15. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2015 | 11. Ijar 5775

Szenen aus der Provinz

Im Jüdischen Museum Frankfurt ist eine Ausstellung zum jüdischen Leben im Römischen Reich zu sehen

Von Barbara Goldberg

Vor fast 2000 Jahren wurde sie vom Zeichen des Glaubens zum Symbol der Niederlage: die Menora, die einst den Tempel in Jerusalem erleuchtete. Denn der römische Feldherr Titus brachte sie nach seinem Sieg im Jüdischen Krieg mit nach Rom. Berühmt ist das große Relief auf dem Triumphbogen nahe dem Kolosseum, das die reiche Kriegsbeute präsentiert. Und als Prunkstück inmitten dieser stolzen Sammlung, von jüdischen Kriegsgefangenen getragen, prangt der siebenarmige Leuchter.
Dieses Relief – in einer 1900 geschaffenen Replik – steht wie ein Mahnmal am Eingang zur Ausstellung „Im Lichte der Menora. Jüdisches Leben in der römischen Provinz“, die bis zum 10. Mai im Jüdischen Museum Frankfurt gezeigt wird. Das Relief erinnert an die Niederschlagung des Aufstands gegen die römische Herrschaft, an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem und an die Zeit des Exils.
Wie aber wie sah das Leben der Juden unter der Herrschaft der Römer sonst aus? Die in Kooperation des Frankfurter Museums mit der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts realisierte Ausstellung versucht erstmals, anhand der wenigen erhaltenen Spuren und Zeugnisse die Vielfalt jüdischer Realität in dieser Epoche zu rekonstruieren.
Interessant zum Beispiel der Hinweis, dass im 1. Jahrhundert nach der Zeitenwende circa 50.000 Juden in der Millionenstadt Rom lebten. Zahlreiche Grabinschriften aus jüdischen Katakomben, meist auf Griechisch verfasst, legen davon Zeugnis ab. Oft wird das hohe Amt, das der Verstorbene in der Synagoge innehatte, erwähnt. Und immer ist eine Menora neben dem Namen in den Stein geritzt, mitunter auch ein Etrog, ein Schofar oder Lulav, als Symbole für Rosch ha-Schana und Sukkot. Ansonsten wären viele Tote gar nicht als Juden zu identifizieren, da ihre Namen oft römisch klingen. Es war übrigens Julius Caesar, der das Judentum zur „erlaubten Religion“ erklärte und den Bau von Synagogen und die Sabbatruhe als Rechte verbriefte.
Gleich mehrere Karten verraten etwas darüber, wo überall in den Provinzen des Riesenreichs Juden gelebt haben müssen. So etwa sind Orte rot markiert, in denen es wohl eine Sy­nagoge gab. Eine andere Übersicht verzeichnet alle Fundstellen jüdischer Schmuckstücke und Gebrauchsgegenstände. Man staunt, mit wie vielen roten Punkten diese Karten übersät sind: Jüdische Spuren finden sich im heutigen Ungarn genauso wie in der Schweiz und dem damaligen Germanien. Das lässt den Schluss zu, dass Juden seit dem 2. und 3. Jahrhundert am Aufbau der römischen Provinzen jenseits der Alpen beteiligt waren. Allerdings waren Synagogen mitunter schwer als solche zu erkennen, da ihr Bau zunächst keinem übergeordneten Plan folgte und es beispielsweise noch nicht vorgeschrieben war, die Torarollen in einem Schrein an der Ostseite des Gebäudes zu verwahren. So lassen sich nur 70 Synagogen mit Sicherheit nachweisen, vermutlich aber waren es mehrere Tausend, die sich zum Teil sogar an prominentem Platz innerhalb einer Stadt befanden.
Münzen oder Öllämpchen mit jüdischen Ornamenten könnten auch im Gepäck von Soldaten in den Norden gelangt sein. Aufschlussreich sind die Ringe aus Glas oder Bronze, in die die Menora wie ein Familienwappen eingeritzt wurde. Sie müssen aus persönlichem Besitz stammen und dürfen daher als verlässlicher Zeuge jüdischer Existenz in diesen Breiten gelten. Das anrührendste Exponat ist sicher eine aus dem 3. Jahrhundert stammende kleine Silberkapsel. 2002 war dieses Kleinod im burgenländischen Halbturn in einem Kindergrab entdeckt worden. In der Kapsel befindet sich ein kleines goldenes Blech, auf das in Griechisch das „Schma“ eingeritzt ist. Die verzweifelten Eltern hatten wohl gehofft, dieses Amulett könne ihre anderthalbjährige Tochter vor Krankheit und Tod schützen – vergebens.
Im Jahr 321 verkündete Kaiser Konstantin in Köln, dass es gestattet sei, „Juden in die Kurie [Volksversammlung] zu berufen“ – unumstößliches Indiz dafür, dass bereits zu dieser Zeit eine größere jüdische Gemeinde am Rhein existierte. Vor allem aber in Südosteuropa breitete sich ein vielfältiges religiöses Leben der jüdischen Minderheit aus. Und immer häufiger tritt die Menora als Sinnbild und Symbol des Judentums zutage; man kann sie durchaus als Demonstration jüdischen Selbstbewusstseins verstehen, auch um sich gegen das erstarkende Christentum zu behaupten. Denn im Verlauf des 5. Jahrhunderts verfestigt sich dessen Anspruch, das Monopol auf den Monotheismus inmitten der Vielgötterei der Römer zu besitzen.
Ein interessanter Exkurs in einem Nebensaal vermittelt einen Überblick darüber, wie viele unterschiedliche Kulte unter römischer Herrschaft nebeneinander praktiziert wurden. Sie alle sind heute verschwunden: Die einzige nichtchristliche Gruppe, die innerhalb des Abendlandes in ununterbrochener Kontinuität fortbesteht, ist das Judentum.
Der Katalog zur Ausstellung ist im Campus Verlag erschienen:
„Im Lichte der Menora. Jüdisches Leben in der römischen Provinz“, herausgegeben von Raphael Gross und anderen, 480 Seiten, 29,90 Euro