5. Jahrgang Nr. 7 / 29. Juli 2005 - 22. Tamus 5765

Fanatismus kontra Einsicht und Weisheit

Von Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart

Am 17. Tamus (24. Juli) wurde ein Fastentag begangen. Er leitete eine dreiwöchige Trauerperiode ein. Anlass für den Fastentag ist der Fall Jerusalems, das zuletzt im Jahre 70 n.d.Z.von den Römern besetzt und dessen Heiligtum zerstört wurde. Der traditionsbewusste Jude trauert bis zum heutigen Tag um den Untergang Jerusalems. Grund dafür ist, dass mit der Zerstörung Jerusalems die Zerstreuung des jüdischen Volkes und die Vertreibung aus der alten Heimat ihren Anfang nahm. Daher finden in den Gemeinden in diesen drei Wochen keine fröhlichen Veranstaltungen statt. Sogar Hochzeiten werden verschoben.

Der Wochenabschnitt vor dem 17. Tamus, am 15. Tamus/22. Juli, beschäftigt sich mit Pinchas (Bemidbar 25, 10-30). Er war der Enkel Aarons, des ersten Priesters der Israeliten, und übte ebenfalls das Priesteramt aus. Seine „Amtsführung“ gibt bis heute Anlass zu Diskussionen.

Die Tora berichtet über eine Episode im Laufe der Wüstenwanderung der Israeliten, in der Pinchas eigenmächtig handelte, in dem er zwei Männer ermordete, um dadurch einen großen Teil des Volkes vom Rückfall in eine Gesellschaft der Rücksichtslosigkeit zu bewahren. Die Männer hatten das Lager der Israeliten verlassen, um die Dienste von Moabiterinnen „in Anspruch zu nehmen“.

Durch seinen hartes Durchgreifen ging Priester Pinchas in die Geschichte der Israeliten als ein Musterbeispiel für Fanatismus ein. Die Darstellung der Heiligen Schrift weckt den Anschein, als ob sie die Vergeltungsmaßnahme des Priesters gegen die Übeltäter bejahen würde. Die nachbiblische Literatur der Schriftgelehrten, der Talmud, formuliert eindeutiger und weist den Fanatismus in seine Schranken. Wenn man die Tat Pinchas’ und die Umstände analysiert, könnte man behaupten, dass Pinchas ein Eiferer, aber kein Fanatiker war. Denn: Letztere ist stets rücksichtslos und egoistisch. Er handelt nicht aus Gemeinschaftssinn. Sein Verhalten untergräbt Stabilität und Ordnung. Fanatiker können manipulierbare Massen begeistern. Der Fanatismus ist ein Gegner der Objektivität. Fanatismus ist blind und verblendet diejenigen, die mit ihm in Berührung kommen. Fanatismus widerspricht den Grundideen des Judeseins.

Dafür liefert auch in diesem Wochenabschnitt gerade Moses ein Beispiel: Er befürchtete, dass der eigenmächtige Vergeltungsakt von Pinchas den Einfluss dieses Priesters steigern werde. Daher, so der Midrasch, betete er zu G-tt: Herr der Welt, Du kennst die Gesinnung eines jeden in Deinem Volke... Bestimme Du Jemanden, als meinen Nachfolger, der imstande ist, auch die unterschiedlichsten Meinungen zu tolerieren...“ Damit wollte Moses zum Ausdruck bringen: Die Israeliten benötigen eine Persönlichkeit für das höchste Amt, die die Ansichten der anderen berücksichtigt und mit Weisheit und Einsicht die verschiedenen Kräfte im Volke ausgleicht.