20.07.2015

"Es gibt ein Bedrohungspotenzial"

Interview mit Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster auf Deutsche Welle online, 19.7.2015

Nach der Schoa brauchten Juden in Deutschland eine politische Stimme. Dies führte vor 65 Jahren zur Gründung des Zentralrates der Juden. Heute warnt Präsident Josef Schuster vor einem neuen Antisemitismus.

Von einer Interessensgemeinschaft jüdischer Einwohner bis hin zur politischen Vertretung jüdischer Gemeinden - die Aufgaben des Zentralrates der Juden in Deutschland haben sich seit seiner Gründung vor 65 Jahren geändert. Doch der Kampf gegen den Antisemitismus, der sich in immer neuen Formen zeigt, ist geblieben. Ein Gespräch mit Rats-Präsident Josef Schuster.

Deutsche Welle: Herr Schuster, wie hat sich Ihr Leben geändert, seit Sie der Vorsitzende des Zentralrats der Juden sind?

Josef Schuster: Das Leben ist noch ein bisschen turbulenter geworden, ein bisschen hektischer. Es bleibt auch etwas weniger Zeit für die Familie, aber sie spielt da gut mit.

Ist es denn auch gefährlicher geworden?

Nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden ist das Amt des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland mit einer Gefährdung verbunden. Es gibt also polizeiliche Maßnahmen zu meinem Schutz. Ich selber empfinde es nicht als gefährlich und fühle mich persönlich auch nicht direkt bedroht.

Nach Ihrer Wahl zum Präsidenten sagten Sie, die jüdische Gemeinschaft sei Teil der deutschen Gesellschaft. "Wir möchten auch in Zukunft das Leben in Deutschland mitgestalten", haben Sie hinzugefügt. Welchen Impuls würden Sie in dieser Gesellschaft gerne setzen?

Ich denke, einen Impuls haben wir gerade aktuell gesetzt. Wir haben gemeinsam mit unserem Pendant in der Schweiz, dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund, ein Buch zur Ethik im Judentum herausgebracht. Darin haben wir eine ganze Reihe an ethischen Themen aus jüdischer Sicht beleuchtet - angefangen bei der Sterbehilfe, über die Sexualität, aber auch Fragen zur allgemeinen Lebensführung. Und ich glaube, dass in diesem Buch auch noch einmal deutlich wird, dass jüdisches Leben nicht nur mit der Shoa zu tun hat. Die jüdische Gemeinschaft hat in Deutschland wieder fest Wurzeln geschlagen, und es war an der Zeit, sich mit Themen auseinander zu setzen, die die gesamte Gesellschaft beschäftigen.

Wie unterscheiden sich denn die Konfrontationen und Probleme, mit denen sich der Zentralrat heute beschäftigen muss, von denen, die der Zentralrat vor 65 Jahren hatte?

Der Gründung des Zentralrats lag eine ganz andere Überlegung zu Grunde. Sie war eine Interessensgemeinschaft der jüdischen Menschen, die sich zunächst wieder in Deutschland niedergelassen hatten. Die meisten hatten gar nicht vor, auf Dauer eine jüdische Gemeinschaft zu gründen oder in Deutschland zu bleiben. Mitte der 1970er Jahre hat sich dann ein Wandel breit gemacht und man traute sich zu sagen, dass man bewusst wieder in Deutschland leben will, denn das war alles andere als selbstverständlich. Aufbauend auf diesem Paradigma-Wechsel, kam es dann dazu, dass man sich aktiv mit dem Aufbau jüdischer Gemeinden beschäftigte. Und genau das stand dann - vor allem durch die Zuwanderung aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach 1990 und neben den Integrationsmaßnahmen - ganz oben auf der Agenda.

Heinz Galinski, der erste Präsident des Zentralrates der Juden, hat bei der Gründung 1950 gesagt, er wünsche sich, dass die Juden mit einer Stimme sprechen. Hat sich das im Zuge des Paradigma-Wechsels, von dem Sie sprachen, geändert?

Nein, das hat es nicht. Denn der Zentralrat ist die Dachorganisation aller jüdischen Gemeinden in Deutschland. Unter diesem Dach gibt es ganz unterschiedliche Gemeinden. Und die Hauptaufgabe des Zentralrats ist es, die jüdischen Gemeinden - unabhängig von ihrer religiösen Ausrichtung - politisch zu vertreten. Wir sprechen mit einer Stimme, damit wir die gemeinsamen Interessen deutlich und klar nach außen vertreten.

In Deutschland leben etwa eine Viertelmillion Juden, jeder zweite von ihnen ist Mitglied der insgesamt 108 Gemeinden. Als einziges Land in Europa verzeichnet die Bundesrepublik eine wachsende jüdische Bevölkerung. Und das, obwohl jüdische Gemeinden immer noch von außen bedroht werden.

