15. Jahrgang Nr. 8 / 28. August 2015 | 13. Elul 5775

Sportlich, fröhlich, historisch

Die Europa-Makkabiade in Berlin war in vielerlei Hinsicht eine fulminante Veranstaltung

Von Alice Lanzke

2300 Teilnehmer aus 37 Ländern, 300 freiwillige Helfer, 166 Wettkämpfe in 19 Sportarten und 2900 Medaillen: Die European Maccabi Games 2015 (EMG), die in diesem Jahr zum ersten Mal in Deutschland stattfanden, waren in mehr als nur einer Hinsicht spektakulär. Schon der Auftakt in der Berliner Waldbühne geriet fulminant. Unter den Augen von fast 9000 Gästen zogen die Sportler in das Amphitheater ein. Die Ränge der zum Berliner Olympiapark gehörenden Freilichtbühne verwandelten sich in ein buntes Fahnenmeer. Der Schirmherr der EMG, kein Geringerer als Bundespräsident Joachim Gauck, zeigte sich tief bewegt: Dass die Spiele 70 Jahre nach dem Holocaust auf dem Berliner Olympiagelände stattfänden, habe „große, ja historische Bedeutung“. In gewisser Weise kehre Makkabi zu seinen Wurzeln zurück, so Gauck: „Die Makkabi-Sportbewegung war ursprünglich eine Gründung aus Deutschland – und auch eine Antwort auf wachsende Judenfeindlichkeit damals in der Gesellschaft.“
Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, betonte in seiner Rede die Wichtigkeit des Veranstaltungsortes. „Wo die Nazis von einem judenfreien Europa träumten, lassen wir unseren jüdischen Traum Wirklichkeit werden“, sagte er. Tatsächlich eröffnete Adolf Hitler hier 1936 die Olympischen Sommerspiele – eine Propagandashow sondergleichen, mit der die Nationalsozialisten dem Dritten Reich ein positives Image zu geben versuchten. Umso mehr stellten die Makkabi-Spiele in Berlin einen Vertrauensbeweis für Deutschland dar, erklärte Dr. Schuster. Von einem Vertrauensbeweis sprach auch der Vorsitzende von Makkabi Deutschland, Alon Meyer: „Die deutsche Gesellschaft tut viel dafür, dass wir uns hier zu Hause fühlen.“ Entsprechend zeige die deutsche EMG-Delegation ein „neues deutsch-jüdisches Selbstbewusstsein“.
Neben den Reden bestimmten vor allem hochkarätige Musik-Einlagen die Eröffnung in der Freiluftarena: So trat der deutsche Sänger Adel Tawil, der gemeinsam mit dem amerikanisch-jüdischen Rapper Matisyahu auf der Bühne stand, genauso wie die Israelis Dana International, Gali Atari und Nadav Guedj unter dem Jubel des Publikums auf.
Mit einer ausgefeilten Multimedia-Show wurde an die Geschichte der Makkabi-Bewegung erinnert. Ein weiterer Höhepunkt war die Ankunft des Makkabi-Feuers, das von elf Motorradfahrern aus Israel in die Waldbühne gebracht wurde – unter ihnen der israelische Architekt Gal Marom. Gefragt nach seiner Motivation für die Teilnahme an dem „Back to Berlin“-Konvoi verwies der 49-Jährige auf die „Maccabi Biker“, die 1931 durch die ganze Welt tourten, um die Kunde von der ersten Makkabiade in Tel Aviv zu verbreiten. „Und mein Großvater war einer dieser Fahrer“, so Marom.
Die heutigen Biker, führte Marom aus, hätten auf ihrer Tour Städte besucht, die mit dem Holocaust verbunden seien und eine Bedeutung für die Familiengeschichte der Teilnehmer hätten. Die Einfahrt in die Waldbühne unter den Augen Tausender empfand Marom nun als etwas ganz Besonderes: „Ich hatte Tränen in den Augen“, erklärte er nach der Feier.
Derartig gestartet wartete die Europa-Makkabiade auch in den folgenden Tagen mit zahlreichen Höhepunkten auf. Dazu gehörten beispielsweise Freundschaftsspiele unter dem Motto „Let’s Play Together“ mit den Basketballern von ALBA Berlin, Fußballern der DFB-Allstars oder einer Auswahl Berliner Hockey-Spielerinnen. Den Kern des Sportfests bildeten allerdings die Wettkämpfe in den unterschiedlichsten Disziplinen, wie die EMG-Organisatoren schon im Vorfeld immer wieder betont hatten. Zusätzlich sorgten prominente Sportpaten für Unterstützung. Im Badminton etwa stellte sich Marc Zwiebler, erfolgreichster deutscher Badminton-Spieler aller Zeiten, für ein Showmatch zur Verfügung. „Ein gutes Training für die Weltmeisterschaft“, kommentierte der Europameister lachend. Während Zwiebler einen Ball nach dem anderen übers Netz fliegen ließ, stellte sich Schwimm-Patin Sarah Poewe am Wasserbecken vor der Badminton-Halle den Fragen der Reporter. Poewe ist die erste jüdische Sportlerin, die nach 1936 für Deutschland eine Olympiamedaille holte: 2004 gewann sie in Athen Bronze. Gerne hätte sie selbst an den European Maccabi Games teilgenommen, doch die 32-Jährige war hochschwanger nach Berlin gereist. Umso mehr fühle sie sich geehrt, als Sportpatin Teil der Spiele zu sein, sagte sie.
