15. Jahrgang Nr. 5 / 29. Mai 2015 | 11. Siwan 5775

Tradition leben

Beim Grand Schabbaton des Bundes traditioneller Juden standen Kontaktpflege und jüdische Lebenshilfe im Mittelpunkt

Von Karin Vogelsberg

Beim vierten Grand Schabbaton des Bundes traditioneller Juden (BtJ) herrschte die Atmosphäre eines Familientreffens: Lebhaftes Geplauder auf Deutsch, Englisch und Iwrit war zu hören, Kinder sprangen herum und fanden ebenso mühelos zusammen wie die Erwachsenen. Rund 300 Teilnehmer – Familien ebenso wie allein reisende junge Erwachsene –
waren Mitte Mai zum Grand Schabbaton nach Radebeul bei Dresden gekommen. „Wir bringen hier Juden aus ganz Deutschland und mit unterschiedlichem Hintergrund in Kontakt. Für mich ist es das Highlight der Veranstaltung, dass das funktioniert“, sagte Michael Grünberg, Vorsitzender des BtJ und der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.
Es ist eines der Anliegen des BtJ, durch Schabbatonim den Zusammenhalt der jüdischen Familie zu stärken. 2012 gründete sich der Verein unter anderem mit dem Ziel, junge Menschen für die jüdische Tradition zu interessieren und sie zum aktiven Engagement in den Gemeinden zu motivieren. Er betrachtet es zudem als seine Aufgabe, jüdische Gemeinden zu unterstützen, damit sie traditionsbewussten Mitgliedern bessere Angebote machen können. Aktuell sind 19 Gemeinden mit insgesamt rund 20.000 Mitgliedern dem BtJ angeschlossen.
Die Seminare des Vereins dienen aber nicht nur der Kontaktpflege, sondern sollen den jungen Erwachsenen und Familien auch Lebenshilfe auf jüdischem Fundament bieten. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Ehe und Partnerschaft, die Zukunft der Gemeinden und die Verbindung moderner Lebensanforderungen mit der jüdischen Tradition.
Der BtJ und die Mitveranstalter Jewish Experience, Morasha Germany und das 3-Rabbiner-Seminar hatten für den diesjährigen Schabbaton namhafte Referenten wie die amerikanisch-jüdische Psychologin und Ratgeberautorin Lisa Aiken, den Geschäftsführer der Ronald S. Lauder Foundation, Rabbiner Josh Spinner, sowie den englischen Rabbiner David Rose und seine Frau Talya gewonnen. „Das sind Redner, die man in Deutschland sonst nicht oft zu hören bekommt und die wirklich Neues zu sagen haben“, so Michal Abramova, die aus Hamburg zum Schabbaton angereist war. Lebhaft beteiligte sich die junge Frau an der Diskussion mit Paartherapeutin Lisa Aiken über die Suche nach dem richtigen Lebenspartner.
„Bei vielen ist ein deutlicher Wunsch da, jüdisch zu heiraten“, weiß Michael Grünberg. Unter Singles gelten die BtJ-Veranstaltungen als Möglichkeit, einen Partner zu finden, der ihre Werte teilt. „Es gibt Paare, die haben sich beim ersten Schabbaton kennengelernt, beim zweiten waren sie verheiratet und jetzt kommen sie mit Kind. Das ist eine tolle Entwicklung“, findet Grünberg. Die Kinder aus diesen Verbindungen wachsen ganz selbstverständlich mit den jüdischen Geboten auf und knüpfen während der Schabbatonim schon früh Kontakte zu Gleichaltrigen aus anderen traditionell ausgerichteten Familien. „Diese Chance hatten wir in unserer Jugend nicht“, bedauern Michael Grünberg und sein Vorstandskollege David Seldner.
Nicht nur die Kinder stimmen den BtJ und seine Mitglieder für die Zukunft optimistisch. „Der jüdischen Gemeinschaft ist es in Deutschland nie besser gegangen. Wir sollten das Prinzip der Einheitsgemeinde weiter verfolgen. Das hat bisher, 70 Jahre nach der Schoa, gut funktioniert“, meint Grünberg. Viele Seminarteilnehmer sehen das traditionelle Judentum im Aufschwung. „Die Situation heute ist nicht zu vergleichen mit der Lage vor 10 oder 20 Jahren“, meint Michal Abramova, „es ist erheblich leichter als früher, ein religiöses Leben zu führen.“
Trotzdem sind im Alltag mitunter Kreativität und Kompromissbereitschaft gefragt. Nicht überall kann man koscher einkaufen oder die Kinder auf eine jüdische Schule schicken. Und nicht immer lässt sich der Dienstplan mit den jüdischen Feiertagen vereinbaren. „In dieser Hinsicht habe ich es gut, ich bin mein eigener Chef“, so Joel Mertens aus Köln. Wie viele andere Teilnehmer genoss der Familienvater besonders die entspannte Atmosphäre des Seminars. Koschere Verpflegung, ein Eruv (Schabbatzaun), eine Synagoge direkt im Hotel, Kinderbetreuung: Für Joel Mertens ist das denn auch „wie Urlaub“.