22.06.2015

Wie wichtig die Verfolgung von NS-Tätern für Überlebende ist

Interview mit Zentralratspräsident Josef Schuster im Südkurier, 10. Juni 2015

Josef Schuster ist Präsident des Zentralrates der Juden. Er spricht über die Bedeutung der Verfolgung von Nazi-Straftätern und über die deutsch-israelischen Beziehungen.

Was bedeutet die Verfolgung von Nazi-Verbrechern für die Überlebenden des Holocaust und für die deutsche Gesellschaft?

Für die Überlebenden ist es enorm wichtig, dass eine Form der späten Gerechtigkeit versucht wird. Fast alle von ihnen leiden bis heute an den Folgen der Misshandlungen. Kein Täter soll daher sagen können: Für mich ist es vorbei. Unserer Gesellschaft führen solche Prozesse wie der gegen Oskar Gröning noch einmal vor Augen, zu was Menschen fähig sind und wohin Hetze gegen Minderheiten führen kann. Die gibt es nämlich auch heute wieder, und sie mündet oft genug in Gewalt.

Macht es, mittlerweile 70 Jahre nach dem Krieg, noch Sinn, nach Tätern zu suchen?

Auf jeden Fall. Das sind wir nicht nur den Opfern und den Überlebenden schuldig. Das ist auch wichtig, weil wir in einem Rechtsstaat leben.

Historisch gesehen, wie lief die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen?

Leider gab es vonseiten der deutschen Justiz sehr viele Versäumnisse. So sind etwa von den 6500 SS-Leuten, die in Auschwitz im Einsatz waren, nur 49 verurteilt worden. Wir sollten aber nicht übersehen, dass sich Menschen wie der frühere Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der die Auschwitz-Prozesse angestoßen hat, bleibende Verdienste erworben haben. Bauer musste gegen zähe Widerstände ankämpfen.

Einige bemängeln, dass die Täter niemals Reue gezeigt haben, Oskar Gröning tut es im laufenden Prozess, was bedeutet das für Sie?

Dass er zumindest eine moralische Schuld einräumt, nehme ich positiv zur Kenntnis. Solche Sätze haben wir von anderen Angeklagten bislang nicht gehört. Ich hoffe aber auch, dass er verurteilt wird.

Deutschland und Israel blicken jetzt auf 50 Jahre gemeinsame Beziehungen zurück, wie sehen Sie das Verhältnis heute?

Zwischen Deutschland und Israel hat sich eine verlässliche Partnerschaft entwickelt, was alles andere als selbstverständlich war. Auf vielen Ebenen gibt es eine gute und fruchtbare Zusammenarbeit. Zudem erfreut sich Deutschland bei vielen, gerade jungen Israelis großer Beliebtheit. In jüngster Zeit ist das umgekehrt bei Deutschen leider oft nicht mehr der Fall. Die Empathie für Israel sinkt offenbar. Ich wünsche mir, dass sich dies wieder ändert. Israel braucht als einzige Demokratie im Nahen Osten unsere Solidarität. Außerdem trägt Deutschland auch eine historische Verantwortung für Israel.