15. Jahrgang Nr. 5 / 29. Mai 2015 | 11. Siwan 5775

Lernen am Wattenmeer

Das 8. Limmud-Festival fand diesmal im ostfriesischen Neuharlingersiel statt

Von Sandra Anusiewicz-Baer

Wer sagt denn, dass man aus der Not keine Tugend machen kann? Den Veranstaltern des diesjährigen Limmud-Festivals ist es jedenfalls gelungen. Da der bisherige Austragungsort am brandenburgischen Werbellinsee 2015 nicht mehr zur Verfügung stand, wurde Limmud Nummer acht im ostfriesischen Neuharlingersiel begangen. So kam es, dass die Teilnehmer diesmal den Blick auf offenes Meer genießen konnten, auf saftig-grüne Wiesen, sattgelbe Rapsfelder, durchsprenkelt von wollweißen Schafen, die auf dem Deich weideten und ein Blök-Konzert gaben.
Wohl wahr: Für die allermeisten gestaltete sich die Anreise länger als sonst, weshalb es auch etwas weniger Tagesgäste gab. Nicht zuletzt blieb so mancher Berliner zu Hause. Dafür waren aber mehr Limmudniks aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen vertreten. Insgesamt kamen knapp 400 Lernbegierige an der Nordsee zusammen und damit nur unwesentlich weniger als in den Jahren zuvor.
Nach der Ankunft ließ die schöne Ferienanlage den weiten Anfahrtsweg vergessen. Die Kinder konnten auf dem Gelände verschiedene Spielplätze und das Kinnerhus (Kinderhaus) Kunterbunt in Beschlag nehmen, die Erwachsenen im Teehus Kluntje oder in den davor platzierten Strandkörben entspannen. Den Teilnehmern standen entweder Zimmer im Haupthaus der Anlage zur Verfügung oder sie konnten in Bungalows logieren. Letzteres, wenn sich zwei Familien eines der Häuschen teilten. Das passt gut, wenn man sich kennt und die Kinder sich mögen. Andernfalls bietet sich freilich Gelegenheit, neue Bekanntschaften zu schließen und auf diesem Weg voneinander zu lernen.
Denn ums Lernen ging es an der Nordsee ebenso wie in den Vorjahren in Bandenburg. Und wie das Limmud-Motto – dem Mischna-Traktat „Sprüche der Väter“ (Pirkei Awot) entnommen –
besagt, ist derjenige weise, der von jedem lernt. So sorgten auch diesmal nicht nur die Punkte des reichhaltigen Seminarprogramms für den geistigen Austausch, sondern auch die Momente, in denen man mit alten Freunden oder neuen Bekannten ins Gespräch kam. Eine Teilnehmerin meinte – wohl stellvertretend für viele –, diese Begegnungen seien für sie genauso lehrreich wie die Vorträge und Workshops selbst.
Auch dieses Jahr hat der Zentralrat der Juden in Deutschland das Festival finanziell unterstützt. Überhaupt zeigt sich, dass die institutionellen Strukturen, die die jüdische Gemeinschaft in Deutschland in den letzten Jahrzehnten geschaffen hat, Früchte tragen. Mit starker Präsenz waren Studenten und Absolventen des Abraham Geiger Kollegs sowie Stipendiaten des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES) vertreten. Beide Gruppen gestalteten eine große Anzahl an Workshops zu unterschiedlichen historischen, pädagogischen und theologischen Themen.
Weitere Förderung kam von der Genesis Philanthropy Group, die mit ihren Projekten das Ziel verfolgt, die jüdische Identität russischsprachiger Juden weltweit zu stärken. So wurde im diesjährigen Programm ein Schwerpunkt auf die Interessen, Bedürfnisse und Lebensstile russischsprachiger Juden in Deutschland und auf das Wahlverhalten von Immigranten aus der Ex-UdSSR in Israel gelegt.
Das Programm war ebenso breit aufgestellt, wie es in die Tiefe ging. Einige Referenten waren gleich mit mehreren Themen vertreten, so zum Beispiel Daniel Goldfarb, ehemaliger Direktor der Conservative Yeshiva in Jerusalem, der fünf verschiedene Seminare anbot, darunter eines über die Geschichte und den Aufbau der Amida, des Hauptgebets im jüdischen Gottesdienst, und eines über die heutige Relevanz der ethischen Maximen aus Pirkei Awot. In einem weiteren Workshop näherte sich Goldfarb der schwierigen Frage, ob man dafür beten dürfe, dass ein geliebter Mensch von seinen Schmerzen durch den Tod erlöst werde.
Auch andere Referenten widmeten sich dem Textstudium. Ela Naegele analysierte gemeinsam mit den Teilnehmern den biblischen Text zur Sprachverwirrung beim Turmbau zu Babel und verglich die erarbeiteten Deutungen mit den Interpretationen diverser Schriftsteller wie Voltaire, Virginia Woolf, Walter Benjamin oder Jacques Derrida – ein durchaus anspruchsvolles Unterfangen, das auf große Begeisterung der Zuhörer stieß.
Neben diesen textreichen Seminaren widmeten sich verschiedene Referenten dem Thema „soziales Engagement“. Ergreifend war die Schilderung von Martin Schubert über seine Arbeit in der jüdisch-israelischen Nichtregierungsorganisation Tevel Betzedek in Nepal. Die jüngsten schrecklichen Ereignisse verliehen der Frage, was humanitäre Hilfe und finanzielle Unterstützung unter jüdischen Gesichtspunkten bedeuten, besondere Aktualität.
Reichhaltig war auch das Angebot für die Jüngsten. Von „Ask the Rabbi“ bis Wattwanderung, vom Flaggen-Basteln bis Krimi-live-Hörspiel, konnte jeder etwas für sich finden.
Die Hawdala-Feier im Teehaus verkörperte das multi-denominale Prinzip von Limmud. Umgeben von Kindern, die brennende Kerzen emporhielten, standen die liberale Rabbinerin von Oldenburg, Alina Treiger, Rabbinerin Gesa Ederberg als Vertreterin des Masorti-Judentums aus Berlin und der orthodoxe Rabbiner Netanel Teitelbaum, Landesrabbiner von Bremen, zusammen auf der Bühne. Doch bevor der Raum allein von den Hawdala-Kerzen erhellt wurde, spendeten die Limmudniks dem Team von Elfenbein Catering um Avi Toubiana begeistert Applaus. Erneut gelang der Küche der Beweis, dass sich koscheres Essen und höchste kulinarische Ansprüche auf das Schönste miteinander verbinden lassen.
Das Datum für das 9. Lernfestival steht bereits: Die Unterkunft für Limmud am Weltnaturerbe Wattenmeer ist vom 5. bis 8. Mai 2016 fest gebucht.
http://www.limmud.de