15. Jahrgang Nr. 8 / 28. August 2015 | 13. Elul 5775

Der Wandel geht weiter

Neujahrsinterview mir Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster

Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster

5775 war ein in vielerlei Hinsicht bewegtes Jahr für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland. Gleichzeitig ging der Aufbau jüdischen Lebens in der Bundesrepublik unverändert weiter. Im Neujahrsinterview mit der „Zukunft“ zieht der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, Bilanz.

Zukunft: Herr Dr. Schuster, gab es 5775 ein Ereignis, das sie als herausragend bezeichnen würden?
Dr. Josef Schuster: Die europäischen Makkabi-Spiele in Berlin. Wenn jüdische Jugendliche aus mehr als 30 Ländern erstmals nach der Schoa ein jüdisches Sportfest in der deutschen Hauptstadt feiern, dann ist das zweifelsohne ein herausragendes Ereignis. Auch, aber nicht nur in sportlicher Hinsicht. Es war ein deutliches Signal an die deutsche Gesellschaft: ein Signal, dass jüdisches Leben hierzulande heute selbstverständlich ist. In großen Teilen der Bevölkerung und ganz besonders in der deutschen Politik ist dieses Signal auch verstanden und begrüßt worden. Ich bin sehr froh, dass der Bundespräsident der Bitte der Veranstalter, Schirmherr der EMG zu werden, entsprochen hat. Das war alles andere als selbstverständlich.

5775 war ein Jahr mit mehreren anti­jüdischen Terroranschlägen in Europa. Wie hat sich das auf die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ausgewirkt?
Es gab auch bei uns eine gewisse Verunsicherung, die aber ziemlich schnell nachgelassen hat. Das bedeutet nicht, dass wir nichts unternommen hätten. Die deutschen Sicherheitsbehörden machten nach den Anschlägen in Paris und in Kopenhagen klar, dass sie alles tun werden, um jüdische Gemeinden und Einrichtungen in Deutschland zu schützen. Die Gemeinden haben ihre eigenen Sicherheitsmaßnahmen kritisch überprüft.

Verunsicherung gibt es auch weiter östlich, und zwar in der Ukraine. Sie haben mit dem Bundesinnenminister vereinbart, dass Deutschland im Notfall Aufnahmebereitschaft für ukrainische Juden zeigt. Gibt es dazu neue Entwicklungen?
Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in der Ukraine selbst gibt es unterschiedliche Lageeinschätzungen. Viele empfinden, dass das Leben – zumindest dort, wo sie wohnen – mehr oder weniger normal weitergeht. Allerdings werden auch Bedrohungen wahrgenommen. Unser Ziel ist es, im Fall einer Gefahr zu helfen. Für diesen Fall hat auch die deutsche Botschaft in Kiew Vorkehrungen getroffen, beispielsweise durch entsprechende Personalausstattung.

Vor kurzem hat der Zentralrat mit dem Bundesinnenministerium vereinbart, dass jüdische Antragsteller aus der Ex-UdSSR in bestimmten Fällen Zweitanträge auf die Aufnahme in der Bundesrepublik stellen können. Auch wurde die Möglichkeit erweitert, den Nachweis jüdischer Abstammung zu erbringen. Wie wird sich diese Regelung auswirken?
Aufgrund der Neuregelung dürfte es eine Zeit lang zu einer Zunahme der Zuwanderung kommen, doch sprechen wir, glaube ich, von keiner hohen Zahl.

Wie schätzen Sie die Entwicklung des jüdischen Lebens im ablaufenden Jahr ein?
Der Ausbau und der Aufbau unserer Gemeinschaft gehen weiter. Als nur ein Beispiel von vielen nenne ich die Rabbiner. Heute sind in Deutschland mehr als 100 Rabbiner tätig. Das ist ein Vielfaches dessen, was wir zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung hatten. Es gibt noch immer Gemeinden, die keine ausreichende rabbinische Betreuung haben, es sind aber nicht mehr so viele. Die Lage hat sich enorm verbessert, und zwar nicht nur im Vergleich zu 1990, sondern auch in den letzten Jahren.

