitungen künftig häufiger erleben? Mit dieser Frage wollen wir nicht die Flüchtlinge pauschal verdächtigen. Es hilft aber auch nicht anzunehmen, dass nur aufgeklärte, tolerante Demokraten in unser Land einwandern.

Bei den jüdischen Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion galt es, ihnen neben der politischen Grundordnung vor allem die eigene Religion zu vermitteln, die sie in ihrer Heimat nicht praktizieren konnten. Bei den Flüchtlingen sollte die Vermittlung unserer Werte ganz oben stehen. Aus unserer Sicht gehören die Ablehnung jeglicher Form von Antisemitismus sowie die Sicherheit Israels als Teil der deutschen Staatsräson unbedingt dazu. Antisemitismus darf in unserer Gesellschaft keinen Platz haben! Rassismus übrigens genauso wenig. Das haben auch in der deutschen Bevölkerung noch nicht alle begriffen. Nicht nur die Flüchtlinge haben viel zu lernen.