15. Jahrgang Nr. 7 / 24. Juli 2015 | 8. Aw 5775

Der Prozess

Tel Aviver Gericht spricht Manuskripte von Franz Kafkas Werken der israelischen Nationalbibliothek zu

In Israel ist in diesem Monat ein langer Zwist über die Originalmanuskripte von Franz Kafkas Werken zu Ende gegangen. Wie das Tel Aviver Bezirksgericht verfügte, müssen die Töchter der seinerzeitigen Sekretärin von Kafkas Freund und Herausgeber Max Brod die ihrem Besitz befindlichen Manuskripte an die israelische Nationalbibliothek übergeben.
Die Geschichte hört sich nicht nur kompliziert an. Sie ist es auch. Bekanntlich vertraute der Prager Literat Kafka die Manuskripte seiner Werke – die meisten waren zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht geblieben – vor seinem Tod seinem Freund, dem Schriftsteller, Theaterkritiker und Komponisten Max Brod, mit dem Auftrag an, sie zu vernichten. Als Kafka 1924 an Tuberkulose verstarb, entschloss sich Brod, die Bitte seines Freundes zu missachten und ließ seine Werke veröffentlichen. Brod ist es zu verdanken, dass Kafkas geniales Werk weltweiten Ruhm erlangte.
Als Brod 1939 aus Prag ins britische Mandatsgebiet Palästina flüchtete, kamen auch Kafkas Manuskripte nach Tel Aviv, wo Brod lange Jahre als Dramaturg des israelischen Nationaltheaters Habima tätig war. Nach Brods Tod, 1968, ging der Besitz der Werke auf Brods Sekretärin und Lebensgefährtin Esther Hoffe über. Nach deren Tod wiederum gelangten sie in die Hände von Hoffes beiden Töchtern Eva und Ruth, die sie wie ihr Privateigentum behandelten. Das Manuskript von „Das Schloss“ verkauften sie für zwei Millionen Dollar.
Ihrerseits bemühte sich die israelische Nationalbibliothek schon seit den siebziger Jahren, die Manuskripte einzuklagen. Schließlich, so lautete ihr Argument, habe Brod Hoffe beauftragt, Kafkas Handschriften an eine öffentliche Einrichtung zu übergeben oder zu vererben. Nach einem scheinbar nie enden wollenden Verfahren erhielt das Bezirksgericht nun den Beschluss der Vorinstanz aufrecht, die Werke der Nationalbibliothek auszuhändigen. Ob der Rechtsstreit Kafka wohl an eines seiner eigenen Werke erinnert hätte, deren Helden quälend undurchsichtige Situationen durchleben mussten?

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