15. Jahrgang Nr. 6 / 26. Juni 2015 | 9. Tammus 5775

Halbes Jahrtausend

Berliner Tagung leuchtete jüdische Perspektiven auf Martin Luther aus

Von Heinz-Peter Katlewski

Zwischen 1517 und der Mitte des 17. Jahrhunderts tobte in Europa ein heftiger innerchristlicher Glaubensstreit zwischen den Anhängern und den Widersachern der Reformation. An deren Anfang standen 95 Thesen, mit denen Dr. Martin Luther, Augustinermönch und Professor für Bibelauslegung an der Wittenberger Universität, zur Erneuerung seiner katholischen Kirche aufrief, auch dadurch, so die Überlieferung, dass er diese Deklaration an das Portal der Schlosskirche von Wittenberg nagelte und dazu eine öffentliche Disputation forderte. Für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist das 2017 bevorstehende 500. Jubiläum dieses Ereignisses ein Anlass, sich bereits im Vorfeld dem Vermächtnis des Reformators und der Reformation zu widmen. Seit 2008 läuft die von der EKD ausgerufene Luther-Dekade.
Für die Juden in Deutschland hatte der von Luther ausgelöste theologische Umbruch freilich fatale Folgen. Mit Luther erwuchs ihnen ein hasserfüllter Gegner, der in seinen oft unflätig polemischen Schriften 1543 schließlich die weltliche Obrigkeit aufrief, die Häuser der Juden in Brand zu stecken, sie zu vertreiben, sie ihrer Gebetbücher und Talmud-Ausgaben zu berauben, ihren Rabbinern die Todesstrafe anzudrohen, wenn sie weiterhin lehrten und überhaupt auf Leib und Leben der Juden keine Rücksicht zu nehmen. Tatsächlich haben sich Nazis vier Jahrhunderte nach Luther auf dessen „Ratschläge“ berufen.
Um diese finstere Seite des Erneuerers deutlich zu machen und jüdische Perspektiven auf Luther zur Sprache zu bringen, veranstalteten die Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland und die Evangelische Akademie Berlin eine besondere Tagung. Zu ihr kamen vom 10. bis 12. Juni rund 100 Teilnehmer, davon etwa 50 aus jüdischen Gemeinden, auf die Berliner Wannseeinsel Schwanenwerder. Den Auftakt bildete zuvor ein öffentliches Gespräch zwischen dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster und dem ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD, Dr. h. c. Nikolaus Schneider im Französischen Dom am Berliner Gendarmenmarkt.
Der Zentralratspräsident brachte seine Erwartung zum Ausdruck, die evangelische Kirche werde ein deutliches Zeichen der Distanzierung von Luthers judenfeindlichen Schriften setzen. Auch Schneider erklärte, er hoffe auf ein entsprechendes Signal. Der angesehene Theologe erklärte auch, die meisten Synoden der Evangelischen Landeskirchen hätten bereits vor längerer Zeit die Mitschuld protestantischer Theologie an der Schoa eingestanden und würden sich – anders als Luther zu seiner Zeit – heute zur bleibenden Erwählung des Volkes Israel bekennen.
Luther lebte in Endzeitfantasien und suchte in Angst davor nach der Gnade Gottes. Er lehrte, der Mensch könne allein durch den Glauben Vergebung erlangen. Gegen dieses Ideal verstieß seiner Meinung nach nicht nur die damalige Kirche, sondern auch das Judentum. Dieses – eine Gesetzesreligion mit zahlreichen Geboten – empfand Luther als gotteslästerlich.
Die Kunde von Luthers theologischer Rebellion und von der Reformationsbewegung verbreitete sich schnell in Europa, auch unter jüdischen Gelehrten. Seine theologischen Begründungen wurden zunächst weniger wahrgenommen, als die scheinbare Aussicht auf weniger bedrückende Umstände für die Juden, berichtete auf Schwanenwerder die Sozialhistorikerin Debra Kaplan vom Institut für Jüdische Geschichte an der israelischen Bar-Ilan-Universität. Bis ins Osmanische Reich hatte man vom protestantischen Bildersturm auf die Heiligenstatuen und vom Interesse der Reformatoren am Text der Bibel gehört. „Keine Götzenbilder mehr, keine Gebete mehr zu Heiligen wie hierzulande“, schrieb der italienisch-jüdische Chronist Joseph ha-Cohen (1496–1575) und wähnte sogar, die messianische Zeit breche an.
Doch die Ernüchterung folgte bald. Luther schrieb 1523 das Traktat „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ und empfahl dort, Juden respekt- und liebevoll zu behandeln. Allerdings, stellte der Bonner Theologieprofessor Andreas Pangritz bei der Tagung fest, sei diese Schrift keineswegs so freundlich, wie sie auf den ersten Blick erscheinen möge. Auch darin werfe Luther den Juden vor, Jesus ermordet zu haben, bezeichne sie als das von Gott verworfene Volk und betone, dass er seine Toleranz wahren wolle, bis „ich sehe, was ich gewirkt habe“. Und das war nicht viel. Luthers Erwartung, Juden zum zum Glauben an Jesus bekehren zu können, erfüllte sich nicht. So wurde sein Tonfall bereits wenige Jahre später rauer.
Kontakt zu Juden, bestätigten alle Referenten der Tagung, hatte der Reformator kaum. Aus dem Jahre 1526 ist allerdings ein direktes Streitgespräch mit drei Juden bekannt, die um ein Empfehlungsschreiben baten. Damals erlebte Luther, wie sehr sie auf die Ankunft des Messias warteten und damit natürlich nicht Jesus meinten. Seine Reaktion darauf war der Sermon „Vier tröstliche Psalmen an die Königin von Ungarn“. Darin deutete Luther die Flüche und Verwünschungen in Psalm 109 als gegen die Juden gerichtet.
1543 veröffentlichte Luther sein schärfstes antijüdisches Pamphlet „Von den Juden und ihren Lügen“. Darin stellt er fest, sie seien so wenig zu bekehren wie der Teufel und er strebe es auch nicht mehr an. Er erklärte sie praktisch für vogelfrei und forderte von den deutschen Fürsten, sie aus ihren Herrschaftsgebieten zu vertreiben. Zum Teil geschah das auch.
Tatsächlich lebten zu Beginn der Neuzeit Juden und Christen vielerorts durchaus verträglich zusammen, berichtete Dr. Maria Diemling von der Canterbury Christ Church University. Sie besuchten dieselben Wirtshäuser und gingen gemeinsam zu Pferderennen. Und auch lange nach Luther, etwa im 19. Jahrhundert, gab es Zeiten, in denen Juden in Deutschland große Stücke auf den Reformator hielten, trotz seiner Fehler. Christian Wiese, Martin-Buber-Professor an der Universität Frankfurt, resümierte; „Es war eine tragische Liebe“.