15. Jahrgang Nr. 8 / 28. August 2015 | 13. Elul 5775

Großprojekt

Eine historisch-kritische Gesamtedition zeichnet die Entwicklung von Martin Bubers Denken nach

Das Jahr 2015 – 50 Jahre nach dem Tod des großen jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber – wurde in Deutschland zum Buber-Jahr erklärt. Zahlreiche Einrichtungen führen Veranstaltungen durch, mit denen der Person und des Wirkens des Gelehrten gedacht wird. Es gibt aber auch ein Buber-Projekt, das viel zu groß ist, um binnen Jahresfrist realisiert zu werden. Vielmehr wird an ihm bereits seit zwei Jahrzehnten gearbeitet, der voraussichtliche Abschlusstermin ist 2018. Die Rede ist von der gegenwärtig an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf unter der Federführung des israelisch-amerikanischen Judaisten und Buber-Experten Paul Mendes-Flohr und des Düsseldorfer Literaturprofessors Bernd Witte erstellten historisch-kritischen Gesamtausgabe von Martin Bubers Werken.
Wie Simone Pöpl und Arne Taube, wissenschaftliche Mitarbeiter des ambitionierten Editionsprojekts, erläutern, ergibt sich die Komplexität des Vorhabens nicht nur aus der Tatsache, dass in der auf 21 Bände ausgelegten Werkausgabe insgesamt 1500 Texte zu erfassen sind. Vielmehr hat Buber im Laufe seiner 65 Jahre währenden wissenschaftlichen und publizistischen Tätigkeit zahlreiche Texte neu bearbeitet, oft mehr als nur einmal. Sein grundlegendes Werk zur Geschichte des messianischen Glaubens im Judentum, „Das Königtum Gottes“, wurde beispielsweise dreimal veröffentlicht: zum ersten Mal 1932, zum zweiten Mal 1936 – mit einem neuen Vorwort und einer Entgegnung an Kritiker der ersten Ausgabe – sowie 1948 mit einem weiteren Vorwort und neuen Anmerkungen.
Fast alle von Bubers Texten, so Pöpl und Taube in einem Gespräch mit der „Zukunft“, erfuhren im Laufe der Zeit in dem einen oder anderen Maße Änderungen. Bei 400 Texten handelt es sich um weitreichende Überarbeitungen früherer Versionen. Um die Änderungen nachvollziehbar zu machen, wird bei der neuen Edition ein komplexer wissenschaftlicher Apparat eingesetzt. Damit keine unübersichtliche Häufung von Fußnoten entsteht, werden die Anmerkungen zu den geänderten Stellen in den meisten Bänden in einem separaten Kommentarteil untergebracht. Neben den beiden Hauptherausgebern hat jeder Band seinen eigenen Fachherausgeber, der auch einen einleitenden Kommentar zum Inhalt verfasst. Bisher sind 11 der geplanten 21 Bände erschienen: der erste, „Frühe kulturkritische und philosophische Schriften“, im Jahr 2001 im Gütersloher Verlagshaus. Gegenwärtig werden „Die Erzählungen der Chassidim“ für die Veröffentlichung vorbereitet.
Werkausgaben von Bubers Schriften gab es natürlich auch schon früher, doch wird mit dem jetzigen Projekt erstmals die Gesamtheit seiner Werke historisch-kritisch erfasst. Die Bedeutung einer solchen Edition ist nicht nur aus historischen Gründen wichtig, sondern – nicht zuletzt angesichts des großen Einflusses, den Buber auf zahlreiche jüdische Denker und auf den jüdisch-christlichen Dialog ausgeübt hat – auch in wissenschaftlicher Hinsicht geboten. Die Gesamtedition soll es Judaisten, Theologen und Philosophen leichter machen, die Entwicklung von Bubers Denken nachzuvollziehen. Bei der Edition handelt es sich um eines der größten judaistischen Projekte, die in Deutschland nach der Schoa unternommen worden sind.
Zu den bekanntesten Werken Bubers gehören seine Schriften zum Chassidismus, doch umfasst sein Wirken eine breite Palette von Themen, zu denen unter anderem auch biblische Schriften, Philosophie und Religion aber auch das Verhältnis zwischen Juden und Christen gehören. Er verfasste auch politische Texte und setzte sich in Israel für einen Ausgleich zwischen Juden und Arabern ein. Viele der Publikationen zu diesem Thema schrieb er auf Hebräisch, doch blieb seine wichtigste Arbeitssprache auch nach der Flucht aus Nazideutschland und der Übersiedlung nach Israel im Jahre 1938 Deutsch. Die Wirkung, die seine Werke entfalteten, ist in Deutschland ohnehin größer als in Israel.
Buber starb 1965 in Jerusalem im Alter von 87 Jahren. Die Idee einer umfassenden Edition seiner Schriften wurde in den nachfolgenden Jahrzehnten erwogen, nicht aber realisiert. 1995 war es dann aber soweit: Unter der gemeinsamen Herausgeberschaft von Professor Willy Schottroff von der Goethe-Universität Frankfurt und Professor Paul Mendes-Flohr von der Hebräischen Universität in Jerusalem wurde die historisch-kritische Gesamtedition als gemeinschaftliches deutsch-israelisches Projekt in Angriff genommen. Nach Schottroffs Tod 1997 übernahm Peter Schäfer, damals Judaistik-Professor an der Freien Universität Berlin (und heute Direktor des Jüdischen Museums in der Bundeshauptstadt) die Aufgabe des deutschen Herausgebers. Seitdem wechselte das Projekt mehrmals die Träger und Förderer, zu denen unter anderem die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften gehörte.
Die ersten vier Bände der Gesamtausgabe wurden an der Freien Universität Berlin bearbeitet. 2010 kam das Projekt nach Düsseldorf, wobei seine Realisierung beschleunigt wurde. Bis Ende 2014 finanzierten die Heinrich-Heine-Universität und das Land Nordrhein-Westfalen das Vorhaben, das gegenwärtig von der Gerda-Henkel-Stiftung, der Friede Springer Stiftung sowie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.

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