15. Jahrgang Nr. 9 / 25. September 2015 | 12. Tischri 5776

Festival des Dialogs

Die Erfurter Achava-Festspiele übertrafen alle Erwartungen

Von Esther Goldberg

Kantoren im Dom, international herausragende Künstler im ehemaligen Heizwerk, Debatten in der Kleinen Synagoge, politische Diskurse im Barocksaal der Staatskanzlei und Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden in der Alten Synagoge – all das und vieles mehr stand Ende August und Anfang September auf dem Programm der Achava-Festspiele in Erfurt. „Das Festival war ein voller Erfolg“, fasste Intendant Martin Kranz zusammen. Statt der erhofften 3000 Gäste waren mehr als 4000 Menschen bei mindestens einer der 26 Veranstaltungen zu Gast.
Es waren aber nicht nur die kulturellen Highlights des Programms, die die zum ersten Mal durchgeführte Veranstaltung zum Erfolg machten: Auch der Name war Programm. Achava bedeutet auf Hebräisch „Brüderlichkeit“, und so war das Festival, das viele israelische und jüdische Künstler in die thüringische Hauptstadt brachte, zugleich als ein jüdischer Impuls für den interreligiösen Dialog konzipiert. Das kam auch in der Liste der Partnereinrichtungen der Festspiele zum Ausdruck, zu denen neben dem Zentralrat der Juden in Deutschland, der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen und der israelischen Botschaft unter anderem auch das Bistum, die Evangelische Schulstiftung in Mitteldeutschland, der Zentralrat der Muslime und eine Reihe anderer politischer und sozialer Einrichtungen sowie Unternehmen und Medien gehörten.
Festspiel-Intendant Martin Kranz konnte zufrieden sein: Das war eine Premiere nach Maß und damit eine über die Maßen erfolgreiche Premiere. Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow ging auf die Bedeutung des Festivals mit den Worten ein: „70 Jahre nach dem schrecklichsten Krieg, der unseren Kontinent heimsuchte, mit dem millionenfachen Mord an unseren jüdischen Mitbürgern und 50 Jahre nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel will das Festival jüdische Akzente setzen (…) Das Festival will einen Beitrag dazu leisten, im Austausch der Kulturen jüdisches Leben in unserem Land wieder zum Erblühen zu bringen.“
Dr. Josef Schuster, Präsident des Zen­tralrats der Juden in Deutschland, hatte für diese Festspiele der Brüderlichkeit die Schirmherrschaft übernommen. In seiner Ansprache beim Eröffnungskonzert im Erfurter Dom erklärte er: „Die Festspiele stellen eine Brücke zwischen den Kulturen und Religionen dar.“ Brüderlichkeit bedeute, so sein Credo, sich auf Augenhöhe zu begegnen.
Aiman A. Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, stimmte Dr. Schuster zu. „Für mich sind diese Festspiele der Brüderlichkeit ein Signal über Thüringen hinaus“, erklärte er.
Den ersten Höhepunkt dieser Tage stellte gleich das Eröffnungskonzert dar. Die Kantoren Azi Schwartz (New York), Roslyn Barak (San Francisco) und Isidoro Abramowicz (Stockholm) ließen gemeinsam mit dem Rias-Kammerchor unter dem Dirigat des Briten Justin Doyle Psalmen der jüdischen Liturgie erklingen. „Liebe und Recht will ich singen“, so besangen sie Gott. Die wunderbare Akustik des Doms trug die Stimmen der drei Solisten und des klangreinen Chores weit in die Höhe.
„Kabbalat Schabbat“ hieß es einen Tag später in der Neuen Synagoge. Gestaltet wurde der besondere Gottesdienst wieder von den drei internationalen Kantoren. Ministerpräsident Bodo Ramelow und Erfurts Bischof Dr. Ulrich Neymeyr gehörten zu den Gästen.
Schier aus dem Häuschen geriet das Publikum während des Konzerts mit Idan Raichel aus Tel Aviv. Was er mit seiner multi-ethnischen Band während der knapp zwei Stunden im stillgelegten Heizwerk veranstaltete, verdient Superlative. Der als Friedensbote inzwischen auch international bekannte Künstler hatte in Thüringen bis dahin kaum einen Namen. Das dürfte sich nun geändert haben. Vor allem Cabra Casey riss mit ihrem Gesang das Publikum von den Sitzen. Das fröhlich-respektvolle Miteinander der von Raichel für das Projekt engagierten Künstler mit afrikanischen und karibischen Wurzeln war wie eine Botschaft für mehr Miteinander – und das in aller Leichtigkeit. „Ich glaube daran, dass ich zu meinen Lebzeiten in unserer Region Frieden erleben werde“, versicherte Raichel im Gespräch.
„Es ist ein glücklicher Umstand, dass diese Festspiele bei uns angekommen sind“, erklärte Professor Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde. Da die jüdische Gemeinde mit 780 Mitgliedern nicht allzu groß sei, müsse die jüdische Stimme umso stärker auch im öffentlichen Raum gehört werden, so Professor Schramm. Genauso sieht das auch Ministerpräsident Bodo Ramelow. „Ich bin stolz, dass ich dazu beitragen konnte, sie in Thüringen zu etablieren“, versicherte er und versprach zugleich, dass es auch in den nächsten Jahren diese Festspiele der internationalen Musik und interreligiösen Gespräche mit jüdischem Impuls geben werde.
Für Professor Jascha Nemtsov, den künstlerischen Leiter der Festspiele und Inhaber des Lehrstuhls für jüdische Musik in Weimar, waren diese Festspiele eine „Chance, ernsthaft ins Gespräch zu kommen“. Zufrieden erklärte er: „Wir haben miteinander geredet und nicht übereinander.“ Und: „Sprech- und Denkverbote sind tabu, solange man respektvoll einander aussprechen lässt.“
Offener Dialog war die Grundlage für die Gesprächsreihe „Unter dem Feigenbaum“, bei der im Barocksaal der Staatskanzlei über Kriegs- und Krisengebiete debattiert wurde. Juden im Iran, Verfolgung, Vertreibung und Genozid im Irak und in Syrien, die Situation in Afrika und der Nahe Osten als konfliktreiche Region – dies waren einige der diskutierten Themen. „Hört die Zeugen“ war die Gesprächsreihe mit Holocaust-Überlebenden in der Alten Synagoge betitelt.
Gefeierte und bejubelte Künstler wie Avi Avital (Mandoline) mit Mahan Esfahani (Cembalo), Oi Va Voi aus Großbritannien und Yemen Blues aus Israel bewiesen mit ihren Auftritten das Miteinander der Kulturen. „So leben wir auf den Straßen Tel Avivs“, erklärte Idan Raichel.
Für das kommende Jahr ist „Achava“ bereits fest eingeplant: Die Festspiele der internationalen jüdischen Kultur und Musik finden vom 1. bis 11. September 2016 statt.