Woher kommen die neuen Rabbiner? Sind es vor allem „heimische Gewächse“ der beiden Rabbiner-Ausbildungsstätten in Deutschland oder „Importe“ aus dem Ausland?
Ich denke, das hält sich ungefähr die Waage.

Wie bewerten Sie die jüdischen Schulen in Deutschland?
Ich halte jüdische Schulen für eine gute Idee. Die Erfahrung zeigt, dass sie die jüdische Identität der jungen Generation stärken und jüdisches Wissen erfolgreich vermitteln – dies zusätzlich zu dem hohen Niveau von Bildung und Pädagogik, das sie bieten. Es ist sehr erfreulich und ein Vertrauensbeweis, dass so viele jüdische Eltern ihre Kinder auf eine jüdische Schule schicken wollen. Jüdische Schulen leisten einen wichtigen Beitrag zur Sicherung unserer Zukunft in Deutschland, ohne dabei eine wie auch immer geartete Pa­rallelwelt zu schaffen.

In diesem Jahr feierte der Zentralrat seinen 65. Geburtstag. Wie wurde dieses Jubiläum begangen?
Wir haben keine großen Feiern veranstaltet. Es war aber natürlich schon ein Anlass, über unsere Aufgaben und unsere Rolle nachzudenken. Der Zentralrat von 2015 ist ein ganz anderer als von 1950. Damals ging es darum, den in Deutschland lebenden oder „steckengebliebenen“ Juden zu helfen – und sei es vor der Weiterreise in andere Länder.
Heute sind wir eine auf Dauer angelegte Gemeinschaft, die Teil der deutschen Gesellschaft ist. Daher es ist eine Kernaufgabe des Zentralrats, bei der langfristigen Sicherung des jüdischen Lebens hierzulande zu helfen. Wie man weiß, mischt sich der Zentralrat nicht in die Arbeit der Gemeinden ein und kann die Gemeinden auch nicht direkt finanzieren. Wir haben aber eine Reihe von Instrumenten geschaffen, um die Tätigkeit und den Zusammenhalt der Gemeinden zu stärken. Ein Beispiel dafür ist das vom Zentralrat zusammengestellte und finanzierte Kulturprogramm. Wir bieten auch Dialograhmen und Wissensvermittlung, beispielsweise im Rahmen unserer noch jungen, aber schon sehr erfolgreichen Bildungsabteilung.
Der Dialog mit der nichtjüdischen Umwelt ist ebenfalls eine bedeutende Aufgabe. Unverändert wichtig bleibt die Vertretung gemeinsamer jüdischer Interessen gegenüber der deutschen Politik. Vordringlich ist die Bekämpfung der Altersarmut unter jüdischen Zuwanderern. Es wäre ein großer Schritt nach vorn, wenn die Arbeitszeiten der jüdischen Zuwanderer in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland anerkannt werden würden. Hierdurch könnten ältere Grundsicherungsempfänger in vielen Fällen den Rentenstatus erhalten.

Dafür setzt sich der Zentralrat denn auch gegenüber der Bundesregierung ein. Dann nämlich könnten die Betroffenen hinzuverdienen, ihre Situation aus eigener Kraft – und nicht auf Staatskosten – verbessern. Auch würden die Freizügigkeitsbeschränkungen entfallen, denen Empfänger der Grundsicherung unterliegen.

Ein weiterer wichtiger Jahrestag: Vor 25 Jahren begann die jüdische Zuwanderung aus der damaligen, später ehemaligen Sowjetunion. Wie bewerten Sie dies aus heutiger Perspektive?
Ein voller Erfolg. Zum einen haben sich die Zuwanderer schnell integriert. Naturgemäß war das bei Jüngeren, wie immer und überall, leichter. Bei der jungen Generation von Juden in Deutschland spielt die Frage der geografischen Abstammung heute eigentlich keine Rolle. Natürlich ist es eine Bereicherung, wenn junge Menschen in ihrem Elternhaus eine zusätzliche Sprache gelernt und sich eine andere Kultur angeeignet haben. Bei jüdischen Jugendlichen in Deutschland geht das aber nicht auf Kosten ihrer Integration in die deutsche Gesellschaft. Auch ihre Verankerung in der jüdischen Gemeinschaft ist bemerkenswert und zeigt, dass mit der Zuwanderung eine wirklich gute Grundlage für die Zukunft unserer Gemeinschaft in Deutschland gelegt wurde.

