15. Jahrgang Nr. 5 / 29. Mai 2015 | 11. Siwan 5775

Tonträger

Seit der Erfindung der Schallplatte mischen jüdische Unternehmer, Künstler und Erfinder im Geschäft mit der Musikaufzeichnung mit

Von Rozsika Farkas

Was haben Schallplatten mit Juden zu tun? Wie eine bis zum 22. November im Jüdischen Museum in München laufende Ausstellung belegt: jede Menge. Unter dem Titel „Jukebox – Jewkbox! Ein jüdisches Jahrhundert in Schellack & Vinyl“ geht die ebenso unterhaltsame wie fakten- und lehrreiche Historienschau der Rolle von Juden beim Siegeszug der runden Tonträger auf den Grund.
Um den Besucher gleich am Anfang auf das Thema einzustimmen, haben die Ausstellungsmacher im Foyer des Museums – für gewöhnlich einem geräuscharmen Ort – eine „Rock-Ola“-Jukebox aufgestellt. Aus dem altmodischen Glitzerkasten krächzt Bob Dylan, röhrt Helen Schneider, schmachtet Daliah Lavi. Das wirkt: „Manchmal müssen wir leiser stellen, sonst fangen die Mädels an der Kasse gleich an zu tanzen“, sagt der Mann vom Sicherheitsdienst augenzwinkernd. Für einen Hit muss man 50 Cent einwerfen, für einen Euro gibt es drei Titel. Die Münzen bleiben im Haus, das Museum kann jeden Euro gebrauchen.
Wohlgemerkt ist die Jukebox selbst – auch wenn der Ausstellungstitel es nahezulegen scheint – keine jüdische Erfindung. Aber zum massentauglichen Groschengrab wurde sie erst durch die Schallplatte, und diese ist nun mal, ebenso wie das Grammophon, dem Kopf des jüdischen Erfinders und Geschäftsmanns Emil Berliner entsprungen.
Berliner, 1851 in Hannover geboren und mit 19 Jahren in die USA ausgewandert, meldete 1887 das Patent für eine Scheibe an, die durch schneckenförmige Einritzung Töne speichern konnte. Die allerersten Schallplatten bastelte er aus rußbeschichtetem Glas, das er bald durch wachsbeschichtetes Zink und wenig später durch Hartgummi ersetzte. Die Tonqualität war erbärmlich, doch änderte sich das bald. Als Berliner ab 1896 eine vorwiegend aus Schellack bestehende Pressmasse zu verwenden begann, entstanden gut anzuhörende Tonkonserven.
Von da an ging’s rund. Emil Berliner rief die United States Gramophone Company ins Leben, sein Bruder Jospeh gründete wenig später in Hannover einen europäischen Ableger: die Deutsche Grammophon Gesellschaft. Ganz nebenbei: Jahrzehnte später hat dieser Emil Berliner sich gemeinsam mit seinem Sohn auch noch den Helikopter ausgedacht. Für Ausstellungsmacher Hanno Loewy fast das Gleiche: „Ein Gerät, auf dem sich oben etwas dreht.“
Hundert Jahre lang blieben Schallplatten das bevorzugte Medium, um Musik zu speichern – und mit ihr Emotionen, Erfahrungen und Erinnerungen. Wohl so ziemlich jeder, der deutlich über 20 ist, dürfte in der Ausstellung mit einem wehmütigen Seufzer unter den Hunderten Exponaten einige Schätze seiner eigenen Jugend wiedererkennen.
Begonnen hat die Popgeschichte, dies eine überraschende Erkenntnis der Plattenschau, mit Sakralmusik. Zum einen verwandelten sich die Gesänge berühmter jüdischer Kantoren – wie von Jossele Rosenblatt, dem „jüdischen Caruso“ –, die bereits auf die allerersten Scheiben gepresst worden waren, auf dem Weg von den Synagogen in die Wohnzimmer in profanen Kulturgenuss. Zum anderen waren nicht wenige Künstler Söhne von Kantoren, etwa der Filmkomponist Harold Arlen, dem wir „Somewhere Over the Rainbow“ verdanken. Thematisiert wird das auch in dem 1927 gedrehten „The Jazz Singer“, dem allerersten Ton-Spielfilm. Darin geht es um den Vater-Sohn-Konflikt, der sich daran entzündet, dass der Junior sich weigert, Kantor zu werden, und lieber als Jazzsänger auf dem Broadway auftritt. Jüdische Künstler – Komponisten, Sänger, Songschreiber – und Produzenten prägten über weite Strecken die Geschichte der Popmusik: von Sophie Tucker bis Amy Winehouse, von den Comedian Harmonists bis Blondie. Da sind die Superstars Bob Dylan, Leonard Cohen und Lou Reed, da ist Brian Epstein, Manager der Beatles.
Zusammen mit der Langspielplatte aus Vinyl entstand eine neue Kunstform: das bunte Plattencover. Das allererste hat der Grafiker Alex Steinweiss, Sohn jüdischer Einwanderer aus Warschau, 1939 für Columbia Records angefertigt. Die Ausstellungsmacher haben viele Hundert Cover zusammengetragen. Echte Trouvaillen sind darunter: beispielsweise Bob Dylan mit einem „Hava Nagila Blues“ auf einer Raubpressung.
Weil aber die runden Scheiben nicht für die Augen, sondern in erster Linie für die Ohren bestimmt sind, haben die Ausstellungsmacher eine „Jewtube-Lounge“ eingerichtet, mit Tablets und Kopfhörern und Sitzsäcken, in denen man so versinkt, dass man sich kaum mehr aus ihnen erheben mag. Dort kann, wer will, tief in die Musik eintauchen. Ein beleuchteter Tresen, der „Plattenladen“, ist ebenfalls mit Kopfhörern ausgestattet. Hier gibt es Musik zu hören, aber auch persönliche Geschichten, die Menschen über ihre Lieblingsscheiben erzählen. Nur noch als Augenschmaus dienen hingegen die Grammophone, die ebenfalls in der Schau zu bewundern sind. Zum Ausstellungskatalog haben mehr als 40 Autoren Artikel, Abhandlungen und auch sehr persönliche Erinnerungen beigesteuert. Beigefügt ist eine Schallplatte – Vinyl – mit Interpretationen von „Our Yiddishe Momme“ (Bucher Verlag, 29,90 Euro).