15. Jahrgang Nr. 8 / 28. August 2015 | 13. Elul 5775

„Was ich immer schon wissen wollte ...“

Glossar mit Begriffen des Judentums – von Rabbiner Dr. Joel Berger

Jeschiwa (hebräisch, wörtlich „Sitzen“ „Sitzung“):

Bezeichnung für Tora- und Talmud-Akademie. Mehrzahl: Jeschiwot.
Religiöse Akademien gab es bereits im 6. Jahrhundert vor der Zeitenwende, also in der Zeit des Zweiten Tempels. Allerdings wurde die Tora bis kurz nach der Zeitenwende im Stehen und nicht im Sitzen studiert. Ab dieser Zeit wurde als „Sitzen“ auch das Tora-Lernen bezeichnet. Mit der Zeit bürgerte sich dieser Begriff auch für religiöse Akademien ein. An den beiden berühmten babylonischen Jeschiwot von Pumbedita und Sura entstand nicht zuletzt der Babylonische Talmud.
Jeschiwot gab es auch in späteren Perioden der jüdischen Geschichte. Eine Blütezeit für Talmud-Akademien setzte Anfang des 19. Jahrhunderts ein, als im litauischen Judentum eine Reihe berühmter Jeschiwot gegründet wurde, darunter solche wie Ponewesch, Slobodka und Mir. Einige Jahrzehnte später wurde das Tora-Studium auch bei Chassidim und bei sefardischen Juden durch die Gründung von Jeschiwot nach ähnlichem Muster bereichert. An Jeschiwot entstand eine intellektuelle Elite, die beispielsweise auch die Entstehung der modernhebräischen Literatur maßgeblich prägte.
Während der Schoa wurde die osteuropäische Jeschiwa-Welt vernichtet, doch existieren Ableger oder Neugründungen der berühmten Akademien heute in Israel wie in den USA. In Israel haben sich mehrere Kategorien von Jeschiwot ausgebildet, so etwa ultraorthodoxe und nationalreligiöse. Ein besonderer Typ sind die sogenannten Hesder-Jeschiwot, deren wehrpflichtige Studenten den Militärdienst mit dem Tora-Studium verbinden. Jeschiwot für verheiratete Männer werden „Kollelim“ (Singular: Kollel“) genannt.