15. Jahrgang Nr. 7 / 24. Juli 2015 | 8. Aw 5775

Musikalischer Dialog

Professor Jascha Nemtsov beschäftigt sich mit jüdischen Einflüssen in der russischen Musikkultur

Von Alice Lanzke

Schon die ersten Noten der „Rhapsodie für Viola und Klavier“ öffnen ein Spektrum musikalischer Emotionen – schwermütig, dramatisch, dann wieder optimistisch und insgesamt sehr gefühlvoll. Besonders faszinierend bei diesem Werk des jüdisch-russischen Komponisten Alexander Weprik (1899–1958) ist das Verhältnis der Instrumente. Keines dominiert das andere oder ist bloße Unterstützung. Stattdessen entspinnt sich ein Dialog der Töne. In diesem Dialog sieht der Musikwissenschaftler und Pianist Professor Jascha Nemtsov zugleich ein Symbol für jüdische Einflüsse und Motive in der russischen Musikkultur.
Eine russisch-jüdische Wechselbeziehung ist historisch nicht neu. Sowenig Juden jahrhundertelang im Russischen Reich geduldet waren, so habe es im russischen Christentum Sekten gegeben, die jüdische Motive übernommen hätten – ohne, wohlgemerkt, zum Judentum zu konvertieren, führt der in der damaligen UdSSR geborene Nemtsov, heute Professor für Geschichte der jüdischen Musik an der Weimarer Hochschule für Musik Franz Liszt, aus. „Sie hielten den Schabbat ein, aßen koscher und lehnten Ikonen ab.“
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts schlugen sich jüdische Motive auch stark in der russischen Musik nieder. Nicht wenige russische Komponisten beschäftigten sich, unabhängig von ihrem religiösen Hintergrund, mit jüdischen Themen oder jüdischer Folklore. So seien, erläutert Professor Nemtsov, etwa in einigen Werken Dmitri Schostakowitschs unverkennbar jüdische Charakteristika enthalten. Gleichzeitig spielten jüdische Persönlichkeiten eine immer wichtigere Rolle für die Institutionalisierung des musikalischen Lebens, so etwa Anton Rubinstein, auf dessen Bestreben 1862 das erste russische Konservatorium in Sankt Petersburg gegründet wurde. Nemtsov vergleicht Rubinstein mit Felix Mendelssohn Bartholdy: Beide institutionalisierten die Musik in ihrem Land, beide stammten aus jüdischen Familien, die sich allerdings taufen ließen, und beide hatten dennoch wegen ihrer jüdischen Abstammung mit Anfeindungen zu kämpfen.
Für Nemtsov führt dieser Vergleich zu einem generellen Blick auf die Stellung des Jüdischen in Deutschland und Russland: „Hierzulande wird gerne von der deutsch-jüdischen Symbiose gesprochen, aber wie schon der Religionshistoriker Gershom Scholem sagte: ‚Zu einem Gespräch gehören zwei‘“, bemerkt Nemtsov. Für ihn ist das Verhältnis zum Judentum in Russland symmetrischer: „Viele Russen hörten der jüdischen Kultur wirklich zu, was hörbar Früchte trug“, betont er.
Eine interessante Entwicklung im russisch-jüdischen Musikleben war die Entstehung der Neuen Jüdischen Schule, einer nationalen Strömung, die 1908 mit der Gründung der „Gesellschaft für jüdische Volksmusik“ als erste jüdische Musikinstitution in Sankt Petersburg entstand. Bedeutende Komponisten wie Joseph Achron, Michail Gnesin, Alexander Krejn oder Moshe Milner waren Mitglieder; neben der Sammlung jüdischer Folklore gehörten die Organisation eigener Konzerte und vermehrt auch Eigenkompositionen zum Programm.
Die Neue Jüdische Schule passte – trotz der immer stärker werdenden antisemitischen Tendenzen in Russland – zum Zeitgeist: Die Konzentration auf Nationalmusik, auf das eigene kulturelle Erbe hatte damals Konjunktur. Zugleich fand ein intensiver Austausch zwischen jüdischen und nichtjüdischen russischen Komponisten und Musikern statt, die sich stilistisch beeinflussten und gemeinsam auftraten. „Jüdische Musiker erfuhren viel Unterstützung von russischen Kollegen“, erklärt Jascha Nemtsov. In diesen Kreisen habe es weniger antisemitische Ablehnung gegeben, während sich das Klima sonst verschärft habe.
Von 1918 bis 1921 musste die „Gesellschaft für jüdische Volksmusik“ ihren Betrieb an der Newa und in den mittlerweile entstandenen Filialen einstellen. Durch diesen Umbruch verlagerte sich das Zentrum jüdischer Musik in den 1920er-Jahren nach Moskau, wo die Gesellschaft schließlich wiederbelebt wurde und sich vor allem um die Organisation von Konzertveranstaltungen kümmerte. Diese Konzerte wurden von einer eigenen Kommission ausgearbeitet, zu der unter anderem der Komponist Alexander Weprik gehörte.
In den 1930er-Jahren fiel die Gesellschaft schließlich der antisemitischen Kulturpolitik des stalinistischen Re­gimes zum Opfer. Zwar hatte sich das Wirken der Gesellschaft zu dieser Zeit bereits über die Grenzen Russlands, speziell nach Wien ausgebreitet, aber dort geriet jüdische Musik wiederum ins Visier der Nazis, sodass ihre Spuren fast vollends verwischt wurden.
Erst 1995 wurde Nemtsov von dem Dirigenten Israel Yinon gefragt, ob er die Komponisten Joseph Achron und Alexander Weprik kenne. Nemtsov musste verneinen, doch seine Neugier war geweckt: In der Berliner Staatsbibliothek fand er einige Werke und begann, die Stücke am Klavier zu spielen. Sofort sei ihm das Jüdische an der Musik ins Ohr gegangen: „Es gibt bestimmte Merkmale, die für die osteuropäisch-jiddische Tradition charakteristisch sind wie etwa die Verzierungen der Melodien“, sagt er. Zudem habe er das Erbe der synagogalen Musik ebenso erkannt wie Klezmer-Elemente. Aus dem Zufallsfund ist für Jascha Nemtsov eine große Aufgabe geworden: Durch zahlreiche CD-Aufnahmen hat er die Neue Jüdische Schule dem Vergessen entrissen.
In Lehrveranstaltungen an den Universitäten Potsdam und Weimar greift der Musikprofessor neben anderen Themen auch das Jüdische in der russischen musikalischen Kultur auf. Gerade für deutsche Studierende, glaubt er, sei dieses Thema interessant, da hierzulande nur wenig Wissen über die russische oder jüdische Kultur vorhanden sei. Zudem nehme sich in Deutschland die Idee verschiedener, transkultureller Identitäten problematisch aus. Indessen seien eben solche Identitäten für die Erforschung jüdischer Einflüsse von entscheidender Bedeutung.