15. Jahrgang Nr. 6 / 26. Juni 2015 | 9. Tammus 5775

„Lehre mich Deinen Weg“

Der Zentralrat der Juden in Deutschland und der Schweizerische Israelitische Gemeindebund haben ein Lehrbuch zur jüdischen Ethik veröffentlicht

Ein alter Sinnspruch besagt: „Warum verbringen manche Leute Jahre damit zu, ein Buch zu schrei­ben, wo man doch in jeder Buchhandlung für wenig Geld ein genauso gutes kaufen kann?“ Für das in diesem Monat veröffentlichte Lehrbuch „,Lehre mich, Ewiger, Deinen Weg‘ – Ethik im Judentum“ gilt dieses Diktum indessen in keiner Weise. Vielmehr handelt es sich um ein Buch, das eine im deutschsprachigen Raum bisher bestehende Lücke füllt und den Leser auf eine faszinierende Reise durch die Welt jüdischer Ethik mitnimmt.
Das Werk ist als Lehrbuch aufgebaut. Damit wendet es sich ganz bewusst an die Lehrerschaft ebenso wie an Schülerinnen und Schüler und stellt eine wesentliche Hilfe bei der Vermittlung von Wissen über jüdische Ethik dar, einen Bereich also, der nicht nur für Juden relevant ist, sondern auch andere Religionen und Kulturkreise mitgeprägt hat. Didaktisch angelegt bietet das Buch nach jedem Thema eine Diskussion und ermöglicht durch gezielte Fragen zu den Texten und durch die im Diskussionsteil enthaltenen weiteren Quellen eine eigenständige Auseinandersetzung mit der behandelten Materie und die Möglichkeit zur Vertiefung der Thematik.
Das bedeutet allerdings nicht, dass das Buch ausschließlich für Schulen geeignet ist. Vielmehr werden auch andere interessierte Leser durch seine Lektüre, wie es der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, in seinem Grußwort zu dem Buch formulierte, Einblicke in das Herz des Judentums, nämlich in die jüdische Ethik, gewinnen. Dabei, so Dr. Schuster, spiegele das Buch die Meinungen des orthodoxen, konservativen und progressiven Judentums wider und zeige, dass das Judentum keine verstaubte, sondern eine moderne Religion sei, die auf aktuelle Fragen und Herausforderungen innovative Lösungen zu geben wisse.
Der Zentralrat war eine treibende Kraft des Projekts und tritt, gemeinsam mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund, als Herausgeber des im Berliner Hentrich & Hentrich Verlag erschienenen Werkes auf. Die aktive Beteiligung der beiden Spitzenverbände trug erheblich zu der Breite und der Tiefe der von profunden Kennern der Materie verfassten Beiträge bei. Wie Dr. Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, betonte, meistert es das Lehrbuch, jüdische wie nichtjüdische Leser anzusprechen.
Auf 327 Seiten wird eine breite Palette von Bereichen und Problemen jüdischer Ethik aufgegriffen. Die Gliederung richtet sich nach den Lebensbereichen des Menschen und unterscheidet vier große Gebiete: Umweltethik, Medizinethik, Sozialethik und Ethik in persönlichen Beziehungen. Ein Anhang erläutert die unterschiedlichen Strömungen des Judentums und bietet eine Übersicht über die Ordnungen und Traktate des Talmuds sowie ein Begriffsglossar und ein Personenregister. Auf diese Weise kann der Leser zusätzlichen Informationsbedarf gleich bei der Lektüre decken.
Zu den Stärken des Buches gehört sein starker Bezug zur Gegenwart. Ohne die historischen Grundlagen der halachischen Ethik zu vernachlässigen, zeigt es die Entwicklung jahrtausendealter Diskurse im Laufe der jüdischen Geschichte und in unseren Tagen. Dadurch wird dem Leser die Kontinuität jüdischen Denkens bewusst, eine Kontinuität die den Wandel bejaht, ohne den ursprünglichen Kern der religiösen und moralischen Gebote im Judentum aus den Augen zu lassen.
