15. Jahrgang Nr. 9 / 25. September 2015 | 12. Tischri 5776

Detektiv mit Kippa

Der Baseler Universitätsprofessor Alfred Bodenheimer siedelt seine Krimis im jüdischen Milieu an

Von Ute Glaser

Der wohl berühmteste Geistliche, der als Hobby-Kriminalist in der Literatur für Furore sorgt, ist Pater Brown, der von Gilbert Keith Chesterton vor einem Jahrhundert erfundene katholische Pfarrer und Amateurdetektiv. Auch der fiktive amerikanische Rabbiner David Small, über den Harry Kemelman zwischen 1964 und 1996 zwölf Krimis veröffentlichte, brachte es zu beträchtlichem Ruhm. Jetzt haben die beiden theologisch geschulten Krimifiguren einen neuen Kollegen: den Schweizer Rabbiner Dr. Gabriel Klein – was ins Englische übersetzt „Small“ heißen würde! –, der im Milieu seiner Cultusgemeinde Zürich genauso beherzt Mordfälle löst, wie er dort arbeitet. Nebenher philosophiert er oder erklärt jüdische Traditionen. Dabei profitiert der Leser von der Sachkunde des Autors. Denn erschaffen wurde der Hobby-Ermittler mit der Kippa vom Schweizer Religionsexperten Prof. Dr. Alfred Bodenheimer, Leiter des Zentrums für Jüdische Studien an der Universität Basel.
Seine Premiere feierte der Zürcher Detektivrabbiner im vergangenen Jahr, als Bodenheimer – Jahrgang 1965 – seinen ersten Klein-Krimi „Kains Opfer“ veröffentlichte. Im nun erschienenen zweiten Buch („Das Ende vom Lied“) recherchiert der Schriftgelehrte den Tod von Carmen Singer, die vom Schnellzug überrollt wurde. Obwohl alles auf Selbstmord hindeutet, hat der Rabbiner den richtigen Riecher: Es geht um Mord! Heikel ist: Die Tote war nicht nur Mitglied in Kleins Gemeinde, sondern sie hatte ihn auch gestalkt. Dadurch gerät das private Umfeld des Rabbiners in den Blick der Polizei, darunter auch sein Ziehvater, der ehemalige Gemeindepräsident Röbi Fuchs. Hat dieser mit dem Mord zu tun? Oder vielleicht die reiche Julia Scheurer, die dem Rabbiner Liebesbriefe anvertraute, die ihr Vater, ein Holocaust-Überlebender, jahrelang seiner toten Frau schrieb? Viele Spuren werden gelegt. Am Ende ist der Leser womöglich überrascht.
Autor Alfred Bodenheimer ist mit Zürich, wo er 15 Jahre wohnte, bestens vertraut. Mit der Stadt hat er einen Rahmen gewählt, der ihm viele Möglichkeiten für interessante Kriminalfälle bietet. Orts- und Straßennamen fließen genauso in den Text ein wie diverse sprachliche Eigenheiten der Schweizer, was für überzeugendes Lokalkolorit sorgt.
Mit Klein hat Bodenheimer einen unperfekten Rabbiner geschaffen, einen Mann mit Ecken und Kanten. Er hat zwei Töchter und ist verheiratet mit Rivka, die sich mit ihm hitzige Wortwechsel liefert, weil sie sich nicht dominieren lässt, sondern höchstens süffisant anmerkt: „Ja, natürlich, du hast wie immer vollkommen recht.“ Klein ist einer, der Sitzungen und Rabbinertreffen nicht mag, der im Stau wütend aufs Lenkrad haut, dem Chef der Synagogenkommission Kontra gibt und eine Predigt schon mal lustlos runterschreibt. Und manchmal nimmt er es auch mit der Wahrheit nicht so genau, etwa wenn er einen Lehrer beschwindelt, damit seine Tochter im Orchester bleibt.
Dem Leser kommt zugute, dass der Autor genau weiß, worüber er schreibt. Bodenheimer ist ein vortrefflicher Kenner des jüdischen Milieus und selbst praktizierender Jude, weshalb er am Schabbat nicht schreibt. Er arbeitete am Franz Rosenzweig Forschungszentrum an der Hebräischen Universität in Jerusalem, war Gastdozent an der Universität Tel Aviv und wurde 1997 am Institut für jüdisch-christliche Forschung der Universität Luzern Lehr- und Forschungsbeauftragter für Judaistik – bis zur Berufung nach Basel als Professor für Religionsgeschichte und Literatur des Judentums. Seit August 2010 ist er dort Leiter des Zentrums für Jüdische Studien. Parallel zu seiner Arbeit in der Schweiz war Bodenheimer drei Jahre lang – bis 2008 – Rektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Er hat seine Sachkenntnis des Judentums in zahllosen Büchern und Aufsätzen unter Beweis gestellt, darunter 2012 der Artikel „Eine Geschichte der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich“ – genau die Welt, die Alltagsumgebung des neugierigen Rabbiners Klein geworden ist.
Doch wieso schreibt ein Religionsexperte plötzlich Krimis? Weil er selbst neugierig ist. Der Professor wollte eine für ihn neue Art des Schreibens ausprobieren. Die Idee, einen Krimi zu verfassen, sei ihm während eines Freisemesters in Israel gekommen, plötzlich eines Freitagnachmittags. So sei die Idee 24 Stunden im Kopf gereift, bevor er sie nach Schabbatende habe aufschreiben können.
Bodenheimer hat dem Text nicht nur ein Glossar jüdischer Begriffe angehängt, sondern er flicht zudem geschickt jüdische Details und Traditionen ein. So wird das Buch zu einer kleinen Lehrstunde in Sachen Judentum. Des Autors eigener Hang zum Philosophieren spiegelt sich in Klein wider, der zum Beispiel mit seiner Tochter über das Anderssein der Juden diskutiert. Sie hat Stress mit Mitschülern und will den „Grund für all unsere Extrawürste“ wissen, warum sie sich „ständig ausschließen“ muss. Klein zitiert den Gelehrten Ben Asai, wonach der Sinn in der Sache selbst liegt.
Und wenn Gott „nur eine Phantasie“ sei, hakt die Tochter nach. „Ich stünde sicherlich unter Schock“, meint ihr Vater, doch würde er unverändert sein Nachtgebet sprechen. „Du klingst wie ein Junkie“, bekommt er zu hören und antwortet: „Ja, wahrscheinlich ist es genau das, was wir Juden sind: Junkies.“ Trotz diverser „Therapien“ wie Christentum, Sozialismus und Aufklärung hätten Juden an ihrem Glauben festgehalten. „Und das alles, um einem Gott treu zu bleiben, der anders tickte, als der Gott der anderen, obwohl es angeblich derselbe war.“
Solche Einsichten ergeben mit dem Gemisch aus Mord, Betrug, Liebe, Insiderhandel, Lügen und einer Prise Schweizer Lebensart einen Krimi, der jüdischen Lesern ein Stück Identität widerspiegelt und nichtjüdischen Lesern Einblicke in den jüdischen Alltag gewährt. Auf Rabbiner Kleins dritten Fall sind seine Fans jetzt schon gespannt.

Alfred Bodenheimer: Das Ende vom Lied, Verlag Nagel & Kimche AG, Zürich, 208 Seiten,
ISBN 978-3312006489, 18,90 Euro