15. Jahrgang Nr. 7 / 24. Juli 2015 | 8. Aw 5775

Lieben und Tun

Liebe zu Gott und Nächstenliebe im Judentum / Gespräch mit Rabbiner Jonah Sievers

Das Judentum verankert das Gebot, Gott zu lieben, an prominenter Stelle. Die Worte „Du sollst Gott, deinen HERRN, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen lieben“ sind Teil des Schma-Israel-Gebetes und folgen direkt dem Bekenntnis zur Einheit und Einzigkeit Gottes „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einzig.“
Auch die Nächstenliebe ist ein wichtiges Gebot des Judentums. Im 3. Buch Mose (19:18) heißt es: „We-Ahawta le-Re’acha kamocha.“ Nach gängiger Übersetzung: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Für den großen jüdischen Gelehrten Rabbi Akiwa (1./2. Jahrhundert nach der Zeitenwende) war dies eine besonders wichtige Regel der Tora.
Wie aber ist „Liebe“ in diesen beiden Geboten zu verstehen? Wie lässt sie sich erreichen? Über diese Fragen sprach die „Zukunft“ mit dem Berliner Rabbiner und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Jonah Sievers.

Zukunft: Herr Rabbiner Sievers, unsere Religion verlangt von uns, Gott, aber auch unseren Nächsten zu lieben. Das hört sich gut an, aber wie kann man dem Menschen Gefühle befehlen?
Rabbiner Jonah Sievers: Natürlich kann man niemanden zu bestimmten Emotionen zwingen, und das ist auch nicht der Sinn der beiden Gebote. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Judentum nicht nur eine Religion des Glaubens und des Denkens, sondern in hohem Maße auch eine Religion der Tat ist. Auch Gott können und sollten wir uns im Handeln nähern.

Und zwar?
Liebe zu Gott ist das Gefühl eines tiefen Vertrauens. Wer Gott liebt, verlässt sich auf göttliche Lenkung, fühlt sich sicher und aufgehoben. Vertrauen kann man aber nur jemandem gegenüber empfinden, den man kennt. Deshalb sind wir aufgefordert, uns mit Gott auseinanderzusetzen. Und dazu gehört, das Judentum kennenzulernen.
Sich mit Gott vertraut zu machen, ist eine notwendige Voraussetzung für Gottvertrauen. Wer über unsere Tradition lernt, hat daher zumindest eine Chance, dieses Gefühl zu entwickeln. Da es viele Zugänge zum Judentum gibt, kann jeder seinen eigenen Weg wählen.

Es gibt in unserer Zeit auch Juden, die gänzlich ohne Religion groß geworden sind. Das macht den Zugang nicht leichter.
Ich will etwas Wichtiges klarstellen: Der Mensch tut Gott keinen Gefallen, wenn er sich der Religion nähert. Er tut sich selbst einen Gefallen. Wir bekommen dank der Religion eine Chance, ein besseres und erfüllteres Leben zu führen. Dazu muss man nicht religiös erzogen worden sein. Jeder kann den ersten Schritt tun. Nicht zufällig kennt das Judentum das Prinzip „Na’asse we-nischma“ – „Handeln und Hören“, wohlgemerkt in dieser Reihenfolge, also nach Gottes Geboten handeln und dadurch in die Lage versetzt werden, Gottes Wort zu hören und zu verstehen. Heutzutage könnte man vielleicht auch sagen „learning by doing“. Liebe zu Gott ist daher ein Gebot, das uns bereichert und von uns nichts Menschenunmögliches verlangt.

Und die Nächstenliebe?
Auf Hebräisch heißt das Gebot „We-ahawta le-Re’acha kamocha“. Das wird oft als „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ übersetzt. „Kamocha“ kann aber auch bedeuten „wie du“, und für mich gibt die Übersetzung „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du“ den Sinn dieses Gebots am präzisesten wieder. Der andere ist wie wir. Er verdient Respekt. Und genauso wie wir wurde auch der andere Mensch in Gottes Ebenbild erschaffen. Das Gebot der Nächstenliebe steht übrigens im Text der Tora nicht allein. Ihm folgen in demselben Vers die Worte „Ani Adonaj“ – „Ich bin der HERR“. Damit wird die Nächstenliebe als Gebot durch die ausdrückliche Berufung auf Gott verstärkt.

Und wenn wir den Nächsten dennoch nicht mögen?
Hier geht es nicht um Liebe, wie sie in einer Paarbeziehung besteht. Es geht um Anerkennung, Achtung und – wenn nötig – Hilfe. Auch hier gilt, dass das Judentum eine Religion der Tat ist. Ein großer Teil der 613 Mitzwot regelt die zwischenmenschlichen Beziehungen und damit unsere Verpflichtungen gegenüber den Mitmenschen. All diese Verpflichtungen lassen sich aus dem Gebot der Nächstenliebe ableiten.

Warum reicht es also nicht aus, einfach ein guter Mensch ohne Religion zu sein?
Jeder Mensch muss versuchen, gut zu sein. Als Juden sollten wir aber schon nach unserer Religion leben. Auch und gerade im Bereich der Mitzwot zwischen Mensch und Mensch bietet das Judentum eine Fülle von Einblicken und Erkenntnissen, die wir uns nicht instinktiv erschließen können. Sie muss man lernen. Zudem sind die Mitzwot Teil unserer Identität. Je mehr Juden sie kennen und befolgen, umso stärker wird auch der innere Zusammenhalt unserer Gemeinschaft.