Manchmal scheint es, dass Zuwanderern aus der Ex-UdSSR das Leben in Deutschland selbstverständlicher erscheint, als es bei vielen in den Nachkriegsjahrzehnten hier groß gewordenen Juden der Fall war.
Das wird oft so sein. Es ist nur auf den ersten Blick paradox, auf den zweiten aber durchaus verständlich. Viele in Deutschland geborene oder groß gewordene Juden stammen aus Familien, die geistig auf den sogenannten gepackten Koffern saßen und die Auswanderung aus Deutschland zumindest als ideelles Ziel vor Augen hatten. Dagegen sind die Zuwanderer später und aus freiem Entschluss nach Deutschland gekommen. Sie sind nicht mit der Frage aufgewachsen, ob sie im richtigen Land leben. Und sie fühlen sich, ohne ihre jüdische Identität aufzugeben, zu Deutschland zugehörig. Das gilt aber auch für junge Juden, die keine Verbindung zur Zuwanderung aus der Ex-UdSSR haben. Die Gesamtstimmung hat sich geändert. Das merkte man bei der Makkabiade. Die Mannschaft von Makkabi Deutschland zog bei der Eröffnungsfeier völlig selbstverständlich mit der schwarz-rot-goldenen deutschen Fahne ins Stadion ein. Das ist nur eines von vielen Beispielen.

Hat Sie das überrascht?
Ich weiß, dass es in meiner Jugend so nicht möglich gewesen wäre. Daher kann ich das Ausmaß des Wandels, der sich seitdem vollzogen hat, ermessen. Wobei ich sagen muss, dass ich persönlich guten Anschluss an die heute vorherrschende Einstellung finde. Zwar stamme ich aus keiner Zuwandererfamilie, sondern aus einer jahrhundertelang in Franken verwurzelten Familie, doch bin ich – vielleicht gerade deswegen – in einem Elternhaus groß geworden, in dem es keine „gepackten Koffer“ gab. Ich habe mich von Kindheit an hier zu Hause gefühlt.

Was hat das Jahr 5775 für Sie persönlich gebracht?
Zunächst einmal wurde ich einige Wochen nach Rosch Haschana zum Präsidenten des Zentralrats gewählt. Das ist ein wichtiger Einschnitt, weil mit diesem Amt nicht nur mehr Arbeit, sondern auch mehr Verantwortung einhergeht. Allerdings ist es mir gelungen, meinen Beruf als Arzt weiter auszuüben. Ich bin durchschnittlich vier Tage in der Woche in meiner Praxis in Würzburg und bin regelmäßig als Notarzt im Einsatz. Für meine Patienten bin ich ja nicht hauptsächlich Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sondern ihr Arzt. Das ist mir wichtig, weil ich durch die Wahl zum Zentralratspräsidenten doch nicht zu einem anderen Menschen geworden bin.
Auf familiärer Ebene wurden meine Frau und ich erstmals Großeltern und freuen uns über unseren Enkel Ruven.

Der wo geboren wurde?
In Frankfurt.

Immerhin nicht weit von Franken.
Nicht nur das. Eigentlich hatte unsere Familie vor vielen Generationen im fränkisch-hessischen Grenzgebiet gelebt. Und jetzt wurde einer von uns eben in Hessen geboren. Damit steht er durchaus in der Familientradition.

Ich wünsche allen Mitgliedern jüdischer Gemeinden in Deutschland und allen Juden in der Welt ein gutes und glückliches Jahr 5776 – le-Schana towa tikatewu we-techatemu!