15. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2015 | 11. Ijar 5775

Zufallsprinzip

Ein neuartiger Schalter soll das ungehinderte Ein- und Ausschalten von Strom am Schabbat möglich machen, doch ist die Erfindung umstritten

Die Revolution ist da. Oder auch nicht. Je nachdem, wen man fragt. Die Rede ist, wohlgemerkt, von keinem gewalttätigen Machtwechsel in dem einen oder anderen Staat der Erde, sondern von einem Lichtschalter, über den dieser Tage in der Welt des orthodoxen Judentums zum Teil heftig debattiert wird.
Das Produkt sieht wie ein gewöhnlicher Lichtschalter aus, ist es aber, so die in New York beheimatete Hersteller-Firma KosherSwitch Technologies, eine bahnbrechende Neuerung, die – nicht mehr und nicht weniger – das ungehinderte Ein- und Ausschalten von Strom am Schabbat erlaubt. Das wäre in der Tat etwas Neues, doch sind keineswegs alle rabbinischen Autoritäten davon überzeugt, dass KosherSwitch in halachischer Hinsicht hält, was es verspricht.
Das ganz normale Ein- und Ausknipsen von Strom am Schabbat ist für Juden, soviel steht fest, halachisch verboten. Es gibt zwar Ausnahmen, doch werden diese genau definiert. So ist der Gebrauch von Strom, wie das Brechen anderer Mitzwot, für Zwecke der Lebensrettung nicht nur erlaubt, sondern auch geboten. In Fällen, in denen keine Lebensgefahr, aber doch dringende Notwendigkeit vorliegt, darf Strom mithilfe bestimmter Methoden betätigt werden. Ein bekanntes Beispiel ist der Krankenhauspatient, der nach der Schwester klingeln muss. Zu diesem Zweck wurde eine Vorrichtung entwickelt, die einen selbsttätigen Stromkreis am Schließen hindert – etwa durch ein Kunststoffplättchen. Betätigt der Kranke den Knopf, wird das Kunststoffplättchen rein mechanisch beiseitegeschoben, sodass sich der Stromkreis schließt und im Schwesternzimmer der Signalton erklingt.
Allerdings ist das eine zwar indirekte, aber doch beabsichtigte Veranlassung. Daher erlauben rabbinische Autoritäten solches Vorgehen nur bei „großem Bedarf“, zu dem das Ausschalten der Wohnzimmerbeleuchtung in den heimischen vier Wänden nicht gehört. Für diesen Zweck verwenden orthodoxe Juden Schaltuhren, die vor Schabbatbeginn eingestellt werden. Zum Thema „Schabbat und Elektrizität“ wurden zahllose Bücher, Artikel und Responsa verfasst. Allein mit Fragen des schabbatgerechten Aufzugs lassen sich Hunderte von Seiten füllen.
Worin besteht nun das Neue an KosherSwitch? Wie die Firma in einem Werbefilm erklärt, wird auch in diesem Fall ein Kunststoffplättchen, das stromkreisschließende Lichtimpulse abblockt, durch den Schalter beiseitegeschoben. Allerdings wird der Lichtimpuls, der die Glühbirne anmacht, nicht automatisch, sondern per Zufallsgenerator gesendet und empfangen. Will heißen: Es ist nicht im Voraus bekannt, wann sich der Stromkreis schließt. Nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung wäre es theoretisch möglich, dass der Strom erst nach langer Zeit anspringt. Daher, so Erfinder Menashe Kalati, handele es sich nicht einmal um indirekte Veranlassung. Ergo: Es darf nach Belieben geschaltet werden. Laut Werbefilm unterstützen auch einige prominente Rabbiner diese These.
Allerdings ist die Wirklichkeit komplizierter als Werbung, und viele rabbinische Autoritäten warnen vor voreiligen Schlüssen. Zum einen verfolgt die Benutzung des Schalters bewusst den Zweck, Strom zu betätigen – auch wenn das theoretisch länger dauern kann. Insofern kann hier trotz des Zufallsgenerators auf eine bewusste indirekte Veranlassung geschlossen werden. Ein weiterer Vorwurf besagt, dass das freizügige Ein- und Ausschalten von Strom gegen den Geist des Schabbattages verstößt. Schließlich könne KosherSwitch den Anschein eines Verstoßes gegen die Schabbatregeln erwecken; ein solcher Anschein ist aber an sich schon untersagt. So muss sich wohl erst zeigen, in welchem Maße sich die Erfindung durchzusetzen vermag.

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