15. Jahrgang Nr. 8 / 28. August 2015 | 13. Elul 5775

Spurensuche

Forscher erkunden unterirdische Reste der Großen Synagoge von Wilna

Zu den weltweit bekanntesten jüdischen Gotteshäusern gehörte jahrhundertelang die Große Synagoge von Wilna. Ursprünglich im 16. Jahrhundert gebaut, wurde sie in den Jahren 1630 bis 1633 neu errichtet. Mitte des 18. Jahrhunderts gestaltete sie der deutschstämmige Wilnaer Baumeister Johann Christoph Glaubitz im Stil der italienischen Renaissance um.
In der Großen Synagoge hielt, so die Überlieferung, der Wilnaer Gaon (Rabbiner Elijah Ben Salomon Salman, 1720–1797) als kleiner Junge vor illustren Gelehrten eine überwältigende Predigt, die seinen Ruf als Tora-Genie (Iluj) begründete. Von der Pracht der Großen Synagoge soll sogar Napoleon überwältigt gewesen sein, als er 1812 durch Wilna zog. In jedem Fall aber wurde die Synagoge mit der Zeit zum Mittelpunkt eines größeren Komplexes, zu dem weitere Bethäuser, Ritualbäder, der Sitz des Gemeinderats und die berühmte jüdische Straszun-Bibliothek gehörten. Zwar gab es in Wilna, in dem zwischen den beiden Weltkriegen rund 55.000 Juden lebten, mehr als einhundert Synagogen, doch waren die Große Synagoge und die sie umgebenden Einrichtungen der Fokalpunkt jüdischen Lebens.
Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurde die Synagoge schwer beschädigt, aber nicht zur Gänze zerstört. In den fünfziger Jahren wurde sie von den sowjetischen Behörden abgerissen. An ihrer Selle entstand eine Schule.
Allerdings sind nicht alle Spuren verschwunden. Im Juni dieses Jahres konnten Experten der litauischen Behörde für die Bewahrung des Kulturerbes und der israelischen Antiquitätenbehörde mithilfe eines Bodenradars unterirdisch gelegene Teile des Synagogenkomplexes verorten. Das kommt nicht von ungefähr: Der Boden des fünf Stockwerke hohen Gebäudes hatte unterhalb des Straßenniveaus gelegen. Daher war das Innere des Gotteshauses noch imposanter, als sich von außen erkennen ließ. Die Bima stand zwischen vier Säulen in der Mitte des großen Saals, der 22,5 mal 21 Meter maß.
Nach Mitteilung der Antiquitätenbehörde wurden bei der Auswertung der Radarabbildungen „bedeutende Überreste“ der Synagoge und möglicherweise auch Ritualbäder ermittelt. Als nächster Schritt sind nun Ausgrabungen an der Fundstelle geplant. Die Arbeiten sollen 2016 anlaufen. Die Forscher hoffen, die dabei freigelegten Teile des Synagogenkomplexes konservieren und künftig der Öffentlichkeit zugänglich machen zu können. Die israelische Antiquitätenbehörde plädiert dafür, neben litauischen und israelischen Archäologen und Freiwilligen auch Helfern aus anderen Ländern die Teilnahme an den Ausgrabungsarbeiten zu ermöglichen. Für das Projekt werden zudem Sponsoren gesucht.
Das Forscherteam, das die Bodenradaruntersuchung durchgeführt hat, wurde von Zenonas Baubonis von der litauischen Kulturerbe-Behörde, von Dr. Jon Seligman von der israelischen Antiquitätenbehörde und von Professor Richard Freund von der amerikanischen Hartford-Universität geleitet. Die Antiquitätenbehörde nimmt über ihre Website Anmeldungen für die Teilnahme an den geplanten Ausgrabungen an. Englischsprachiger Internetauftritt der Behörde: http://www.antiquities.org.il/default_en.aspx.

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