15. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2015 | 11. Ijar 5775

Wissen ist Macht

Bildungstradition war ein wichtiger Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg der Juden rund um den Globus

Eines der bekanntesten und beliebtesten jiddischen Lieder beginnt mit den Zeilen „Ojf’n Pripetschik brent a Fajerl/Un in Stub is hejss/Un der Rebbe lernt kleine Kinderlach/Dem Alef-Bejss.“ Das vom in der zweiten Hälfte des 19. und Anfang des 20. Jahrhundert im zaristischen Russland lebenden Komponisten und Dichter Mark Warschawski eingefangene Bild des Rabbiners, der in einer kleinen Stube Kindern das hebräische Alphabet beibringt, war für das jüdische Leben in Osteuropa geradezu archetypisch. Der „Chejder“ – die Schule, in der ein Rabbiner oder ein Melamed (Religionslehrer) den Kleinen das Lesen und Schreiben beibrachte und sie mit dem Grundlagen der Tora vertraut machte – war ein untrennbarer Teil des jüdischen Alltags. Aber keineswegs nur im Osteuropa der letzten Jahrhunderte. Vielmehr gehören Bildung und das Studium religiöser Texte seit fast zwei Jahrtausenden zu den Grundlagen des Judentums, und zwar überall, wohin es die Juden auf ihrer Wanderschaft verschlagen hat.
Das Judentum war die einzige antike Zivilisation, die eine allgemeine Pflicht zur Bildung kannte, und sei es, wie es der damaligen Zeit entsprach, nur für Jungen. Wie der israelische Wirtschaftswissenschaftler Professor Zvi Eckstein, darlegt, war das eine nicht nur kulturelle Errungenschaft, sondern auch der grundlegende Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung der Juden im Lauf der Jahrhunderte. In der heutigen Zeit, in der die Bedeutung guter Bildung für die Wirtschaft relevant wie nie zuvor ist, sind Ecksteins Ausführungen nicht nur historisch interessant, sondern auch hochaktuell.
Bei der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 nach der Zeitenwende lebten weltweit rund 5,5 Millionen Juden. Fast die Hälfte von ihnen war in dem römisch besetzten Land Israel zu Hause; in Babylonien und Ägypten lebte jeweils ein Sechstel bis zu einem Fünftel der jüdischen Weltbevölkerung. Die meisten Juden waren, nicht anders als es bei anderen Völkern der Fall war, Bauern. Dann aber, so Eckstein in einem Gespräch mit der „Zukunft“, schlug das rabbinische Judentum einen gänzlich neuen Weg ein: Nach dem Verlust der zentralen Kultstätte, des Tempels, schufen die Schriftgelehrten eine dem Studium der Tora und deren Auslegungen verpflichtete Glaubenslehre.
Diese Lehre war es, die der jüdischen Zivilisation ihr jahrtausendelanges Überleben ermöglichte – das Überleben, aber auch den wirtschaftlichen Erfolg. In einer überwiegend aus Analphabeten bestehenden Welt entwickelten sich die nahezu umfassende Alphabetisierung der jüdischen Männer und ihre Fähigkeit, komplexe Sachverhalte zu analysieren, zu einem klaren Wettbewerbsvorsprung. Zwar war das nicht der Zweck der religiösen Verpflichtung zum Lernen, wohl aber ein wichtiger Nebeneffekt.
Nicht alle jüdischen Eltern konnten und wollten die Kosten einer Erziehung in einer jüdischen Schule tragen. Der soziale Preis der Verweigerung war die Ächtung als „Ignoranten“. Mit der Zeit fiel diese Gruppe vom Judentum ab – ein Prozess, der die Schrumpfung der jüdischen Weltbevölkerung von 5,5 Millionen zur Zeitenwende auf schätzungsweise 1 Million bis 1,2 Millionen im 7. Jahrhundert beschleunigte. Wer aber dem Judentum treu blieb, war Teil einer bildungsintensiven Gesellschaft.
Als der Islam – nach dem seiner Entstehung folgenden, raschen Aufstieg – Mitte des 8. Jahrhunderts ein großes, vom Mittleren Osten bis an den Atlantik reichendes Imperium geschaffen hatte, boten sich dessen Untertanen zahlreiche Möglichkeiten zum wirtschaftlichen Aufstieg. Diese Chance ergriffen die Juden beherzt. Gewiss waren Juden nicht die einzigen, die die Wirtschaftsentwicklung vorantrieben, doch war ihr Anteil am ökonomischen Fortschritt überproportional. Das belegt unter anderem die rasche Verstädterung der jüdischen Bevölkerung: Zwischen 750 und 900 verließen 90 Prozent der Juden im islamischen Herrschaftsbereich die Dörfer und zogen in die Städte. Dort ergriffen sie in aller Regel hochqualifizierte Berufe wie Finanziers, Händler oder Anwälte, aber auch Ärzte. Damit ist die jüdische Berufspalette aber nicht erschöpft. In Dokumenten der Kairoer Geniza werden mehr als 450 urbane Berufe genannt, die im islamischen Reich von Juden ausgeübt wurden.
Der Aufstieg der Juden wurde durch zwei weitere Faktoren gestützt. Erstens hatte das Judentum als eine sehr lebensnahe Religion ein komplexes Regelwerk für das Wirtschaftsleben entwickelt. Zweites gab es – in Gestalt rabbinischer Gerichte – eine Instanz, die Verträge unter Juden durchsetzen konnte.
Der Erfolg erwies sich als mobil. Vom Mittleren Osten aus zogen immer mehr Juden nach Nordafrika, Spanien und weiter nach Europa. Im 12. Jahrhundert lebte zwar noch immer die überwältigende Mehrheit aller Juden in Persien, im Irak und auf der Arabischen Halbinsel, doch gab es größere jüdische Gemeinschaften auch schon in Spanien, in Frankreich, in Deutschland und in England. Kleinere Gemeinden existierten aber auch in Italien, Österreich, Böhmen, Polen, Kleinasien und Syrien bis hin nach Zentralasien, Indien und China. Damit war das Fundament einer weitverstreuten Diaspora gelegt, in der das Judentum auch nach der Eroberung Bagdads durch die Mongolen im Jahr 1258 und dem Niedergang des Judentums im islamischen Kalifat überlebte.
Überall, wo sie hinkamen, brachten Juden ihre Bildung, ihr Fachwissen, aber auch Kapital mit. Ein Beispiel ist England. Dorthin kam im Jahr 1066 eine hochgebildete und vermögende Gruppe von Juden, die sich vor allem dem Geldverleih widmete. Schnell wurden sie erfolgreich. Dem Königshaus war das nur recht – jedenfalls eine Zeit lang. Die jüdischen Finanziers waren für Großprojekte der Monarchie unentbehrlich und bescherten dieser auch hohe Einnahmen. Im 13. Jahrhundert trugen Juden – eine damals verschwindend kleine Bevölkerungsgruppe – fast ein Fünftel zu den Einkünften der englischen Krone bei.
Generell gilt, dass Juden in vielen Ländern und in allen Epochen nur begrenzte Rechtssicherheit genossen. Als eine Minderheit waren sie oft der Willkür der Herrscher wie Übergriffen der Mehrheitsbevölkerung ausgesetzt. Unter dem Strich aber blieben sie dank ihrer Fähigkeiten wirtschaftlich erfolgreich.
Ein wichtiges Kapitel der jüdischen Geschichte – auch der Wirtschaftsgeschichte – schrieben die Juden in Polen beziehungsweise in der polnisch-litauischen Doppelmonarchie. Zwischen dem beginnenden 16. Jahrhundert bis zu den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts konnten sie dank relativ stabiler Rahmenbedingungen ein schnelles Bevölkerungswachstum von durchschnittlich zwei Prozent pro Jahr erreichen. So stieg die jüdische Bevölkerung des polnisch-litauischen Unionsstaates, erklärt Professor Eckstein, in der genannten Zeit von circa 15.000 auf rund 750.000 Juden im Jahr 1774.
Wann immer sich die Gelegenheit bot, wurden osteuropäische Juden zu führenden Trägern des ökonomischen Fortschritts, nicht nur in ihren angestammten Ländern, sondern, später, vor allem auch in den USA, wo sie innerhalb von zwei Generationen den Aufstieg von armen Immigranten zu einer der erfolgreichsten Bevölkerungsgruppen schafften.
Die Moderne hat die Palette der Berufe, in denen Juden reüssierten, um einen wichtigen Bereich erweitert: die Wissenschaft. Jüdische Wissenschaftler hatte es, wohlgemerkt, auch früher gegeben. Allerdings war es, so Eckstein, erst die Aufklärung, die Juden in großer Zahl an wissenschaftliche Forschung heranführte. „Da sagten wohl viele Eltern zu ihren Söhnen: ‚Wenn du schon nicht Rabbiner wirst, sei doch wenigstens ein Professor.‘“
In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts wies die Berufsstruktur der Juden eine frappierende Ähnlichkeit mit derjenigen des islamischen Imperiums auf. Wie der im zaristischen Russland geborene amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Simon Kuznets errechnete, gingen in den Dreißigern zwischen 95 und 99 Prozent der jüdischen Erwerbstätigen in Nordamerika und in Osteuropa, einschließlich der Sowjetunion, hochqualifizierten, „städtischen“ Berufen nach.
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Zur Person

Professor Zvi Eckstein, heute Dekan der Arison-Schule für Betriebswirtschaft in der Wirtschaftsabteilung des Interdisziplinären Zentrums in Herzlia, ist einer der bekanntesten israelischen Wirtschaftswissenschaftler. Der 1949 geborene Eckstein war lange Jahre an Hochschulen in Israel und den USA tätig. In den Jahren 2006 bis 2011 diente er als Vizegouverneur der Bank von Israel, Israels Zentralbank. Abgesehen von seiner Spezialisierung im Bereich der Ökonometrie und der Wirtschaftspolitik hat Eckstein auch eine Reihe von Arbeiten zur Wirtschaftsgeschichte der Juden unter besonderer Berücksichtigung des Bildungswesens veröffentlicht. Sein jüngstes Werk auf diesem Gebiet ist das zusammen mit der italienischen Wirtschaftswissenschaftlerin Maristella Botticini veröffentlichte Buch „The Chosen Few: How Education Shaped Jewish History, 70-1492“, das auch auf Hebräisch, Polnisch, Spanisch und Italienisch erschienen ist. Übersetzungen ins Deutsche, ins Französische und ins Chinesische sind in Vorbereitung.