15. Jahrgang Nr. 7 / 24. Juli 2015 | 8. Aw 5775

Ein Meilenstein

Die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel war für die jüdische Welt wie für die Juden in der Bundesrepublik von großer Bedeutung

Von Josef Schuster

Im Jahr 2015, dem Jubiläumsjahr der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel, halten beide Länder zahlreiche Veranstaltungen ab. Gegenseitige ranghohe Besuche unterstreichen die Bedeutung, die beide Staaten diesem Jahr beimessen. Im Mai stattete Israels Staatspräsident Reuven Rivlin der Bundesrepublik eine Visite ab. Im Juni besuchte eine Delegation des Deutschen Bundestages mit Bundestagspräsident Professor Norbert Lammert an der Spitze den jüdischen Staat. Die Bilanz der 50 Jahre seit dem Botschafteraustausch ist beeindruckend, und zweifelsohne war die Aufnahme der Beziehungen ein wichtiger Meilenstein für beide Staaten.
Aber nicht nur für sie. Das Jubiläumsjahr ist auch ein guter Anlass, an die Auswirkungen der für die damalige Zeit nicht selbstverständlichen deutsch-israelischen Annährung für die jüdische Welt insgesamt und für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland insbesondere zu erinnern.
In zahlreichen jüdischen Kreisen in der Welt stieß die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel auf wenig Verständnis, wenn nicht auf Ablehnung. Das war, nur 20 Jahre nach der Schoa, nachvollziehbar. Je deutlicher die Bundesrepublik sich aber als ein zuverlässiger Freund Israels erwies und zu dem nach den Vereinigten Staaten zweitwichtigsten Partner Israels aufstieg, desto mehr trug dies zu einem Stimmungswandel auch in der jüdischen Welt bei. Das gilt auch und gerade für Juden in den USA. Heute unterhalten jüdisch-amerikanische Organisationen enge Beziehungen zu Deutschland. Aber auch in anderen Teilen der Welt, in Europa ganz sicher, wird Deutschland von Juden als ein Freund Israels anerkannt.
Für die Juden in Deutschland hatte die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen vor fünfzig Jahren etwas Befreiendes. Wohl wahr: Israel hatte bereits in den fünfziger Jahren eine Mission in Köln eröffnet, doch war diese ausdrücklich nur als eine Beschaffungsstelle bei der Abwicklung des deutsch-israelischen Reparationsabkommens gedacht. Das nun volle diplomatische Beziehungen zwischen Israel und Deutschland bestanden, in dem viele Juden damals mit gemischten Gefühlen lebten, half bei der Überwindung des seelischen Zwiespalts.
Heute sind wir im modernen Deutschland des 21. Jahrhunderts fest verankert. Das tut der großen Nähe, die die allermeisten Juden in Deutschland gegenüber Israel empfinden, natürlich keinen Abbruch. Israel ist und bleibt für uns ein wichtiger Teil unseres Selbstverständnisses: als die Geburtsstätte unserer Religion und Zivilisation, als ein Land, in dem bis heute die historischen jüdischen Heiligtümer stehen, und als ein Ort, in dem wohl die meisten von uns Verwandte oder Freunde haben. So ist es nur selbstverständlich, dass wir uns selbstbewusst und aktiv in das deutsch-israelische Verhältnis einbringen.
Dazu gehört, versteht sich, auch unsere führende Rolle im Kampf gegen die Diffamierung und Delegitimierung Israels, die in Deutschland leider viel zu oft anzutreffen sind. Wir sind aber froh, dass es auch in der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft zahlreiche Israel-Freunde gibt, die sich uns anschließen und auf allen Ebenen zur Fortentwicklung des deutsch-israelischen Verhältnisses beitragen – auch und gerade auf persönlicher Ebene. So wichtig die große Politik nämlich ist, so machen doch persönliche Begegnungen und die zahlreichen Freundschaften zwischen Deutschen und Israelis einen unabdingbaren Kern der beiderseitigen Beziehungen aus. Jüdische Organisationen und Einrichtungen begrüßen und unterstützen solche Kontakte und Partnerschaften.
Unser Engagement bleibt, versteht sich, auch künftig bestehen. Das Jubiläum der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sehen wir daher nicht nur in der historischen Perspektive, sondern fassen es auch als eine Verpflichtung für die Zukunft auf.

Dr. Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland