15. Jahrgang Nr. 6 / 26. Juni 2015 | 9. Tammus 5775

Film-Forum

In Berlin und Brandenburg brachte das 21. Jüdische Filmfestival dem Publikum jüdische und israelische Leinwandwerke näher

Von Brigitte Jähnigen

Im Mai 2015 fand das 21. Jüdische Filmfestival Berlin & Potsdam statt – wobei die Leinwandwerke neben der Bundeshauptstadt Berlin und der Landeshauptstadt Potsdam auch in der brandenburgischen Stadt Königs Wusterhausen gezeigt wurden. Insgesamt waren rund 30 Filme zu sehen. Damit bekräftigte das Filmfest seinen Status als führendes Forum für jüdische und israelische Kinokunst in Deutschland. Wie fest etabliert dieses Forum ist, zeigt auch die folgende Zahl: Seit seinem Debüt vor 21 Jahren hat das Filmfestival Berlin & Potsdam seinem Publikum insgesamt fast 500 Filme präsentiert. Darunter waren oscarprämierte Werke wie „West Bank Story“, „Spielzeugland“, „Ida“, „Zug des Lebens“, „Der Junge im gestreiften Pyjama“ und „Fading Gigolo“. Sie alle feierten beim Festival ihre Deutschlandpremiere.
Den Rang, den sich das Festival erworben hat, spiegelte auch die hochkarätige Gästeriege bei der Eröffnung im Potsdamer Hans-Otto-Theater wider. Zu den mehr als 500 Anwesenden gehörten unter anderem Dr. Dietmar Woid­ke, Brandenburgs Ministerpräsident und Schirmherr des Festivals, Bundesaußenminister Dr. Frank-Walter Steinmeier und der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman.
70 Jahre nach Kriegsende und nach der Schoa sowie 50 Jahre nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland betonte Steinmeier, das Jüdische Filmfestival sei eine „Botschaft, dass jüdisches Leben blüht, auch hier in Deutschland“. Für Woidke war das Filmereignis „ein kulturelles Highlight in Berlin und Brandenburg“, bei dem sich wiederfinden ließe, „was in Deutschland an jüdischer Kunst und Kultur mit der Schoa verloren ging“. Und Hadas-Handelsman erklärte: „Mich freut es, dass die Filmtage von Anfang an israelische Werke im Programm haben.“
Nicola Galliner, der cinemaaffinen Kulturwissenschaftlerin, ist es zu verdanken, dass es das Jüdische Filmfestival in Berlin und Brandenburg überhaupt gibt. „Es ist mein zweites Kind“, gesteht die in London geborene Wahl-Berlinerin. 1995 gründete die damalige Leiterin der Jüdischen Volkshochschule Berlin gemeinsam mit Ulrich, Erika und Milena Gregor von den „Freunden der Deutschen Kinemathek“ das erste Jüdische Filmfestival Berlin. (Zum Vergleich: In Wien fand 1991 die Erste Jüdische Filmwoche statt.) „Ich hatte jahrelang die Programme der großen amerikanischen Filmfeste in der Hand und dachte, das sollte man in der Berliner ,jüdischen Wüste‘ auch haben“, berichtet Galliner über ihr Motiv. Seitdem zeigt das Jüdische Filmfestival seinem Publikum einen aktuellen Überblick über internationale Filmproduktionen mit jüdischer und israelischer Thematik, holt immer mehr Sponsoren ins Boot und lädt Festivalpaten zur jeweiligen Eröffnungs-Gala ein.
Eröffnet wurde das diesjährige Festival mit Paul Andrew Williams Drama „The Eichmann Show“, einer BBC-2-Produktion über die mediale Aufbereitung und weltweite Übertragung des Prozesses gegen Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem. Allerdings befasst sich das Jüdische Filmfestival bewusst mit einer breiten Themenpalette und nicht vorwiegend mit der Schoa. Auch in diesem Jahr standen sehr unterschiedliche Sujets auf den Kinoleinwänden zur Auswahl und zur Diskussion. Großes Vergnügen bereitete Kinofreunden die Dokumentation „Famous Nathan“ (Regie: Lloyd Handwerker), die Film gewordene Geschichte des New Yorker Hot-Dog-Restaurants „Nathan’s Famous“. Eine Geschichte par excellence über den amerikanischen Traum, der in diesem Fall von Nathan Handwerker, dem Großvater des Regisseurs, vorgelebt wurde.
In berührender und zugleich humorvoller Weise haben sich die Filmemacher Tal Granit und Sharon Maymon mit dem Thema aktive Sterbehilfe auseinandergesetzt. In ihrem Spielfilm „Am Ende ein Fest“ bastelt Yehezkel einen Apparat (eine „Mercy-Killing-Machine“) aus Zahnrädern, Fahrradketten und einer Schabbat-Zeitschaltuhr, mit dem sich sein Freund von seinem als würdelos empfundenen Leben selbst erlösen kann. Mit Gershon-Klein-Filmpreisen (bis 2013 als Gerhard-Klein-Preise verliehen) wurden „Am Ende ein Fest“ (Regiepreis für den Besten Israelischen Film an Tal Granit und Sharon Maymon), „Famous Nathan“ (Publikumsregiepreis an Lloyd Handwerker) und die Dokumentation „Buddy Elias – Mein Glück, mein Schicksal“ (Regiepreis für den Besten Deutschen Dokumentarfilm mit jüdischer Thematik an Pierre Koralnik) ausgezeichnet. Gerhard Klein (1920–1999) war eine Berliner Kinolegende; er gründete und leitete das Kino „Capitol Dahlem“. Die mit insgesamt 7000 Euro dotierten Gershon-Klein-Preise stiftet seine Familie.
„Die Bar-Mizwa hat das Festival schon lange hinter sich, die Volljährigkeit seit drei Jahren, nun wird es langsam erwachsen“, sagt Festivalgründerin und -leiterin Nicola Galliner. Sie verspricht, das Festival werde auch weiterhin humorvoll, bissig und provokativ zu bleiben.