15. Jahrgang Nr. 6 / 26. Juni 2015 | 9. Tammus 5775

Die andere Republik

Rostocker Ausstellung beleuchtet die Nachkriegsgeschichte der Juden in Mecklenburg-Vorpommern

Von Thorsten Czarkowski

Wenn von jüdischem Leben im Nachkriegsdeutschland die Rede ist, ist meistens die Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft in der Bundesrepublik gemeint. Dagegen wird die Geschichte der Juden in der DDR viel seltener behandelt. Nun ist es sicher wahr, dass im „ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat“ weitaus weniger Juden als in Westdeutschland lebten. Auch wurde jüdisches Leben vom SED-Regime streng reglementiert; jüdische Anliegen oder die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit waren weitgehend unerwünscht.
Das bedeutet aber nicht, dass das Thema „Juden in der DDR“ unwichtig wäre, und genau deshalb stellt die im Rostocker Max-Samuel-Haus bis Oktober zu sehende Ausstellung „Zurück ins Leben?“ einen interessanten Beitrag zu seiner Aufarbeitung dar. Der Untertitel lautet: „Von der Befreiung bis zur Neueinwanderung“. Erfasst wird die Zeit von 1945 bis in die 1990er-Jahre hinein. Zwar konzen­triert sich die Ausstellung auf Mecklenburg und Vorpommern, doch kann sie exemplarisch für die jüdische Lebenswirklichkeit in der DDR stehen.
Das Fragezeichen hinter dem Ausstellungstitel hat seine Berechtigung. Denn eine Rückkehr ins Leben und eine ersehnte Normalität, wenn auch anfangs erhofft, war für die meisten Juden nach dem Krieg unmöglich. Die meisten Überlebenden, die bei Kriegsende in Deutschland als Häftlinge befreit wurden, verließen das Land der Täter. Nur wenige deutsche Juden kehrten nach Deutschland zurück; die meisten Remigranten, wie sie genannt wurden, entschieden sich für ein Leben in den Westzonen, ein Teil kam aber in die spätere DDR.
Eine der Remigrantinnen war auch Ursula Hoffmann, die im Jahr 1939 als 17-Jährige nach London emigriert war. Dort lernte sie ihren Mann kennen, mit dem sie 1945 nach Rostock zurückkehrte. Während sich ihr Mann als Kommunist begeistert am Aufbau des Sozialismus in der DDR beteiligte, konnte sich Ursula Hoffmann mit den Umständen nicht anfreunden. Es fiel ihr unter diesen Bedingungen zeitlebens schwer, sich überhaupt zu ihren jüdischen Wurzeln zu bekennen. Solchen ganz persönlichen Schicksalen begegnet der Besucher in dieser Ausstellung immer wieder, auf diese Weise wird ein Stück Zeitgesichte plastisch.
1946 hatte sich zwar eine jüdische Landesgemeinde in Mecklenburg gegründet, doch die Mitgliederzahlen sanken stetig. Die DDR begegnete den Juden besonders in den 1950er-Jahren mit chronischem Misstrauen. Antifaschismus war zwar in der DDR Staatsräson, sie schloss aber den Antisemitismus nicht immer aus. Selbst in der Hierarchie der Verfolgten des NS-Staates rangierten die Juden in der DDR unten, auch wenn sie in den Genuss einer „erweiterten Sozialversorgung“ für Verfolgte des nationalsozialistischen Regimes kamen.
Viele Juden gerieten unverschuldet in das Visier der Staatsicherheit, zum Beispiel solche, die Kontakte zu Familien und Freunden im Exil hatten, was als Agententätigkeit ausgelegt wurde. Dieses insgesamt bedrückende gesellschaftliche Klima veranlasste zahlreiche Juden mit der Zeit dazu, die DDR in Richtung Westen zu verlassen. So sah sich unter anderem Julius Meyer, Vorsitzender des Verbandes Jüdischer Gemeinden in der DDR, Repressalien ausgesetzt und floh schließlich 1953 in die Bundesrepublik. Prominente Juden wurden dazu gedrängt, öffentlich gegen die Bundesrepublik und Israel Stellung zu beziehen, zum Beispiel nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967. Diese allgemeine Stimmung führte dazu, dass sich viele Juden in der DDR gar nicht als solche zu erkennen gaben.
Erst in den 1980er-Jahren gab es ein Umdenken in der Partei- und Staatsführung der DDR. Als Grund dafür wird ein Ansinnen von SED-Generalsekretär Erich Honecker genannt: Er strebte einen Staatsbesuch in den USA an, und der Weg dahin sollte offenbar auch über eine Verbesserung der Beziehungen zu Juden führen. Jüdische Kultur erfuhr stärkere Würdigung, jüdische Friedhöfe und Mahnmale wurden in dieser Zeit wiederhergerichtet, am 10. November 1988 erfolgte die Grundsteinlegung zum Wiederaufbau der Neuen Synagoge in (Ost-)Berlin. Im selben Jahr erhielt auch Edgar Bronfman, damals Präsident des Jüdischen Weltkongresses, aus den Händen von Erich Honecker den Stern der Völkerfreundschaft.
Die DDR hörte bekanntlich am 3. Oktober 1990 auf zu existieren, ohne dass aus der USA-Reise von Erich Honecker etwas geworden war. Doch die letzte DDR-Volkskammer, im März 1990 demokratisch gewählt, machte den Weg frei für den Zuzug sowjetischer Juden nach Deutschland; dieses Anliegen wurde 1991 vom Deutschen Bundestag untermauert. So kamen 1992 die ersten Juden aus der ehemaligen Sowjetunion auch nach Mecklenburg-Vorpommern. Die Mitgliederzahlen der Jüdischen Gemeinden auf dem Gebiet der ehemaligen DDR begannen wieder zu steigen.
Erzählt wird dies in der Rostocker Ausstellung an Einzelschicksalen, mit einer sorgfältigen Einbettung in den historischen Kontext. Kuratoren sind Jascha Lina Jennrich und Dr. Ulf Heinsohn vom Rostocker Max-Samuel-Haus. „Es war höchste Zeit, diese Ausstellung zu organisieren“, sagt Jennrich. „Viele Zeitzeugen gibt es nämlich nicht mehr.“