15. Jahrgang Nr. 9 / 25. September 2015 | 12. Tischri 5776

Sieben Städte

Eine Studentenausstellung im Jüdischen Museum in München zeigt jüdisches Leben in Europa – auch außerhalb von Metropolen

Von Rozsika Farkas

Leuchtend blaue Liegestühle und Sonnenschirme, rosa Küchenschürzen, bunte Wölkchen und ein lichtgelbes Haus dominieren optisch den Raum in der ersten Etage des Münchner Jüdischen Museums, in dem die Schau „Jüdisches Europa heute. Eine Erkundung“ bis 14. Februar 2016 zu sehen ist – das jüdische Leben scheint eine heitere Angelegenheit zu sein. Zumindest legt das der erste Blick auf die Ausstellung nahe, für die Volkskunde-Studenten der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität sieben europäische Städte bereist haben, um zu sehen, wie es dort jeweils um die jüdischen Gemeinden bestellt ist.
Die Rahmenbedingungen für die Feldforschung waren bescheiden: Die jungen Forscher hatten nur wenig Zeit, ein bis zwei Wochen verbrachten sie jeweils in der Stadt ihrer Wahl. Herausgekommen ist, dank den Bemühungen der Ausstellungskuratorin Ulrike Heikaus und des Berliner Gestaltungsbüros chezweitz, dennoch eine hübsche und sehenswerte Schau, die die eine oder andere überraschende Erkenntnis bietet. Eine Vortragsreihe, jeweils dienstags von 19 bis 21 Uhr wirft zusätzlich Licht auf das Thema, wobei die Vorträge auch vor provokativen Titeln nicht zurückschrecken, etwa „Wurzellose Kosmopoliten. Von Luftmenschen, Golems und jüdischer Subkultur“ oder „Jüdisches Erbe zwischen Vermarktung und Erinnerungspolitik“.
Dass sich unter den ausgewählten Städten London, Warschau und Budapest befinden, erstaunt nicht, sind oder waren diese doch bedeutende Zentren des europäischen Judentums. Durchaus originell ist dagegen die Entscheidung für Marbella, Istanbul, Reykjavik und Umeå. Umeå? Eine Stadt in Nordschweden mit mehr als hunderttausend Einwohnern und einer „Judiska Föreningen“ („jüdische Vereinigung“) mit gerade mal 30 Mitgliedern. Deren Treffen finden seit ein paar Jahren im „Gelben Haus“ statt, mit dem sich die winzige Gemeinde einen festen Rahmen gegeben hat, der sich nach außen hin so diskret und unauffällig wie möglich gibt. Nebenbei erfahren wir, dass sich dort im hohen Norden im Sommer und Winter ein kurioses Problem mit der Festlegung des Schabbats ergibt, weil im einen Fall die Sonne nicht unter- und im anderen Fall nicht recht aufgehen mag.
In Marbella – in der Ausstellung durch die besagten Liegestühle und Sonnenschirme symbolisiert – lassen in den Sommermonaten Touristen die jüdische Gemeinde auf dreifache Größe anschwellen. Hotels, Restaurants und Supermärkte stellen sich mit ihrem Angebot auf die Koscher-Touristen ein. Ganz so lustig ist das jüdische Leben aber auch an der feierfreudigen Costa del Sol nicht: Wegen des Gaza-Konflikts und der über die Medien verbreiteten Anti-Israel-Stimmung wurde 2014 das Sommerfest der Jüdischen Gemeinde abgesagt.
Bei ihren Recherchen konnten die beiden jungen Forscher den Rabbiner und den Gemeindevorstand in Marbella zwar zu einem Gespräch treffen, insgesamt aber war die Atmosphäre, so schien es ihnen, eher von Abwehr und Misstrauen gegenüber ihrem Interesse am jüdischen Marbella geprägt.
Auch auf Island geht es für die wenigen Juden nicht nur fröhlich zu. Der Inselstaat mit seinen 330.000 Einwohnern war einer der ersten Staaten weltweit, die Palästina als eigenständigen Staat anerkannt haben, und zwischendurch gibt es schon mal antiisraelische Proteste, so anlässlich eines Fußball-Länderspiels Island–Israel. In Reykjavik ist jüdisches Leben fast unsichtbar, religiöse Feste finden in privatem Rahmen statt. Die Vermieterin der Gästezimmer, in denen die Münchner Studenten wohnten, staunte über den Wunsch ihrer jungen Besucher, jüdisches Leben in der Stadt zu erkunden: „Ich wusste gar nicht, dass es hier Juden gibt.“
Im jüdischen Istanbul dreht sich alles um Sprache: Ein kleines Grüppchen von Juden gibt sich Mühe, Ladino, die jüdische Variante des Spanischen, überleben zu lassen. Ladino war die Sprache spanischer Juden, die sie nach der Vertreibung aus Spanien in ihre neuen Länder mitbrachten – großenteils ins Osmanische Reich. Heute ist die Ladino sprechende jüdische Gemeinschaft in der 15-Millionen-Metropole Istanbul auf einige Hundert Menschen geschrumpft. Die tun allerdings alles, um ihre Sprache zu erhalten, und geben sogar eine eigene Zeitschrift, „El Amaneser“, he­raus, von der ganze Stapel in der Münchner Ausstellung ausliegen.
Budapest, Sitz der größten Synagoge und eine der größten jüdischen Gemeinden des Kontinents, ist aktuell gekennzeichnet vom Gegensatz zwischen der Beliebtheit des alten jüdischen Viertels mit seinen zahlreichen Cafés, Bars und Clubs und dem musealen Interesse der Touristen an jüdischer Kultur auf der einen und dem heutigen Fremdenhass und Antisemitismus auf der anderen Seite. In der Ausstellung steht die „Budapest Bar“ für die ungarische Hauptstadt.
In Warschau interessierte die Studenten der Umgang mit dem jüdisch-kulturellen Erbe. Die israelische Tageszeitung „Haaretz“ hatte vor ein paar Jahren spitz geschrieben, in Polen gebe es inzwischen mehr jüdische Festivals als Juden. Das erste wurde 1988 in Krakau von Nichtjuden gegründet. Überhaupt scheint es sich bei vielen dieser Veranstaltungen um „jüdische Räume ohne Juden“ zu handeln. Während der Festivals wird ein jüdisches Leben vorgegaukelt, das so gar nicht mehr existiert. Ist das Festival vorbei, sind die Straßen des einstigen jüdischen Viertels wieder ruhig, verschwinden die koscheren Spezialitäten wieder von den Speisekarten der Restaurants.
In London mit seinem vielschichtigen jüdischen Leben ist koscheres Essen hingegen Teil eines schicken Lifestyles. Folgerichtig ist die englische Metropole in der Ausstellung mit einer Kücheninstallation vertreten. Ein „Herd“ mit Animation erklärt, was koscher ist. Wer mag, darf sich Rezeptblätter mitnehmen, auf denen die Zubereitung von Gerichten wie „Omas Mazzepudding“ oder – eine frappierende Sprachschöpfung – „Bloody Mary Borschtsch“ beschrieben sind.