15. Jahrgang Nr. 9 / 25. September 2015 | 12. Tischri 5776

Meines Bruders Hüter

Jüdische Arbeit für Menschen mit Behinderung macht in Deutschland Fortschritte

Von Heinz-Peter Katlewski

Wenn Keren Kotlyarevskaya in die „Werkstatt für angepasste Arbeit“ in Düsseldorf-Reisholz kommt, darf ihre große Stoffpuppe Aaron nicht fehlen. In den Händen der Lehrerin und Theaterpä­dagogin wird Aaron, ein drolliger Rotschopf, lebendig. Er spricht mit ihren Schülern, jüdischen Menschen mit Behinderung, die in der Werkstatt betreut und auf ein möglichst eigenständiges Leben vorbereitet werden. Sie lieben Aaron.
Freilich ist die Puppe nur eine der vielen Requisiten, die bei Kotlyarevskaya zum Einsatz kommen. Genauso ist die Düsseldorfer Werkstatt nur eine von immer mehr Einrichtungen, in denen jüdische Menschen mit Handicap eine auf ihre Bedürfnisse angepasste und zugleich spezifisch jüdische Betreuung erfahren.
Eine treibende Kraft jüdischer Behindertenarbeit ist die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Bereits im Mai 2004 lud die Einrichtung auf Anregung ihres Direktors Benjamin Bloch erstmals Angehörige von Menschen mit Behinderung zu einem Erfahrungsaustausch ein. 2005 gründete sie dann mit Unterstützung der „Aktion Mensch“ das Projekt „Integration von Menschen mit geistiger und psychischer Behinderung in das jüdische Gemeindeleben“. 90 Interessierte kamen im Februar 2006 zu einer großen Tagung nach Frankfurt am Main.
Daraus hat sich inzwischen ein breitgefächertes Hilfsangebot entwickelt. Zu diesem gehört auch das gemeindeübergreifende „Empowerment-Projekt“ der ZWST für russischsprachige Menschen mit Behinderung. In Nordrhein-Westfalen wird es von Keren Kotlyarevskaya geleitet. Die ZWST-Mitarbeiterin bringt in Dortmund, Recklinghausen, Düsseldorf und Köln Gruppen vorwiegend geistig gehandicapter Menschen die deutsche Alltagssprache näher. Das Ziel: Die Kursteilnehmer sollen außerhalb geschützter Räume auch im Bereich der Kommunikation selbstständiger werden.
In der Düsseldorfer Werkstatt zeigt sich, dass sich die Mühe lohnt. Die Teilnehmer haben bereits einige Deutschkenntnisse im Umgang mit ihren Kollegen erworben. Michael K. zum Beispiel. Im Gespräch erklärt er auf Deutsch, wie froh er ist, in dieser Werkstatt Haustürschlüssel sortieren und verkaufsfertig vorbereiten zu können. Das freundliche Klima, Kollegen mit ähnlichen Einschränkungen – das sei ungleich viel angenehmer als der frühere Alltag in seiner Geburtsstadt Moskau. Auch Jüdisches wird vermittelt: Vor allem anlässlich von Feiertagen greift Keren Kotlyarevskaya tief in ihre Requisitenkiste, sie dekoriert, bereitet den Teilnehmern einen festlichen Tisch, erzählt, singt und feiert mit ihnen.
Selbsthilfegruppen für Menschen mit Behinderung und deren Angehörige sind in einer Reihe von Gemeinden entstanden, die meisten auf Anregung und mit Hilfe der ZWST. Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf war 2005 die erste, die aus eigenen Mitteln initiativ wurde. Heute gibt es dort jeden Freitag für Betroffene Angebote. Sie üben sich nicht nur im Deutschen, sondern basteln und singen sie auch, angeleitet von engagierten Gemeindemitgliedern. Anliegen aller Aktivitäten ist die Integration von Menschen, die ein Handicap haben, ins Gemeindeleben und in die deutsche Gesellschaft.
Mittlerweile habe das Projekt viele Facetten gewonnen, weiß ZWST-Koordinatorin Dinah Kohan zu berichten. So berate ein Servicezentrum Angehörige und Gemeinden sowohl bei der Gründung und Organisation von Selbsthilfegruppen und Netzwerken als auch bei Problemen mit einzelnen Klienten. Auf Deutsch und Russisch gebe es Hilfe zu sozial- und pflegerechtlichen Fragen – auch im Internet. Werde es allzu speziell, wisse man in der Frankfurter ZWST-Zentrale, welche Organisationen und Fachleute weiterhelfen könnten. Menschen mit Autismus und ihre Familien würden ebenfalls durch Beratung Unterstützung erfahren. Für psychisch Kranke seien in Recklinghausen, Bonn und Köln Gesprächskreise unter fachkundiger Leitung etabliert worden. Die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter würden regelmäßig durch Informationsveranstaltungen und Seminare weitergebildet.
In Berlin und Frankfurt arbeiten Künstler, unterstützt von der ZWST, mit jüdischen Menschen, die ein Handicap, aber keinen oder nur einen geringen Betreuungsbedarf haben, und eröffnen ihnen damit neue Ausdrucksformen. Kunst fördert die Kreativität und stärkt das Selbstbewusstsein.
Ein wichtiges Vorhaben ist die Inklusion von behinderten Jugendlichen in die Arbeit der jüdischen Jugendzentren. Bisher war das von wenig Erfolg gekrönt. Nun setzt die ZWST auf ihre Machanot und beginnt, die Situation der betroffenen Kinder in die Ausbildung ihrer Madrichim zu integrieren. In diesem Rahmen, so hofft Dinah Kohan, könne man Kinder und Jugendliche frühzeitig damit vertraut machen, wie etwa Gleichaltrige mit Downsyndrom oder Asperger-Autismus in die Gemeinschaft aufgenommen werden können.
Menschen mit geistiger Behinderung werden ermuntert, Entwürfe für die eigene Zukunft zu wagen. Vielen falle dabei zuerst ein, selbst eine Familie gründen zu wollen. Seltener werde der Wunsch geäußert, in eigenen vier Wänden einigermaßen selbstbestimmt zu leben. Das aber könnte ein Thema sein, das schon bald an Aktualität gewinnt. Die Eltern werden sich mit zunehmendem Alter schwer tun, für ihre auch nicht mehr ganz jungen Kinder Verantwortung zu übernehmen. Bereits vor zehn Jahren wurde deshalb auf ZWST-Tagungen über jüdische Wohngruppen diskutiert. Langsam werden sie Realität. In Frankfurt am Main haben ZWST und Gemeinde, angebunden an das jüdisch-christliche Seniorenheim der Budge-Stiftung, eine betreute Wohngruppe für Menschen mit Behinderung gegründet. Damit ist auch die koschere Verpflegung der Bewohner gesichert. Aus ähnlichen Gründen hat nun auch die Düsseldorfer Gemeinde ihre erste Wohngruppe – für drei Männer – in unmittelbarer Nachbarschaft ihres Elternheims „Nelly-Sachs-Haus“ eröffnet.
Allerdings ist der Bedarf an jüdischer Behindertenarbeit noch lange nicht gedeckt. Beispielsweise sind Menschen, die einen Platz in einer Werkstatt für angepasste Arbeit haben, noch Ausnahmen. Es ist aber zu hoffen, dass die bisher erzielten Erfolge in noch größerem Umfang Nachahmung finden.