Wir freuen uns, dass unsere Gemeinden so gewachsen sind. Daneben zieht es viele Israelis nach Berlin, was wir natürlich auch sehr begrüßen. Aber in der Tat ist für jüdische Einrichtungen nach wie vor Polizeischutz notwendig. Es gibt ein Bedrohungspotenzial. Mein größter Wunsch wäre, dass dieser Polizeischutz irgendwann nicht mehr notwendig ist.

Würden Sie sagen, dass sich die Art des Antisemitismus im Laufe der Jahre geändert hat?

Ja, sie hat sich geändert. Auch wenn wir jetzt den neuen Antisemitismus von arabischen Migrationsfamilien mal beiseite lassen, dann fällt doch auf, dass wir heute auch einen Antisemitismus finden, der nicht nur bei politischen Extremisten beheimatet ist, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft. Hier kommt er oft eher im Gewand des Antizionismus daher. Das ist zwar nichts Neues, aber man traut sich heute wieder, das zu sagen, was man vielleicht schon lange dachte, sich aber nicht getraut hatte, auszusprechen.

Der Zentralrat der Juden repräsentiert die Überlebenden des unfassbaren Massenmordes an den Juden, er zeigt mit dem Finger auf Rassismus und Antisemitismus. Wie kann man denn Antisemitismus effektiv bekämpfen?

Es gibt nur eine Möglichkeit, und das ist die Aufklärung. Dazu gehört auch, dass man jüdische Gemeinden und das Judentum kennenlernt, damit es nicht als etwas Fremdes wahrgenommen wird. Vor allen Dingen aber ist die Arbeit mit jungen Menschen wichtig. Denn über eines müssen wir uns im Klaren sein: Kein Kind oder Jugendlicher in Deutschland oder woanders auf der Welt wird als Antisemit oder Rassist geboren.

Wie vermitteln Sie bei der Aufklärung den Unterschied zwischen Antisemitismus und Kritik an der Regierung in Israel?

Das ist gar nicht schwierig. Fakt ist, eine sachliche Kritik an der israelischen Politik ist absolut legitim. In einer Demokratie gibt es Meinungsfreiheit. Das bedeutet auch Kritik, und die gibt es auch in Israel selber an der israelischen Regierung. Wenn aber diese Kritik verwendet wird, um sofort den Bogen zu allen Juden auf der Welt zu schlagen, dann ist das Maß dessen, was ich unter einer sachlichen Kritik an der israelischen Politik verstehe, einfach überschritten. Wenn wir erleben, dass der Zentralrat für Geschehnisse der israelischen Politik verantwortlich gemacht wird, dann muss man klar sagen: Hier werden deutsche Bürger verantwortlich gemacht für Dinge, die in einem anderen Staat passieren.

Wie finden Sie es dann, dass Netanjahu nach dem Anschlag auf den Koscher Supermarkt im Januar 2015 in Paris die Juden Europas dazu aufgerufen hat, nach Israel zu kommen?

Ein Aufruf eines israelischen Ministerpräsidenten, aus zionistischen Erwägungen nach Israel auszuwandern, ist völlig legitim. Einen Aufruf, aus Angst vor Terror nach Israel einzuwandern, halte ich für wenig sinnvoll. Wir haben weltweit eine terroristische Bedrohung und dürfen davor nicht kapitulieren.

Auch wenn das vielleicht vermessen klingt, würden Sie sich wünschen, dass ein Zentralrat der Juden irgendwann in Deutschland überflüssig wäre?

Wenn Sie diese Frage stellen, dann antworte ich jetzt genau so vermessen: Nein, das wünsche ich mir nicht. Denn das würde implizieren, dass der Zentralrat nur die Aufgabe hätte, vor Antisemitismus zu warnen und gegen ihn und gegen Rassismus vorzugehen. Wenn man die Aufgabe des Zentralrats in dieser Form sieht, dann würde ich Ihnen recht geben. Unsere Hauptaufgabe ist es aber, die jüdischen Gemeinden in Deutschland politisch zu vertreten und sie in ihrer vielfältigen Entwicklung zu unterstützen. Selbst wenn es keinen Antisemitismus mehr gäbe, worüber ich mich sehr freuen würde, bin ich mir sicher, dass der Zentralrat nicht ohne eine Aufgabe dastände.

Das Gespräch führte Diana Hodali

Josef Schuster ist der achte Präsident des Zentralrats der Juden. Er übernahm das Amt im Oktober 2014 von Dieter Graumann. Schuster wurde 1954 in Haifa in Israel geboren. Kurz darauf kehrten seine Eltern nach Deutschland zurück. Er studierte Medizin und wurde Internist, bis heute arbeitet er als Arzt. Der Vater zweier erwachsener Kinder gehört wie Graumann zur ersten Generation, die den Nationalsozialismus und den Massenmord an europäischen Juden nicht selbst erlebt haben.