15. Jahrgang Nr. 9 / 25. September 2015 | 12. Tischri 5776

„Wir schauen nach vorn“

Die jüdische Gemeinde in Lübeck hat nach 77 Jahren wieder einen eigenen Rabbiner / Renovierung der Synagoge schreitet voran

Von Esther Geißlinger

77 Jahre lang hatte die jüdische Gemeinde in Lübeck keinen eigenen Rabbiner. Jetzt ist die Stelle wieder besetzt. Amtsinhaber ist Rabbiner Yakov Yosef Harety. Für die Gemeinde unter ihrem Vorsitzenden Alexander Olschanski und seinem Stellvertreter Oleg Nakoshny ist dies ein wichtiger Schritt – und der nächste folgt: Bald soll die Renovierung der Synagoge abgeschlossen sein.
Rund 800 Mitglieder umfasst die Gemeinde zurzeit, wobei der aus Israel stammende Rabbiner nahezu ausschließlich Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion betreut. Die nach der deutschen Wiedervereinigung angelaufene Zuwanderung war übrigens nicht der erste Zuzug von Juden aus dem Osten Europas in die Lübecker Gegend: Die ersten jüdischen Familien hatten sich 1656 im Dorf Moisling bei Lübeck niedergelassen, nachdem sie während des 1648 in der polnisch-litauischen Doppelmonarchie ausgebrochenen Kosakenaufstands vor den mordenden Banden Bohdan Chmelnizkis geflohen waren.
Die Sprachbarrieren überwindet der großgewachsene Harety leicht. Neben seiner Muttersprache Hebräisch spricht er auch Russisch, Deutsch und Englisch. Mit seinen 44 Jahren hat er bereits Gemeinden in Moldawien, Weißrussland, Neuseeland und Indien betreut, 2003 kam er nach Deutschland. Vor Lübeck wirkte er in Führt, Hannover und Wolfsburg. Die Orthodoxe Jüdische Gemeinde zu Wolfsburg betreut er nach wie vor. Die Arbeit in der Fremde, auch und gerade in Deutschland, sei seine Berufung: „Mitglieder meiner Familie, auch aus der meiner Frau, sind im Holocaust gestorben. Ich weiß, dass Gott erwartet, dass ich hinausgehe und den Glauben überliefere.“
Vor Haretys Amtsantritt behalf sich die Lübecker Gemeinde mit Vorbetern und wechselnden Rabbinern. „Es war schon lange der Wunsch, einen eigenen Rabbiner zu haben“, sagt Gemeindevorsitzender Olschanski. Mit der jetzigen Lösung sei die Gemeinde sehr zufrieden, die Zahl der Besucher bei den Gottesdiensten wachse spürbar.
Lübeck zählt zu den orthodoxen Gemeinden in Schleswig-Holstein. Harety, dessen Vater und Großvater bereits Rabbiner waren, ist ein klarer Vertreter der Orthodoxie, betont aber: „Religion darf auch Spaß machen!“ Frischen Wind will er in seine Gemeinde bringen und dafür sorgen, dass die Gesellschaft mehr vom Judentum erfährt. Wichtig sei auch das Gefühl von Normalität und Sicherheit im Alltag: „Wir wollen hoffen, dass Lübeck sich in dieser Hinsicht als heile Welt zeigt.“ Für die jüngere Vergangenheit traf das nicht immer zu. Im Jahr 1994 wurde in der Stadt ein Brandanschlag auf die Synagoge verübt. Obwohl die vier Täter schnell gefasst und verurteilt wurden, folgte 1995 ein weiterer Anschlag auf die Synagoge.
Im darauffolgenden Jahr nahmen Brandstifter ein Haus in der Hafenstraße ins Visier, wo Flüchtlinge untergebracht waren. Zehn Menschen, da­runter sieben Kinder und Jugendliche, starben in den Flammen. Die Täter, die sich im rechten Milieu vermuten lassen, blieben unerkannt. Der Anschlag erschütterte – und verunsicherte – auch die jüdische Gemeinde. Inzwischen, erklärt Alexander Olschanski, habe sich die Atmosphäre in der Stadt jedoch deutlich verbessert. Unter anderem seien Aufmärsche von Neonazis, die früher regelmäßig stattgefunden hätten, nunmehr verboten.
Jüngst konnte sich die Gemeinde über eine seltene Schenkung freuen. Eine private Stifterin übergab historische Kultusgegenstände aus Silber, unter anderem einen Brautring sowie einen Torazeiger.
Zurzeit wird die Synagoge nach langem Baustopp renoviert. Gebaut wurde sie während der ersten Blütezeit der Gemeinde zwischen 1870 und 1919. Die prägende Gestalt dieser Zeit war Rabbiner Salomon Carlebach. Das heute nach Carlebach benannte Gotteshaus entsprach ursprünglich dem romantischen „maurischen“ Stil. Das Gebäude überstand die NS-Zeit vergleichsweise unbeschadet, auch wenn die Synagoge in der Reichskristallnacht in Brand gesetzt und die Schmuckfassade des Gebäudes zerschlagen wurde. Zum Glück für die Nachbarn wurde der Brand damals gelöscht, bevor das Feuer auf andere Häuser übergreifen konnte. In dem Synagogengebäude richteten die Nazis anschließend eine Turnhalle ein.
Bei der nun durchgeführten Renovierung wollte die Gemeinde die ursprüngliche Fassade wiederherstellen, stieß damit aber auf Widerstand seitens des Denkmalschutzes. „Das beendete die Diskussion“, bedauert Olschanski, doch kann er sich vorstellen, die Frage nach der Gestaltung der Fassade in Zukunft erneut aufzugreifen. Bis dahin aber sei die Hauptsache, dass die Gemeinde nun ihre Veranstaltungen in der Synagoge abhalten könne: „Wir“, betont der Gemeindevorsitzende, „schauen nach vorn.“