5. Jahrgang Nr. 7 / 29. Juli 2005 - 22. Tamus 5765

Tausend Mitglieder in der neuen alten Schweriner Gemeinde

In der Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern findet engagiertes Gemeindeleben statt – ein Portrait

Irina Leytus

Von der alten Synagoge im Hof der zentral, aber ruhig gelegenen Straße Schlachtermarkt blieb nach der Pogromnacht nicht viel übrig – eine Gedenktafel am Vorderhaus und ein Gedenkstein im Hof sind heute die einzigsten Relikte. Interessant, dass der Stein bereits 1951 aufgestellt wurde. Grund dafür war, dass es in den 50iger Jahren in Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) wieder eine jüdische Gemeinde, die eine neue Synagoge im besagten Vorderhaus eingerichtet hatte, gab. Der Betraum, wird bis heute von der Gemeinde genutzt. Allerdings hat sich die Mitgliederstruktur inzwischen erheblich gewandelt: Jüdische Schweriner aus der Nachkriegszeit sind weggezogen oder verstorben, so dass in den siebziger Jahren die Gemeinde nur 20 bis 30 Mitglieder hatte. 1987 wurde das Gemeindehaus der Stadt zur Errichtung einer Gedenkstätte überlassen. 1994 kam es in Schwerin zur Neugründung der Gemeinde ohne einen einzigen alteingesessenen Juden.

Dank der Immigration von Zuwanderern aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion hat sich die Schweriner Gemeinde wieder zu einer lebendigen Vereinigung, die heute über 1000 Mitglieder zählt, entwickelt. Das benachbarte Gemeindehaus platzt längst aus allen Nähten. „An jedem ganz gewöhnlichen Tag ist hier der Teufel los: Der eine Besucher muss zur Sozialberatung, ein zweiter kommt zum Deutschunterricht, links übt der Synagogenchor, rechts setzt sich der Schachklub zusammen“, beschreibt Vorstandsmitglied Gennadij Kopilovich das pulsierend Gemeindeleben. Die Fußballmannschaft „Aviv“ (Frühling) spielt erfolgreich in der Regionalliga, die Bibliothek mit religiöser und säkularer Literatur auf Russisch ist gut bestückt und deswegen auch gut besucht. Und noch ein positives Beispiel aus der Sozialabteilung: Ehrenamtliche Helfer begleiten die Gemeindesenioren zum Arzt - bis zu 100 mal im Monat!

Der vierköpfige Gemeindevorstand arbeitet eng mit dem Landesverband Mecklenburg-Vorpommern zusammen. „Wir alle haben uns bewusst für die Kollegialität entschieden: So gibt es im Vorstand der Gemeinde keinen Vorsitzenden“, betont Valeriy Bunimov vom Landesverband. Und: „Wir versuchen alle Probleme aus eigener Kraft vor Ort zu regeln“. Auch „teilen sich“ die Mitgliedsgemeinden des Landesverbandes einen Rabbiner: William Wolff, der trotz seines hohen Alters Vitalität und Freude ausstrahlt, vielfältige Aufgaben übernimmt und regelmäßig Gottesdienste in Schwerin, Wismar und Rostock leitet. Die Gemeinde ist glücklich, einen „wissenden, weisen und humorvollen Rabbiner“ zu haben. Ohne Druck werden religiöse Grundsätze vermittelt und von der Gemeinde umgesetzt. Gennadiy Kopilovich erzählt ohne jeglichen Pathos: „Nur zwei mal im Jahr erlaubt es sich die Gemeinde, trotz hohen Kosten, koschere Fleischprodukte aus München zu bestellen – zur Pessach und Rosch Haschana. Aber koscheren Wein haben wir hier in der Gemeinde immer!“