15. Jahrgang Nr. 6 / 26. Juni 2015 | 9. Tammus 5775

Normalität

Weitere Stärkung unserer Gemeinschaft ist die beste Antwort auf Zweifel am jüdischen Leben in Deutschland

Von Josef Schuster

Wie dauerhaft ist jüdisches Leben in Deutschland? In den letzten Monaten wird diese Frage hin und wieder aufgeworfen. Solche Diskussionen gehen auf antijüdische Terroranschläge zurück, wie sie in Paris, in Brüssel und in Kopenhagen verübt worden sind. Dazu muss in aller Klarheit gesagt werden: Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland denkt nicht über Emigration nach. Ganz im Gegenteil. Das jüdische Leben hierzulande ist heute tief verwurzelt und wird es auch bleiben.
Das bedeutet nicht, dass wir uns im Paradies wähnen. Die jüdischen Gemeinden und andere jüdische Einrichtungen sind sich der existierenden Bedrohungen bewusst und tun – in Zusammenarbeit mit den Behörden – alles in ihrer Macht Stehende, um sie im Zaum zu halten. Es ist leider auch nicht so, dass wir erstmals mit Gefahren antisemitischer Gewalt oder mit Antisemitismus schlechthin konfrontiert wären. Uns ist bewusst, dass alte Vorurteile in nicht wenigen Kreisen der Gesellschaft fortbestehen und von manchen Drahtziehern immer wieder unter jedem erdenklichen Vorwand aufgewärmt werden. Man denke nur an die Ereignisse des letzten Sommers, in dem sich eine Woge des Judenhasses über Deutschlands Straßen ergoss.
Die beste Antwort auf solche Attacken ist gelebte Normalität. Und genau diese leben wir vor. Das jüdische Leben in der Bundesrepublik entwickelt sich dynamisch; wir bauen unsere Infrastruktur aus. Die Gemeinden bieten ihren Mitgliedern ein reichhaltiges religiöses und kulturelles Leben. Kinder genießen hervorragenden Unterricht an jüdischen Schulen. Unzählige Veranstaltungen schaffen den Rahmen für die Vermittlung jüdischen Wissens. Im vergangenen Monat fand das jährliche Limmud-Festival statt, und die Beispiele ließen sich mehren. Ende Juli werden in Berlin die erstmals auf deutschem Boden ausgetragenen Europäischen Makkabi-Spiele eröffnet. Damit bekräftigt die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik sowohl ihre gestiegene Rolle in der jüdischen Welt als auch die Normalität jüdischen Lebens zwischen Rhein und Oder.
Es werden auch immer mehr geistige Güter geschaffen. Ganz aktuell: Im Juni wurde das vom Zentralrat der Juden in Deutschland und dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund herausgegebene Buch zur jüdischen Ethik veröffentlicht. Ein modernes Standardwerk, das für jüdische und nichtjüdische Leser von Interesse sein wird. Natürlich sind auch Stätten geistigen Schaffens wie die beiden Rabbinerseminare und die jüdischen Lehrhäuser zu nennen. Verschiedene Strömungen des Judentums sind unermüdlich auf dem Gebiet religiöser und didaktischer Arbeit aktiv.
Normalität ist indessen nicht nur für unseren inneren Zusammenhalt wichtig, sondern stellt auch das beste Mittel dar, um die jüdische Gemeinschaft in der Gesellschaft als Ganzes noch fester zu verankern. Normalität zeigt besser als alles andere, dass Juden in Deutschland in einer modernen und offenen Gegenwart leben. Jüdische Gemeinden und Organisationen sind zunehmend Teil der deutschen Zivilgesellschaft. Jüdische Einrichtungen sind in zahlreiche Foren und Einrichtungen eingebunden. Man denke auch an die zahlreichen nichtjüdischen Schüler, die an jüdischen Schulen lernen; sie übernehmen eine auch und gerade für die Zukunft wichtige Mittlerrolle.
Wir wollen auch sonst einen aktiven Beitrag zum Gemeinwohl leisten. Das kommt beispielsweise in dem vom Zentralrat der Juden in Deutschland jährlich organisierten Tag der guten Tat, dem Mitzvah Day, zum Ausdruck.
Auch es ist gut, dass deutsche Medien in immer größeren Umfang über das jüdische Hier und Heute berichten. Kurzum: Die Normalität unseres Lebens in einem demokratischen Deutschland dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Wir wollen kein erstaunt begutachtetes Unikat sein, sondern gehören einfach dazu.

Dr. Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland