15. Jahrgang Nr. 9 / 25. September 2015 | 12. Tischri 5776

Gesicht zeigen

Das Recht der Flüchtlinge auf Schutz und Menschlichkeit muss gewährleistet werden

Menschenleben und Menschenwürde stehen nicht zur Disposition: ein Satz, der an sich selbstverständlich ist, dessen Selbstverständlichkeit aber in diesen Tagen angesichts der Flüchtlingskrise leider in Erinnerung gerufen werden muss. Das gilt nicht nur, aber auch für Deutschland: Flüchtlingsunterkünfte, die niedergebrannt werden. „Wutbürger“ – welch ein Unwort –, hinter deren Wut ungehemmter Rassismus steht. Brave Bürger, die, hinter dem Rücken der gewalttätigen Extremisten versteckt, klammheimliches Verständnis für die Gewalt gegen die Fremden verspüren. Es ist ein erschreckendes Bild. Es ist eine Entwicklung, der dringend Einhalt geboten werden muss.
Das bedeutet nicht, dass eine politische Debatte über die Zuwanderung nach Deutschland oder über die richtigen Wege zur Realisierung des Asylrechts illegitim wäre. Sie ist legitim und erforderlich. Die Beschlüsse, die dabei gefasst werden, und der Erfolg, der ihrer Durchsetzung beschieden sein wird, werden die Entwicklung der deutschen Gesellschaft auf lange Zeit prägen. Allerdings dürfen wir die Menschenhasser nicht gewähren lassen, während in der Politik das Für und Wider verschiedener Lösungsmodelle abgewogen wird.
Uns Juden ist das in aller Klarheit bewusst. Im Laufe von mehr als zweitausend Jahren kannten wir Not und Flucht. Wir wissen, was es bedeutet, wenn alle Tore verschlossen bleiben und einem nicht einmal lebensrettende Hilfe gewährt wird. Und uns ist auch in aller Schärfe bewusst, wie es ist, Hassattacken ausgesetzt zu sein. Hier sollen, wohlgemerkt, keine falschen historischen Vergleiche angestellt werden. Es ist aber so, dass wir ebenso reichhaltige wie unfreiwillige Erfahrungen als Flüchtlinge gesammelt haben. Sie sind Teil unseres kollektiven Bewusstseins. Auch deshalb ist es für uns nur natürlich, in der jetzigen Situation klare Worte zu finden.
Alle Bewohner dieses Landes – unabhängig von Herkunft, Religion und Hautfarbe – sind aufgefordert, sich dafür einzusetzen, dass Flüchtlinge nicht nur abstrakt als Mitmenschen anerkannt werden, sondern auch unterstützt und geschützt werden. Geschützt vor Hitze, vor Kälte, vor Hunger und Krankheit, aber auch vor Demütigung und Gewalt. Unsere Anerkennung und unser Dank gelten den zahlreichen Menschen, die den Neuankömmlingen helfen, zumeist ohne andere Entlohnung als das Bewusstsein, das Richtige zu tun. Der Lohn der guten Tat ist übrigens, so ein wichtiger Grundsatz des Judentums, die gute Tat selbst.
Allerdings reicht der Dank an die Helfer nicht. Vielmehr müssen alle, denen Menschlichkeit – die der Flüchtlinge und ihre eigene – wichtig ist, dem Ungeist von Rassismus, Fremdenhass und Gewalt entgegentreten. Je lauter wir unsere Stimme erheben, umso weniger Einfluss haben die Hasser. Und natürlich ist es wichtig zu begreifen, dass es bei diesem Kampf auch um unsere eigene Zukunft geht: Dieselben Leute, die Flüchtlingsheime niederbrennen, werden auch Politiker und Aktivisten angreifen, die ihnen als „Volksverräter“ gelten. Zum Teil geschieht das schon. Sie würden wahrscheinlich auch nicht davor zurückschrecken, Anschläge auf Synagogen zu verüben. Ihr übergreifendes Ziel ist es, das Gebäude der Demokratie niederzureißen.
Das ist den demokratischen Kräften in der deutschen Politik bewusst, doch müssen Worten auch Taten folgen. Eine entschlossene Bekämpfung des Extremismus muss mit allen Mitteln des Rechtsstaates fortgesetzt und an die neuen Bedrohungen angepasst werden. Zugleich sind wir, die Bürger, aufgerufen, den Entscheidungsträgern den Rücken zu stärken und uns eindeutig zu den Prinzipien der Freiheit und der gegenseitigen Akzeptanz zu bekennen. Es ist eine schwere Zeit. Umso wichtiger ist es, Gesicht zu zeigen.

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