15. Jahrgang Nr. 7 / 24. Juli 2015 | 8. Aw 5775

Gehorsam

Eine Sonderausstellung des Jüdischen Museums Berlin macht die Geschichte von der Opferung Isaaks zum Ausgangspunkt einer künstlerischen Betrachtung

Von Carsten Dippel

Gehorsam, das Befolgen von Befehlen, Anordnungen, ist ein unerlässliches Element einer hierarchischen Gesellschaft. Das wird kaum jemand bestreiten. Aber: Wie weit darf Gehorsam gehen? Just dieser Frage widmet das Jüdische Museum Berlin eine Sonderausstellung. Deren Ausgangspunkt ist die biblische Erzählung von der Opferung Isaaks durch seinen Vater, Abraham. Dieser war bereit, seinen Sohn auf Gottes Geheiß zu schlachten, doch in letzter Sekunde hielt ihn ein Engel zurück. An die Stelle des Menschen- trat ein Widderopfer und Gott versprach Abraham seinen Segen und eine Nachkommenschaft „wie die Sterne des Himmels und wie Sand am Meer“ (1. Buch Mose 22:1–18).
Dieses kaum vorstellbare menschliche Drama setzten die Ausstellungsmacher – der britische Filmemacher Peter Greenaway und seine Frau, die Multimediakünstlerin Saskia Boddeke – in eine bildgewaltige, kraftvolle, ja spektakuläre Rauminstallation um, die im Jüdischen Museum zu sehen ist. Den Akt der Opferbereitschaft des biblischen Stammvaters versteht das Künstlerpaar zugleich als eine sehr persönliche Auseinandersetzung. Dabei verschiebt sich der Fokus bei Greenaway und Boddeke von Abraham auf Isaak, das Opfer. Sie verlagern die Geschichte ins Hier und Jetzt. „Es ist eine alte Geschichte“, sagt Saskia Boddeke, „doch sie ist absolut wichtig für uns heute. Jeden Tag werden Kinder auf der Welt geopfert. Doch jeder ‚Isaak‘ muss beschützt werden. Er hat ein Recht darauf, in einer Welt ohne Kriege zu leben.“
Das Judentum ist nicht die einzige Religion, für die die düstere, ja verstörende Szene ein prägendes Moment ist. Auch das Christentum und der Islam nehmen Bezug darauf, finden aber ganz andere Interpretationen zur letztlich nicht vollzogenen Opferung Isaaks beziehungsweise – im Islam – Ismaels. „Es ist eine deutungsintensive Geschichte, die voller Widersprüche steckt“, sagt Cilly Kugelmann, Programmdirektorin des Jüdischen Museums. „Sie wird christlich interpretiert und 600 Jahre später vom Islam noch einmal neu interpretiert, doch wird sie nicht imitiert, sondern eingewebt in eine gänzlich neue Sichtart.“
Allen drei Religionen ist die Opferung ein Fluchtpunkt ihres Selbstverständnisses. Von diesem aus entfalten sich die vollkommen voneinander divergierenden Erzählungen. Das Judentum spricht von der Akeda, der Bindung Isaaks. Isaak ist die Verheißung schlechthin, die durch die furchtbare Forderung an Abraham droht, verloren zu gehen. Die plötzliche Rettung ist zugleich die Erfüllung der Verheißung, die Bestätigung des Bundes mit Abraham und seinen Nachkommen. Wenn heute zu Rosch Ha-Schana der Schofar, ein Widderhorn, erklingt, dann erinnert es eben an jene dramatische Szene um Abraham und Isaak. Die Akeda ist zugleich eng verbunden mit dem Berg Morija, auf dem später der Tempel errichtet wurde. In ihm gab es die Tieropfer. Und in der rabbinischen Tradition trat schließlich der Wortgottesdienst als Folge der Zerstörung des Jerusalemer Tempels auch in die Tradition der Akeda. Gleichzeitig bildet das Opferthema um die Akeda in der jüdischen Geschichte einen wichtigen Bezugspunkt beim Blick auf die Verfolgung und Ermordung von Juden.
Das Christentum hingegen sieht den Akt der Opferung Isaaks als Vorwegnahme des späteren Opfertodes von Jesus. Das Drama am Berg Morija wird christologisch gedeutet. Die an Abraham gegebene Verheißung erfüllt sich aus dieser Sicht in Jesus. Der Islam wiederum hat um die Flucht der Magd Hagar mit ihrem Sohn Ismael in die Wüste eine ganz eigene Erzählung geformt. Die Errettung der beiden und damit auch ihre Erwählung erfolgt in der Wüste, nachdem sie von Abraham des Hauses verwiesen wurden.
Diesen unterschiedlichen Deutungen haben Greenaway und Boddeke je eigene Räume gewidmet.
Anspielungsreich haben sie diesen alten Mythos und die in dem schmalen Ursprungstext liegenden Geschichten visualisiert. In Zusammenarbeit mit anderen Künstlern sind so symbolhafte, teils verstörende Installationen entstanden, die die Erzählung, musikalisch und filmisch begleitet, auf geradezu sinnliche Art erfahrbar machen. Auf 15 Räume verteilt, lenken sie den Blick auf einzelne Legenden und Rituale, die sich um die biblische Erzählung knüpfen. Damien Hirsts „Schwarzes Schaf mit goldenen Hörnern“, ein aus abgeschnittenen Händen bestehender Engelsflügel oder ein mit Schafwolle ausgelegter Raum zum Agnus Dei: Greenaway und Boddeke vertrauen ganz auf die Kraft der Imagination. Da tropft es aus Tonkrügen, die an die Flucht Hagars und Ismaels und ihre Rettung in der Wüste erinnern. Seile hängen herab. Messer, Schwerter, Lanzen an der Wand. Ein Raum ist voller Kruzifixe. „Wir wollen“, so Peter Greenaway, „ein Gefühl für die Manipulation, die Interpretation und Subjektivität dieser Geschichte vermitteln.“
Die in der Ausstellung erzählten Geschichten von Abraham, Isaak und Ismael werden von einem Künstlerbuch mit begleitendem Textteil ergänzt und illustriert. Die Ausstellung ist bis zum 13. September 2015 zu sehen.