Einen Sprung ins Wasser hätte sich auch so manch anderer Athlet gewünscht, herrschte während der zehn Tage in Berlin doch überwiegend brütend heißes Sommerwetter. Gerade die Sportler, deren Turniere in geschlossenen Räumen stattfanden, bekamen das zu spüren. So kletterten etwa die Temperaturen im Schach-Raum auf tropische Werte. Der Schweiß, den sich Schachspielerin Rina Weinman aus Schweden von der Stirn wischen musste, hatte allerdings nur zum Teil mit dem Klima zu tun. „Es läuft nicht wirklich gut für mich“, erklärte die 17-Jährige in einer Spielpause. Für Weinman allerdings kein Grund für Trübsal: „Ich hatte dennoch Spaß und alle waren sehr freundlich.“
Die freundliche Atmosphäre kennzeichnete die gesamten European Maccabi Games: Getreu dem Motto der Spiele „Competing in Sports – United at Heart“ herrschte bei aller Konkurrenz doch ein spürbares Gemeinschaftsgefühl. „Man mag sich im Turnier als Gegner gegenüberstehen, aber danach ist es unglaublich nett“, beschrieb Margaryta Paliy aus Potsdam, ebenfalls Schachspielerin, die Stimmung. Die 18-Jährige nahm zum ersten Mal an einer Makkabiade teil und wollte vor allem einen Einblick bekommen, wie Juden in anderen Ländern leben. „Diese Hoffnung hat sich voll und ganz erfüllt“, beschrieb sie.
Gerade die jungen EMG-Teilnehmer machten die Spiele mit ihrem Enthusiasmus zu einem besonderen Erfolg. Das zeigte sich nicht zuletzt bei dem geglückten Rekordversuch der besonderen Art: 2322 Menschen feierten am Freitag während der Makkabiade gemeinsam Schabbat – ein Weltrekord, der noch am selben Abend vom eigens aus London eingeflogenen Guinness-Buch-Schiedsrichter Pravin Patel bestätigt wurde. Viel Tanz und Gesang begleiteten die Feier im Berliner Estrel Hotel, in dem die Sportler auch während der Spiele untergebracht waren. „Das muss man sich vorstellen oder eigentlich auf der Zunge zergehen lassen: Die größte Kabbalat Schabbat, die es jemals und weltweit gab, hat hier in Berlin stattgefunden“, freute sich Alon Meyer.
Dutzende Wettkämpfe, Sommerhitze, ein pralles Rahmenprogramm und die Attraktionen, die Berlin ohnehin bietet: Am Ende der European Maccabi Games war die Anstrengung allen Teilnehmern anzusehen. Und dennoch geriet auch die Abschlussfeier zu einem bunten, lauten und fröhlichen Fest. „Es war wirklich Zeit, die Spiele hier in der Stadt zu veranstalten, meint ihr nicht auch?“, fragte Meyer die unzähligen Gäste im stimmungsvoll ausgeleuchteten Saal. Für Makkabi Deutschland sei es eine große Ehre gewesen, zehn Tage lang Gastgeber gewesen zu sein. Von diesen Gastgeberqualitäten zeigte sich auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) beeindruckt: Die EMG seien ein spannendes, sicheres und friedliches Fest gewesen. Obwohl er allen Gewinnern gratuliere, freue er sich doch besonders über das Abschneiden der deutschen Delegation, die den ersten Platz im Medaillenspiegel feierte.
Tatsächlich war das Ergebnis eindeutig: 144 Medaillen konnten die Sportler von Makkabi-Deutschland erringen, gefolgt von den als eingeladenes Gastland teilnehmenden USA mit 103 Medaillen und Großbritannien mit 75 Auszeichnungen. Der erfolgreichste Sportler der Spiele war auch gleichzeitig einer der Jüngsten: Mit gerade einmal 14 Jahren holte Tischtennis-Spieler Tim Artarov vom 1. FC Gievenbeck (Münster) gleich dreimal Gold und einmal Silber.
Fernab der sportlichen Ergebnisse stand bei der Abschlusszeremonie wieder die historische Dimension der Spiele im Vordergrund. So erklärte Bürgermeister Müller, die EMG hätten nicht zuletzt gezeigt, dass jüdisches Leben in Deutschland wieder eine Selbstverständlichkeit sei. In seiner Rede ging er auch auf die beiden antisemitischen Vorfälle ein, die es während der Spiele gegeben hatte, und nannte sie eine Schande. Die schnelle Resonanz habe allerdings deutlich gemacht, „dass für solche Idioten kein Platz in der Stadt ist“, so Müller unter dem tosenden Beifall des Publikums. Dieses bot auch an diesem Abend ein vielfältiges und gut gelauntes Bild, über das sich Dr. Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, merklich freute. In Abwandlung einer Werbekampagne für die Hauptstadt forderte der Gemeindevorsitzende: „Be Jewish! Be Maccabi! Be Berlin!“ Stuart Lustigman, ehemaliger Vorsitzender der European Maccabi Confederation, zog Bilanz: „Endlich können wir Juden sagen, dass wir Berlin mit glücklichen Erinnerungen verlassen.“ Alle EMG-Teilnehmer seien Teil eines außergewöhnlichen historischen Events gewesen. Die Beendigung dieses Events war die Aufgabe von Motti Tichauer, Vorsitzender der European Maccabi Confederation, der zum Abschluss das engagiert in den Saal rief, was wohl viele Teilnehmer dachten: „Die 14. European Maccabi Games waren Spiele des jüdischen Stolzes.“