15. Jahrgang Nr. 9 / 25. September 2015 | 12. Tischri 5776

Aus den Gemeinden – Jüdisches Leben

Zeitzeuge

Uri Chanoch, Holocaust-Überlebender und Vorsitzender der Vereinigung der Überlebenden der Außenlager des Konzentrationslagers Dachau, ist im Alter von 87 Jahren in Israel verstorben.
Chanoch wurde 1928 im litau­ischen Kowna geboren. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjet­union – die Litauen 1940 annektiert hatte – wurde er im Sommer 1941 im Kownaer Ghetto inhaftiert. 1944 wurde er mit seinem Vater und seinem Bruder nach Landsberg/Kaufering, einem Außenlager von Dachau, und später nach Dachau selbst deportiert. Dort wurde er von der amerikanischen Armee befreit und ging 1946 nach Israel.
Der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, erklärte, Chanoch habe die Arbeit der bayerischen KZ-Gedenkstätten im Lauf vieler Jahre mitgeprägt. Sein persönlicher Einsatz als Zeitzeuge sei von unschätzbarem Wert für die Gedenkarbeit in Bayern gewesen. Uri Chanoch war auch Direktoriumsmitglied der Conference on Jewish Material Claims against Germany und setzte sich in dieser Eigenschaft für die Rechte von Holocaust-Überlebenden ein.
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Dr. Josef Schuster, erklärte: „Der Tod von Uri Chanoch bedeutet für uns einen großen Verlust. Trotz allem, was er durchgemacht hatte, war er ein lebensbejahender und warmherziger Mensch und stets ein Mann des Ausgleichs.“

Rottweil

Mit einem symbolischen Spatenstich hat in Rottweil der Bau einer neuen Synagoge begonnen. Die Bauzeit des am Rand der Altstadt zu errichtenden Gebäudes wird auf zwei Jahre veranschlagt. Der bisherige Betsaal, der der Israelitischen Kultusgemeinde Rottweil gegenwärtig zur Verfügung steht, ist für ihre Bedürfnisse zu klein. Neben der Synagoge soll das Gemeindezentrum auch die Durchführung von Veranstaltungen möglich machen.
Jüdisches Leben in Rottweil ist seit dem 14. Jahrhundert dokumentiert, doch war Juden die Wohnsitznahme in der Stadt zwischen 1500 und 1806 untersagt. 1933 lebten 84 Juden in der Stadt. Nach der Reichskristallnacht im November 1938 wurde die Gemeinde liquidiert.

Leipzig

Die Israelitische Religionsgemeinde in Leipzig hat eine neue Torarolle eingeweiht. Der Erwerb des neuen Sefer-Tora wurde erforderlich, weil der alte nicht mehr genutzt werden konnte. Vor der Feierstunde in der Synagoge wurde die Tora durch das Schreiben der letzten Buchstaben vollendet. Die Kosten der neuen Torarolle, die sich auf rund 20.000 Euro beliefen, wurden zum Großteil aus Spenden finanziert.

Fußball

Gleich zwei schwerwiegenden antisemitischen Vorfällen sahen sich in den letzten Wochen Fußballspieler von Makkabi-Sportvereinen ausgesetzt. Ende August wurden Spieler und Angehörige des TuS Makkabi Berlin von Spielern der gegnerischen Mannschaft Meteor 06 III antisemitisch diffamiert und tätlich angegriffen. Im Verlauf der ersten Halbzeit wurden Spieler von TuS Makkabi als „Judenschweine“ und „dreckige Juden“ beschimpft. Zehn Minuten nach Anpfiff der zweiten Halbzeit eskalierte die Situation, nachdem ein Spieler von Meteor 06 einen Anhänger von TuS Makkabi auch tätlich angegriffen hatte. Nachdem der Schiedsrichter sich genötigt sah, das Spiel abzubrechen, zogen sich die Makkabi-Spieler in die Kabine zurück und verließen den Platz später unter Polizeischutz.
In Köln kam es Anfang September nach einem Fußballspiel des TuS Makkabi Köln gegen den ESV Olympia Köln zu verbalen antisemitischen Ausschreitungen durch einige Spieler der gegnerischen Mannschaft. Die Spieler von Makkabi – unter denen Angehörige verschiedener Religionen, darunter auch Muslime, sind – wurden mit Rufen wie „Scheiß-Juden“ provoziert und beleidigt. Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln verurteilte das Verhalten des ESV Olympia Köln aufs Schärfste.

Frankfurt

Die bisherige Leiterin der Medienabteilung im Jüdischen Museum in Berlin, Mirjam Wenzel, wurde zur neuen Leiterin des Jüdischen Museums in Frankfurt ernannt. Den entsprechenden Beschluss hat der Frankfurter Magistrat auf Vorschlag von Kulturdezernent Felix Semmelroth gefasst. Wenzel tritt ihr neues Amt zum 1. Januar 2016 an. Die Literaturwissenschaftlerin ist die Nachfolgerin von Raphael Gross, der nach fast zehn Jahren an der Spitze des Frankfurter Museums eine neue Position angenommen hat und seit April das Leipziger Simon-Dubnow-Institut leitet.