15. Jahrgang Nr. 6 / 26. Juni 2015 | 9. Tammus 5775

Sport und Symbolik

Vom 27. Juli bis zum 5. August 2015 finden in Berlin die 14. Europäischen Makkabi-Spiele statt

Von Alice Lanzke

Oren Osterers Büro in einem Berliner Altbau platzt aus allen Nähten: In nahezu jedem Winkel der beiden Zimmer scheint ein Schreibtisch zu stehen, an den Wänden hängen Poster mit langen Listen und Tabellen. Ständig klingelt ein Telefon, während ein „Ping“ wieder eine neue Mail an einem der vielen Computer ankündigt. Die lebhafte Geschäftigkeit ist verständlich, wenn man weiß, was hier geplant wird: Osterer bereitet mit seinem Team die 14. European Maccabi Games (EMG) vor, die größte jüdische Sportveranstaltung Europas. Alle vier Jahre werden diese in einer anderen europäischen Stadt ausgetragen, in diesem Jahr in Berlin und damit zum ersten Mal auf deutschem Boden – 70 Jahre nach der Schoa. Die historische Bedeutung, die damit einhergeht, ist EMG-Geschäftsführer Osterer bewusst: „Es ist ein deutliches Signal dafür, dass die Juden in Europa ein neues Vertrauen in Deutschland haben.“ Gleichzeitig könnten die EMG 2015 als Symbol für ein neues deutsch-jüdisches Verhältnis gesehen werden, als „gelebte deutsch-jüdische Versöhnung“, wie Osterer sagt.
Hauptaustragungsort des sportlichen Großereignisses wird der Berliner Olympiapark sein – also der Austragungsort der Olympischen Spiele von 1936, die Hitler zur Propaganda-Show machte: Umso mehr würden die EMG der Stadt und besonders dem Olympiapark eine gewisse Form der Legitimation zurückgeben, erklärt Osterer. Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland, ergänzt: „Die Spiele bieten so eine Chance zu zeigen, dass jüdisches Leben in Deutschland willkommen ist.“
Tatsächlich hat das historische Gewicht dieser Europäischen Makkabiade zumindest in Politik und Sport große Strahlkraft entwickelt: Mit Bundespräsident Joachim Gauck konnte ein eindrucksvoller Schirmherr gewonnen werden, zu den prominenten Sportpaten gehören der Fußballweltmeister Jérôme Boateng, der Tischtennis-Profi Dimitrij Ovtcharov und die jüdische Schwimmerin und Olympia-Medaillen-Gewinnerin Sarah Poewe. Weniger enthusiastisch war da die Reaktion der deutschen Wirtschaft – so gestaltete sich die Sponsorensuche überraschend schwer. „Angesichts der Bedeutung der EMG haben sich die deutschen Unternehmen nicht mit Ruhm bekleckert“, kritisiert Osterer. Über die Gründe dafür will er nicht mutmaßen. Dabei hätten die EMG die finanzielle Unterstützung gebrauchen können, sind sie doch die größten jüdischen Spiele, die es in Europa je gab: In 20 Sportarten, da­runter erstmalig Dressurreiten, werden sich mehr als 2000 Sportlerinnen und Sportler aus über 30 Ländern messen. Die Organisation der 110 Einzelwettkämpfe, aber auch der Freundschaftsspiele mit Profi-Mannschaften wie den Basketballern von ALBA Berlin oder den Fußballern der DFB-Allstars ist dabei eine logistische Herausforderung. Allein zur Eröffnungsfeier der Spiele in der Berliner Waldbühne mit dem deutsch-muslimischen Sänger Adel Tawil und dem amerikanisch-jüdischen Künstler Matisyahu werden 10.000 Gäste erwartet. Die hochkarätige Feier und die Abschlusszeremonie sind die einzigen Veranstaltungen, für die Karten gekauft werden müssen. Alle Turniere können kostenfrei und ohne Anmeldung besucht werden.
Um die Sicherheit macht sich Oren Osterer dennoch keine Sorgen. „Ich mache mir Gedanken, vertraue aber unserem Sicherheitsteam.“ Alon Me­yer räumt ein: Obwohl man sich bei Makkabi Deutschland riesig darüber freue, ein Sportereignis dieser Grössenordnung auszurichten, bereite es ihm schon schlaflose Nächte, dass etwas passieren könne. Seine Hoffnung sei, dass die Europäische Makkabiade als Kulturangebot gesehen werde, als Ausdruck einer neuen jüdischen Normalität.
Mehr Informationen unter: www.emg2015.de

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Makkabi Deutschland

In der Bundesrepublik vereinen sich die jüdischen Turn- und Sportvereine unter dem Dach von Makkabi Deutschland. Der Verband entstand Anfang des 20. Jahrhunderts und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Makkabi Weltunion, die 1921 ins Leben gerufen wurde. Nach der „Reichskristallnacht“ wurde Makkabi Deutschland vom NS-Regime aufgelöst, Sport war der jüdischen Bevölkerung verboten.
1965 kam es zur Wiedergründung von Makkabi Deutschland, sodass mit den European Maccabi Games in Berlin auch das 50-jährige Bestehen des Verbandes gefeiert werden kann. Ihm gehören mittlerweile 37 Ortsvereine mit 4000 Mitgliedern in insgesamt 27 Sportarten an. Der größte Verein ist Makkabi Frankfurt mit 1000 Sportlern, dessen Präsident Alon Meyer seit einem Jahr gleichzeitig Makkabi Deutschland vorsteht. Weitere große Ortsvereine finden sich in München und Berlin. Insbesondere der TuS Makkabi Berlin ist vielen auch deshalb ein Begriff, weil dessen Schachspieler zahlreiche Meisterschaften auf Bundesebene gewonnen haben und die Fußballmannschaft in der Berliner Landesliga spielt.
Mit 26 Gold-, 29 Silber- und 23 Bronzemedaillen belegte Makkabi Deutschland bei den vergangenen EMG 2011 in Wien den dritten Platz hinter den als Gastland eingeladenen USA und Großbritannien. Entsprechend groß dürften die Hoffnungen für die Spiele auf heimischen Boden sein. Schon jetzt registriert der Verband eine gewisse Wachstumswirkung durch das Sportereignis, die vor allem die Ortsvereine gebrauchen können. Wie bei allen anderen Sportvereinen hapere es auch bei ihnen an der Bereitschaft der Mitglieder, sich ehrenamtlich zu engagieren und nicht nur das Sportangebot zu nutzen, so Alon Meyer. Seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr arbeitet er daran, den Dachverband grundlegend umzukrempeln. Unter anderem werden mit der frühen Suche nach Sporttalenten, der Inklusion von Menschen mit Behinderungen und einem ständigen Büro in Israel neue Schwerpunkte gesetzt.

Alice Lanzke