15. Jahrgang Nr. 7 / 24. Juli 2015 | 8. Aw 5775

Dreifaches Jubiläum

Die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern hat Grund zum Feiern

Von Rozsika Farkas

15. Juli 2015. Aufrecht steht Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, am Eingang, um jeden einzelnen der 450 geladenen Gäste persönlich zu begrüßen. Alle sind in den mit Blumen und Leuchtern festlich geschmückten Gemeindesaal gekommen, um zu gratulieren: der amtierende Ministerpräsident und sein Vorgänger, der aktuelle und der vorherige Oberbürgermeister, mehrere Minister, hohe Würdenträger anderer Religionsgemeinschaften, Diplomaten, führende Persönlichkeiten der Münchner Stadtgesellschaft. Der Anlass ist alles andere als banal: In den Räumlichkeiten der IKG werden das 200. Jubiläum der Gemeindegründung im Jahr 1815 und das 70. Jubiläum der Wiedergründung nach der Schoa gefeiert.
Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster hat es sich nicht nehmen lassen, persönlich zu gratulieren. Er weist die Festgesellschaft darauf hin, dass das Jubiläum in Wahrheit ein dreifaches ist: Seit 30 Jahren nämlich ist Charlotte Knobloch Präsidentin der Gemeinde, und sie führt sie „nachdenklich und hoffnungsfroh, wie das so ihre Art ist“, so Moderatorin Sabine Sauer.
Es wird denn auch nachhaltig gefeiert. Neben Grußworten, Ansprachen und musikalischen Darbietungen (Hebrew Rhapsody) findet auch eine Preisverleihung statt: Ministerpräsident Horst Seehofer wird für seine Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft mit der Ohel-Jakob-Medaille in Gold ausgezeichnet. Beim Blick in den übervoll besetzten Saal ist die Präsidentin überwältigt. „Toll, nicht zu glauben“, sagt sie.
Dabei ist es ganz entscheidend Charlotte Knoblochs Verdienst, dass jüdisches Leben in München wieder öffentlich sichtbar ist. Mehr noch: Sie sorgt dafür, dass es einen lebhaften Austausch mit nichtjüdischen Bürgern gibt. Rituale etwa wie das Entzünden des Chanukka-Leuchters werden nicht mehr bloß in kleinem Kreis zelebriert, sondern sind heute öffentliche Ereignisse. Als vergangenen Dezember die acht Meter hohe Chanukkia vor der Ohel-Jakob-Synagoge entzündet wurde, kamen Hunderte Münchner Bürger, um bei koscherem Glühwein und Krapfen mitzufeiern. Auch die Feierlichkeiten zum Zweihundertsten beschränkten sich keineswegs auf den Festakt mit Prominenz. Vorangegangen ist ihm vielmehr ein fröhliches Bürgerfest, zu dem im Juni Tausende Münchner kamen, um den Synagogenchor und andere Musikgruppen zu hören, eine Modenschau mit Kostümen aus den vergangenen 200 Jahren zu sehen und koschere Köstlichkeiten zu probieren. Vor allem aber wollten sie die Synagogenführungen mitmachen.
„Das jüdische Leben in unserem Land ist auch die Geschichte einer unerwiderten Liebe“, sagt Charlotte Knobloch. An diesem Tag jedoch waren nur Zuneigung und warmes Interesse zu spüren. „Wir sind zurückgekehrt in die Sichtbarkeit, in die selbstbewusste Existenz in der Mitte der Stadt. Damit kehren wir Schritt für Schritt auch zurück in die Herzen der Menschen und irgendwann in die Normalität.“
Dass heute eine prächtige Synagoge samt Gemeindezentrum mit Jüdischer Volkshochschule, Kindergarten, Schule, Hort, Altersheim, Kulturzentrum und koscherem Restaurant und gleich daneben ein von der Stadt betriebenes Jüdisches Museum mitten im Herzen der einstigen „Hauptstadt der Bewegung“ stehen würden – konnte sich das die kleine Gruppe Überlebender, die im Juli 1945, gerade mal zwei Monate nach Kriegsende, die Münchner Israelitische Kultusgemeinde neu gründete, wirklich vorstellen? Ein unfassbares Maß an Hoffnung gehörte auf jeden Fall dazu, hier den Neustart zu wagen. Zu den Gründern gehörte übrigens auch Charlotte Knoblochs Vater, Fritz Neuland.
Pluralität kennzeichnet heute das jüdische Leben in München, das belegt die Existenz der jungen Liberalen Gemeinde, die dieses Jahr ebenfalls Grund zum Feiern hatte: ihr Zwanzigjähriges. Sie feierte, ausgelassen mit Musik und Tanz – als Gast im Festsaal der IKG, Zeichen einer freundschaftlichen Koexistenz. Klar, dass auch der Vorsitzende der Liberalen, Jan Mühlstein, bei der IKG mitfeierte.
Die Münchner Juden sind wieder in der Mitte der Stadtgesellschaft angekommen, aber so wie vor den Nazis ist es noch lange nicht. 1910 waren knapp zwei Prozent der Münchner Bevölkerung jüdisch, die Gemeinde hatte mehr als 11.000 Mitglieder. Inzwischen hat sich die Zahl der Stadtbewohner verdreifacht, doch der jüdische Anteil beträgt kaum mehr als ein halbes Prozent. Immerhin hat München mit rund 9500 Mitgliedern die nach Berlin zweitgrößte jüdische Gemeinde in der Bundesrepublik.

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Meilensteine

1229: Erste urkundliche Erwähnung eines jüdischen Bürgers: Abraham der Municher.
1442: Vertreibung sämtlicher Juden aus Bayern.
10. Juni 1813: Der bayerische Minister Montgelas erlässt das Judenedikt: Juden dürfen Grund kaufen, öffentliche Ausbildungsstätten besuchen und Gemeinden gründen.
1815: Gründung der Israelitischen Kultusgemeinde München.
1872: Die jüdischen Bewohner der Stadt werden den übrigen Bürgern rechtlich gleichgestellt.
1887: Die neue große Hauptsynagoge, neoromanisch im Stil, wird im Beisein von König Ludwig I. feierlich eröffnet.
1910: Durch Zuwanderung verfolgter Juden aus Osteuropa nimmt die Zahl der in München lebenden Juden auf 11.000 zu.
1918: Der erste Ministerpräsident des frisch gegründeten Freistaats Bayern, Kurt Eisner, ist Jude.
1920: Ausgerechnet in dem von einem Juden, Max Littmann, geschaffenen Hofbräuhaus, gründet sich die NSDAP.
1938: NS-Propagandaminister Joseph Goebbels gibt im Alten Rathaus in München den Startschuss zur „Reichskristallnacht“.
15. Juli 1945: Eine Handvoll Schoa-Überlebender gründet die IKG München und Oberbayern neu.
1947: Die wiederaufgebaute Synagoge an der Reichenbachstraße wird neu eingeweiht.
1985: Charlotte Knobloch wird Präsidentin der IKG München.
9. November 2006: Eröffnung der neuen Münchner Hauptsynagoge Ohel Jakob.