11.05.2015

Wie wichtig ist der Auschwitz-Prozess, Herr Schuster?

Interview mit Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster in der B. Z. am Sonntag, 10.05.2015

Zwei Großeltern von Josef Schuster (61) wurden in Auschwitz ermordet – wo sich auch der frühere SS-Mann Oskar Gröning (93) schuldig machte, der sich jetzt vor Gericht verantworten muss. B.Z. sprach mit dem Zentralratspräsidenten der Juden in Deutschland über den möglicherweise letzten Auschwitz-Prozess.

Was bedeutet der Prozess für die Überlebenden der Konzentrationslager und für die Gesellschaft in Deutschland?

Für die Überlebenden ist es enorm wichtig, dass eine Form der späten Gerechtigkeit versucht wird. Fast alle leiden bis heute an den Folgen der Misshandlungen. Kein Täter soll daher sagen können: Für mich ist es vorbei. Unserer Gesellschaft führt der Prozess noch einmal vor Augen, wozu Menschen fähig sind und wohin Hetze gegen Minderheiten führen kann. Die gibt es nämlich heute wieder, und sie mündet oft genug in Gewalt. Daher ist es gut, dass die Medien regelmäßig über den Prozess berichten.

Die B.Z. hat sich entschieden, wichtige Passagen wörtlich zu dokumentieren. Wie bewerten Sie den Ansatz?

Ich finde das bemerkenswert und sinnvoll. Auf diese Weise wird die Öffentlichkeit des Gerichtsverfahrens auf alle Leser erweitert. Die wörtliche Wiedergabe gewährleistet Authentizität und Objektivität. Und sie ist besonders aufschlussreich, weil sich in der Ausdrucksweise des Angeklagten und der Zeugen auch viel Ungesagtes mitteilt.

Was empfinden Sie gegenüber Oskar Gröning?

Dass er zumindest eine moralische Schuld einräumt, nehme ich positiv zur Kenntnis. Solche Sätze haben wir von anderen Angeklagten bislang nicht gehört. Inwieweit das seiner eigenen Überzeugung entspringt oder ob er nur der Strategie seiner Anwälte folgt, kann ich nicht beurteilen.

Wie wichtig ist die Höhe der Strafe?

Ob dieser betagte Mensch noch einmal ins Gefängnis kommt, ist für mich nicht entscheidend. Wenn sich das Gericht für eine Haftstrafe entscheidet, wird man sehen, ob er haftfähig ist. Dafür gibt es in unserem Rechtsstaat klare Regeln. Das einzige Urteil, das mich irritieren würde, wäre ein Freispruch.

Die Auschwitz-Überlebende Eva Mozes Kor sagt, sie hätte den Nazis vergeben und hat Gröning sogar umarmt. Verstehen Sie, dass dies andere Zeugen empörte?

Ich verstehe das. Wenn Frau Kor für sich selbst verzeiht, ist das ein persönlicher Akt. Aber man muss genauso akzeptieren, wenn andere nicht verzeihen können und wollen. Vergebung kann nur individuell geschehen – und sie kann nur von den Überlebenden kommen. Ein Nachkomme wie ich kann nicht verzeihen. Das kann nur, wer unmittelbar betroffen war.

Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Was bedeutet das für unser Gedenken?

Das Gedenken wird schwieriger. Deshalb sollten wir die Stimmen der Überlebenden einfangen und medial so aufarbeiten, dass sie weiter gehört werden und auch junge Menschen erreichen. Um Schuld geht es dabei nicht mehr. Es geht um die Verantwortung, die aus dem Geschehen erwächst, für die gesamte deutsche Bevölkerung.

Was können die Schulen besser machen?

Ich wünsche mir, dass alle Schüler ab der neunten Klasse mit ihren Lehrern einmal eine KZ-Gedenkstätte besichtigen – ganz gleich, welchen Schultyp sie besuchen. Dasselbe wünsche ich mir übrigens auch für die Ausbildung von Polizeibeamten. Denn gerade Polizisten sollten etwa bei antiisraelischen Demonstrationen oder bei der Bewachung jüdischer Einrichtungen eine besondere Sensibilität für Antisemitismus haben und die deutsche Geschichte kennen.

Heute vor zehn Jahren wurde das Holocaust-Mahnmal eröffnet. Ihre Bilanz?

Das Mahnmal hat viel bewirkt. Durch die zentrale Lage werden Berlin-Besucher fast automatisch dort hingeleitet. Vielleicht wollten sie sich mit dem Thema gar nicht auseinandersetzen. Aber wenn sie dann dort sind und durch die Ausstellung gehen, tun sie es doch.

Am Dienstag blicken Deutschland und Israel auf 50 Jahre diplomatische Beziehungen zurück. Wie sehen Sie das Verhältnis heute?

Die Beziehungen stehen auf einem sehr festen Fundament. In Israel gilt Deutschland heute als einer der besten Freunde – obwohl die Ablehnung 1965 groß war. In Deutschland ist es genau umgekehrt. Die Offenheit und die Sympathien für Israel waren damals größer als heute, was mir großen Kummer bereitet.

Warum ist das so?

Der Gaza-Krieg des vergangenen Jahres hat dieser Entwicklung noch einmal einen Schub gegeben. Israel wurde häufig als Aggressor, die Palästinenser als Opfer dargestellt. In der Berichterstattung einiger Medien kamen sowohl die berechtigten Sicherheitsinteressen Israels als auch die Raketenangriffe der Hamas auf Israel zu kurz. Das trägt dazu bei, dass die Sympathien für Israel bei vielen geringer werden.

Interview: Ulrike Ruppel