15. Jahrgang Nr. 5 / 29. Mai 2015 | 11. Siwan 5775

Alpenblick

Die jüdische Gemeinde in Meran ist das Zentrum jüdischen Lebens in Südtirol

Von Heinz-Peter Katlewski

Wo liegt die jüdische Gemeinde, in der die Hälfte der Mitglieder von Haus aus deutschsprachig, die andere Hälfte aber in einer anderen Sprache beheimatet ist? Das hört sich vielleicht nach Deutschland an, in Wirklichkeit handelt es sich aber um Meran, mit 38.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol, wie Italiens nördlichste Region amtlich heißt.
Der Mitgliedsstand der jüdischen Gemeinde ist mit 49 eingetragenen Personen überschaubar, doch dient sie auch anderen Juden in Südtirol als Zentrum ihrer Identität. Joachim Innerhofer, Leiter des kleinen Museums im Untergeschoss der Meraner Sy­nagoge, erklärt, dass sich ein Teil der in der Region ansässigen Juden nicht als Gemeindemitglieder engagieren möchte. Einige wollen ihre Privatsphäre schützen, oder argumentieren, sie seien einfach nicht religiös. In Wirklichkeit aber spüren auch viele Nichtmitglieder eine Bindung ans Judentum. In den letzten Jahren haben sich so viele Gäste zum Pessach-Seder in Meran angemeldet, dass man seit zwei Jahren in einen Saal der viel größeren Provinzhauptstadt Bozen ausweichen muss. Die für einen Seder in Meran zur Verfügung stehenden Räume waren nämlich zu klein oder zu teuer.
Neu ist jüdisches Leben in Südtirol keineswegs. In Meran lebten Juden – wenngleich nicht durchgehend – bereits seit dem Mittelalter. Im 19. Jahrhundert und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts entwickelte sich, begünstigt durch den Aufstieg der Stadt zu einer beliebten Kurstadt, eine bedeutende jüdische Gemeinschaft. 1901 konnte die erste und bis heute einzige Synagoge Südtirols erbaut werden: ein neoklassizistisches Gebäude umgeben von einem Garten mit Nadel- und Laubbäumen. Organisatorisch war das eine Dependance der Jüdischen Gemeinde für Tirol.
Ehemals eine rein deutschsprachige Region, hat sich Südtirol seit der 1918 erfolgten Abtrennung von der Habsburger Monarchie und der Eingliederung nach Italien verändert. Eigenständig wurde die Meraner Gemeinde erst am 9. November 1921, nachdem die völkerrechtlichen Aspekte der Übernahme Südtirols durch Italien geklärt waren.
Auf dem Höhepunkt der Entwicklung lebten in Meran rund 1000 Juden. Die meisten waren als Ärzte, Kaufleute, Intellektuelle und Künstler aus Deutschland und der einstigen Habsburger Donaumonarchie eingewandert, einige kamen aber auch aus Osteuropa. Die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof zeugen von vielen Ursprungsländern.
Vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde Meran zu einer Zufluchtsstätte für jüdische Flüchtlinge aus Nazideutschland. Die 1939 vom italienischen Regime eingeführte antijüdische Gesetzgebung beendete aber die Phase relativer Sicherheit. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen im September 1943 begann eine regelrechte Jagd auf die Juden, die sich bis dahin nicht hatten absetzen können. Mindestens 50 Juden aus Meran wurden während des Holocausts ermordet.
Seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich viele italienische Juden der Gemeinde angeschlossen. Auch die gegenwärtige Gemeindepräsidentin Elisabetta Rossi ist mit Italienisch aufgewachsen, obwohl ihre Mutter eigentlich österreichischer Herkunft war. Im Südtiroler Online-Magazin „Barfuß“ erinnert Elisabetta Rossi sich, dass bei ihr daheim Deutsch verboten war. Erst im Alter von 14 Jahren habe sie von der Großmutter erfahren: Sie sei jüdisch, ihre Mutter und Großmutter seien einige Monate in ein Konzentrationslager deportiert und der Großvater in Auschwitz ermordet worden.
Heute sei bei Gottesdiensten neben Hebräisch häufig Italienisch zu hören, berichtet Joachim Innerhofer. Der Kantor der Gemeinde stamme aus Genua und lebe heute in Bozen. Grund für die Dominanz des Italienischen gegenüber dem Deutschen sei, dass die deutschsprachigen Gemeindemitglieder ohnehin Italienisch könnten, während dies umgekehrt nur selten gelte. Bei öffentlichen Veranstaltungen würden Deutsch und Italienisch nach Bedarf eingesetzt.
Das kürzlich von Joachim Innerhofer und Sabine Mayr für das Jüdische Museum Meran veröffentlichte Buch „Mörderische Heimat“ (Edition Raetia, 2015) wurde in einem italienischen Verlag auf Deutsch veröffentlicht. Es widmet sich den Lebensgeschichten jüdischer Familien in Bozen und Meran während des italienischen Faschismus und der Nazi-Herrschaft.
http://www.juedischegemeindemeran.com

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Juden in Italien

Nach Angaben der Vereinigung der Jüdischen Gemeinden in Italien (Unione delle Comunità Ebraiche Italiane) leben in Italien rund 28.000 Juden. Fast die Hälfte von ihnen – 13.000 – sind in Rom zu Hause, gefolgt von Mailand mit einer jüdischen Bevölkerung von 8000 Personen. Mit einigem Abstand folgen die Gemeinden in Florenz (1000 Mitglieder), Turin (900) sowie Venedig und Livorno mit jeweils 600 Mitgliedern. In einer Reihe weiterer Städte bestehen kleinere Gemeinden. Die Vereinigung der Jüdischen Gemeinden bietet der jüdischen Bevölkerung Unterstützung in den Bereichen Religion, Kultur und Erziehung, doch sind die einzelnen Gemeinden eigenständig.
Die jüdische Gemeinde in Rom gehört zu den ältesten der Welt. Die jüdische Geschichte in Rom datiert ins 2. Jahrhundert vor der Zeitenwende. Im Laufe der Jahrhunderte waren Juden in Italien zahlreichen Einschränkungen und Verfolgungen ausgesetzt. In Venedig wurde im Jahr 1516 das erste jüdische Ghetto errichtet.
Während des Holocausts wurden 7750 italienische Juden ermordet. Nach Kriegsende ließ sich eine Anzahl von osteuropäischen Holocaust-Überlebenden in Italien nieder. In den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrzehnts kamen rund 3000 Juden aus Libyen nach Italien.