Zugleich wird deutlich, wie beherzt jüdische Gelehrte früherer Epochen Themen aufgriffen, die bis heute hochaktuell geblieben sind. Das ist, um ein Beispiel zu geben, bereits im ersten Kapitel des Buches, „Der Umgang mit Tieren im Judentum“, klar zu erkennen. Wie der Autor des Beitrags, Rabbiner Yaron Nisenholz, erläutert, wurde das Thema der Tierrechte in der westlichen Welt gegen Ende des 19. Jahrhunderts populär. Infolge der Aufklärung hätten sich Philosophen und Naturliebhaber Fragen zum Verhältnis zwischen Mensch und Tier gestellt sowie die Habgier und Grausamkeit von Menschen gegenüber Tieren kritisiert. Allerdings seien weitere hundert Jahre vergangen, bis eine systematische Auseinandersetzung mit diesem Thema erfolgt sei.
Die jüdischen Weisen aber hatten das Thema schon in der Antike ausführlich in ihre Überlegungen einbezogen. Den in damaliger Zeit unter verschiedenen Völkern bestehenden Brauch, Fleisch von einem noch lebenden Tier zu essen, fand das Judentum so grausam, dass er nicht nur in den 613 Geboten der Tora verboten wurde, sondern auch in den sieben Noachidischen Gesetzen, also den ethisch-moralischen Grundsätzen, die aus jüdischer Sicht für die gesamte Menschheit gelten. Die Nutzung und Verwendung von Tieren ist zulässig, doch darf Tieren kein unnötiges Leid zugefügt werden. Bereits in der Tora wurde es beispielsweise verboten, einem Ochsen das Maul beim Dreschen zu verbinden. Wenn ein Ochse nämlich während seiner Arbeit nicht wiederkäuen oder fressen kann, leidet er darunter. Das aber ist verboten, auch wenn der Besitzer des Getreides dadurch seinen Gewinn nicht maximieren kann. Der Grundgedanke, Tieren kein unnötiges Leid zuzufügen, ist bis heute gültig. So erklärte der israelische Rabbiner Eliezer Waldenberg, eine führende rabbinische Autorität im 20. Jahrhundert, Tierversuche seien erlaubt, wenn sie der Heilung und Rettung von Menschen dienten, allerdings nur wenn das Leiden der Tiere, beispielsweise durch Betäubungsmittel, so gering wie möglich gehalten werde. In der Moderne haben Rabbiner die Jagd als „Sport“ untersagt und waren damit viel fortschrittlicher als die moderne Gesetzgebung, die den Jagd-„Spaß“ erlaubt.
Der Tierschutz ist, wie gesagt, nur ein Beispiel für die Aktualität des Judentums in unserer Zeit. Ein anderes ist der Umweltschutz. So führt Rabbiner Avichai Apel in seinem Beitrag zum Umgang mit der Natur aus, bereits der Schöpfungsbericht erkläre, Gott habe den Menschen in den Garten Eden gesetzt, um diesen zu bauen und zu warten, will heißen: die Schöpfung zu beherrschen, sie aber nicht zu beschädigen.
Die ständige Weiterentwicklung jüdischen Denkens wurde in hohem Maße durch den technischen Fortschritt geprägt, so etwa bei der Frage, ob gentechnisch veränderte Lebensmittel koscher seien. Insbesondere ist es aber die rapide fortschreitende Medizintechnologie, die neue Antworten verlangt. Das beginnt mit der Entstehung des Lebens und endet mit dem Tode. So erklärt Dr. Lilian Marx-Stölting in ihrem Beitrag zur Gentechnik, die Reproduktionsmedizin werde von der Mehrheit der halachischen Autoritäten sehr positiv bewertet. Ein prägender Faktor sei dabei die Einstufung der Fortpflanzung als Erfüllung des Gebotes: „Seid fruchtbar und mehret euch.“ (1. Buch Mose 9:7)
Der Sterbehilfe steht das Judentum dagegen ablehnend gegenüber, doch wirft die moderne Gerätemedizin in verstärktem Maße Dilemmata auf, etwa bei der Frage, wie lange eine lebenserhaltende Behandlung eines unheilbar Kranken und sehr leidenden Patienten ethisch angebracht ist. Fragen der Abtreibung und der Organspenden werden ebenfalls ausführlich behandelt. Gerade bei solchen Themen zeigt sich, mit welcher Offenheit sich das Judentum auch emotional aufgeladenen Problemen stellt.
