5. Jahrgang Nr. 2 / 24. Februar 2005 15. Adar I 5765

Auf Spurensuche bei Josephus Flavius

Eine Betrachtung von Rabbiner Dr. Joel Berger

Heute möchte ich meinen Lesern einen Autor und seine Werke vorstellen: Die literarische Welt kennt ihn unter dem Namen Josephus Flavius. Er war der bedeutendste jüdische Historiker der klassischen Zeit des Altertums, erzählte über die Geschichte und Religion der Juden unter der Herrschaft der Griechen und Römer. Josephus stammte aus einem wohlhabenden israelitischen Haus und lebte im 1. Jahrhundert n.d.Z. Zu Lebzeiten war er „Diplomat“, „Militärbefehlshaber“ während des jüdischen Aufstandes gegen die damalige Weltmacht Rom und schließlich, nach der bitteren Niederlage, ein Kriegsgefangener. Dann wechselte er die Seiten: Plötzlich war er Dolmetscher in der römischen Legionen des Heeresführers und späteren Kaisers Vespasian. Fortan bemühte sich Josephus um dessen Gunst. Nach dem Niederringen des Aufstandes durch die Römer, zeigte sich Vespasian großzügig - wenigstens Josephus gegenüber: Er schenkte ihm die Freiheit und verlieh ihm sogar das römische Bürgerrecht. Nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 folgte ihm Josephus nach Rom, wo er bis zu seinem Tode, etwa im Jahre 100 lebte. Er legte seinen jüdischen Namen Josef ben Matitjahu ab und nannte sich Flavius-Josephus, nach dem Eigennamen des Kaisergeschlechtes.

Die Freiheit in Rom nützte er für seine literarische Tätigkeit, mit deren Hilfe er das Judentum erklären, die jüdische Religion und Geschichte objektivieren und erläutern wollte. Durch diese Arbeiten wollte er eine neue jüdische Alternative gegenüber der verhängnisvollen Politik der „Kriegstreiber“ schaffen. Im Nachhinein bewertete er den Aufstand als eine Katastrophe für das jüdische Volk, der zu seinem Untergang hätte führen können. Wollte er seinem Volk durch seine Schriften ein Denkmal setzten? In jener Zeit sind vier Werke entstanden, das bekannteste ist der „Jüdische Krieg“. Es berichtet über die Vernichtung des jüdischen Staates und Jerusalems. Beinahe zehn Jahre später - unter dem römischen Kaiser Domitian (81-96) verfasste Josephus das umfangreiche Werk „ Jüdischen Altertümer“ auf Griechisch. Das umfangreiche Werk widmet sich den Geboten und Sitten des Judentums, erklärt ihre Beschaffenheit und Begründung. Als Anhang zu diesen „Altertümern“ befindet sich seine „Autobiographie“.

Im Judentum wird bis heute über Josephus viel diskutiert. War er ein fahnenflüchtiger Verräter oder war er ein Autor, dessen Werke dafür sorgten, dass das Judentum im alten Rom verbreitet und populär wurde? Ein heute leider wenig gelesener Autor, Lion Feuchtwanger, hat mehrere berühmte historische Romane auf der Grundlage der Werke von Josephus verfaßt.