15. Jahrgang Nr. 8 / 28. August 2015 | 13. Elul 5775

Labyrinth des Hasses

Das Buch „Israel ist an allem schuld“ analysiert schonungslos und präzise den als Israelkritik getarnten Antisemitismus

„Israel ist an allem schuld“ – unter diesem sarkastischen Titel haben die Journalisten Georg M. Hafner und Esther Schapira ein Buch verfasst, das sich mit einem in der deutschen Öffentlichkeit ebenso verbreiteten wie gern verdrängten Phänomen beschäftigt: dem als Israelkritik getarnten Antisemitismus. „Warum der Judenstaat so gehasst wird“ lautet der Untertitel der Analyse, die auf 317 Seiten detailreich schildert, wie sich der Israel-Hass eine vermeintlich politisch korrekte Bahn in die deutsche Gesellschaft geschlagen hat. Die Autoren zeigen die Methoden auf, mit denen einschlägig gesinnte Zeitgenossen Juden als eine Gefahr für die Welt darstellen, ohne sich selbst als Antisemiten zu bezeichnen – was sie in Wirklichkeit freilich nicht weniger antisemitisch macht. Das Buch belegt auch, mit welch einfachen Propagandalügen die antiisraelische Stimmung in Deutschland entfacht und in weiten Kreisen gern rezipiert wird.
An konkreten Beispielen für die Diffamierung und die Delegitimierung Israels fehlt es nicht. Ihre Kumulation verdeutlicht das Ausmaß der medialen Entstellungen. Ein bezeichnendes Bild zeichnen die in Deutschland vorherrschenden Reaktionen auf die Entführung und Ermordung von drei jüdischen Jugendlichen durch die Hamas im Juni 2014. Die Medienberichterstattung machte aus den drei Mordopfern vor allem „Siedler“. Will heißen: selber schuld. Die Empathie mit den Entführten und ihren um das Leben der Kinder bangenden Eltern war, so Hafner und Schapira, „eher verhalten“. Stattdessen galt die Empörung Israel. Die von der israelischen Armee eingeleitete Suche nach den drei Jugendlichen wurde als völlig überzogen angeprangert.
Ausführlich werden in dem Buch deutsche Reaktionen auf die israelische Militäroperation gegen die Hamas im Gazastreifen im vergangenen Jahr behandelt. Die Autoren dokumentieren die antisemitische Dimension der sogenannten propalästinensischen Friedensdemonstrationen in Deutschland, bei denen nicht nur offen die Vernichtung Israels gefordert wurde, sondern auch antisemitische Parolen die Runde machten, bis hin zur Darstellung Israels als eines das Blut palästinensischer Kinder trinkenden Monsters. Von den in Sprechchören vorgetragenen Parolen „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ oder „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“ ganz zu schweigen.
Dokumentiert wird indessen, dass nicht nur diejenigen, die solche unverhohlen antisemitischen Parolen brüllen, vom antiisraelischen Ungeist befallen sind. Auch die Mitverantwortung großer Teile der intellektuellen Elite in der Bundesrepublik für die Dämonisierung Israels wird in dem Buch aufgegriffen, darunter das berüchtigte „Gedicht“ von Günter Grass „Was gesagt werden muss“. In diesem „Werk“ verstieg sich der Schriftsteller 2012 zu der Behauptung, Israel gefährde den Weltfrieden und nehme sich das Recht auf einen atomaren Erstschlag heraus. Dies ist ein Beispiel, das belegt, wie sehr intellektuelle Kreise in Deutschland Israels Recht auf Selbstverteidigung und Existenz in Abrede stellen oder zumindest relativieren.
Vor diesem Hintergrund wird die Leichtigkeit verständlich, mit der noch so dreiste antiisraelische Lügen geglaubt werden, während kaltblütig mordende Terroristen auf Verständnis stoßen. So etwa behaupteten palästinensische Propagandisten im Jahr 2002 während einer israelischen Antiterroroperation in Dschenin, die israelische Armee habe 600, wenn nicht gar 800 oder 1000 Palästinenser getötet. Prompt war von einem Massaker an der palästinensischen Zivilbevölkerung die Rede. Die Verunglimpfung wurde in den internationalen Medien eifrig aufgegriffen. Vier Monate später musste sogar die UNO in ihrem Untersuchungsbericht feststellen, von einem „Massaker“ in Dschenin könne keine Rede sein: Bei den Kämpfen seien 23 israelische Soldaten und 75 Palästinenser, mehrheitlich bewaffnete Kämpfer, gefallen. Den Schaden, den Israel durch die unreflektierte Übernahme palästinensischer Propaganda erlitten hatte, konnte diese Richtigstellung natürlich nicht beheben.
Die Autoren des Buches beleuchten auch jüdische Reaktionen auf den Juden- und Israelhass. Sie haben in Deutschland lebende Juden nach ihren Reaktionen auf die als Kritik an der israelischen Politik getarnte antisemitische Stimmung gefragt. Dieser Blickwinkel verleiht dem Buch zusätzliche Authentizität. Die jüdischen Gesprächspartner berichten von Gefühlen der Beklemmung, ja der Angst vor dem alltäglichen Antisemitismus. Ohne in Panik zu verfallen oder Deutschland zu verlassen, zeichnen die Interviewten doch ein beklemmendes Bild. Es ist klar, dass Hafners und Schapiras Interviewpartner mit ihren Gefühlen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft nicht allein stehen.
Wie die Autoren in der Einleitung zum Buch schreiben, wollen sie dem Leser helfen, versteckten oder offenen Antisemitismus zu erkennen und ihm entschiedener begegnen zu können: „bei anderen – aber auch bei sich selbst“. Nun weiß man: Bei Antisemiten auf eine Selbstläuterung zu hoffen, wäre zu viel erwartet. Unvoreingenommenen Zeitgenossen aber, die bereit sind, tiefsitzende Vorurteile zu erkennen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, bietet „Israel ist an allem schuld“ viel Stoff zum Nachdenken.

wst

Georg M. Hafner/Esther Schapira: „Israel ist an allem schuld – warum der Judenstaat so gehasst wird“, Eichborn-Verlag in der Bastei-Lübbe AG, Köln, 2015, ISBN 978-3-8479-0589-9, 19,99 Euro