Eine im Wortsinne lebensentscheidende Frage ist die Einstellung zur Todesstrafe. In seinem Beitrag zu diesem Thema macht Rabbiner Jonah Sievers deutlich, dass das Judentum bereits in der Antike die Todesstrafe zwar nicht grundsätzlich ablehnte, ihre Anwendung aber so erschwerte, dass sie kaum in die Praxis umgesetzt werden konnte. Heute gibt es keine einheitliche Meinung zu diesem Thema, und auch das wird deutlich herausgearbeitet.
Auch sonst wird die Meinungsvielfalt, die in der jüdischen Welt herrscht, in dem Lehrbuch aufgezeigt. Das Thema „Die Stellung der Frau im Judentum“ wird bewusst in zwei separaten Beiträgen behandelt. Aus der Sicht des Reformjudentums schreibt zu dem Thema Rabbinerin Dr. Elisa Klapheck, während Rabbiner Dr. David Bollag eine orthodoxe Sichtweise darstellt. In dem vom 2012 verstorbenen Rabbiner Michael Goldberger verfassten Beitrag zur Homosexualität wird das bestehende Meinungsspektrum ausführlich dargelegt.
Wie gründlich das Judentum die gesamte Fragenpalette des menschlichen Lebens durchdenkt, wird auch in dem von Dr. Nathan Lee Kaplan verfassten Beitrag zur Wirtschaftsethik geschildert. Ausgangspunkt ist dabei die Anerkennung des Wirtschaftens als eines integralen Bestandteils eines erfüllten und verantwortlichen Lebens, eines Bestandteils aber, der nicht zum Selbstzweck werden darf und strengen, detaillierten Regeln unterliegt. Im Talmud spielen diese Fragen eine wichtige Rolle. Von der Idee der Preisgerechtigkeit ausgehend erlaubt das Judentum dem Verkäufer zwar die Erwirtschaftung von Gewinnen und dem Käufer das Streben nach Preisnachlässen, ermahnt sie aber, sich nicht allzu sehr vom gerechten Preis zu entfernen. Modern ausgedrückt: Weder Anbieter noch Nachfrager dürfen ihre Marktmacht ungehemmt ausnutzen. Der Talmud erkennt auch die Sonderstellung von Gütern des Grundbedarfs an und widersetzt sich in aller Schärfe Versuchen von Verkäufern, die Preise für Waren wie Obst und Getreide für einen höheren Gewinn anzuheben. Auch an die Mogelpackung haben die jüdischen Schriftgelehrten wohl gedacht: Die Mischna verbietet es Verkäufern, ihre Waren durch visuelle Täuschung (Gnewat Ajin, wörtlich: Diebstahl des Auges) wertvoller erscheinen zu lassen, als sie es wirklich sind.
Die Einstellung des Judentums zu Staat und Politik wird von Professor Micha Brumlik beleuchtet. Im Vordergrund steht dabei der Grundsatz „Staatliches Gesetz ist Gesetz“, der Juden die grundsätzliche Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen, aber keinen blinden Gehorsam – eine auch nach heutigen Maßstäben durchaus moderne Auffassung – auferlegt. Mit dem Verhältnis zu Nichtjuden wird ein weiteres Thema aufgegriffen, dessen Aktualität Jahrtausende umspannt. Hochaktuell sind auch die von Rabbiner Dr. Henry Soussan in einem besonderen Beitrag aufgegriffenen Fragen der Kriegsethik.
Natürlich kann eine Buchbesprechung nur einen Vorgeschmack auf das gesamte Werk liefern. Sie kann nur als Empfehlung dienen, das Buch in die Hand zu nehmen und sich in das ebenso wichtige wie faszinierende Thema zu vertiefen.
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„Lehre mich, Ewiger, Deinen Weg“ – Ethik im Judentum,
Zentralrat der Juden in Deutschland und Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (Herausgeber),
Hentrich & Hentrich Verlag Berlin,
328 Seiten, 1. Auflage 2015,
ISBN 978-3-95565-106-0, 24,90 Euro