15. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2015 | 11. Ijar 5775

Bücher für und über Juden

In Deutschland ist eine Reihe jüdischer Verleger tätig, aber auch andere Verlage veröffentlichen Werke über das Judentum

Von Heinz-Peter Katlewski

„Wer baut, der bleibt“ – mit diesem Satz wird oft die Wiederbegründung jüdischen Lebens in Deutschland beschrieben, wobei es in der Regel um den Bau von Synagogen und Gemeindezentren geht. Allerdings könnte man den Spruch auch auf einen anderen Bereich anwenden: die Gründung und Tätigkeit jüdischer Verlage in der Bundesrepublik. Heute sind hierzulande mehrere Verlage tätig, die sich ausdrücklich
– wenngleich nicht ausschließlich – an ein jüdisches Lesepublikum wenden und damit ein geistiges Fundament für die jüdische Zukunft zwischen Rhein und Oder legen wollen.
An sich sind jüdische Verlage auf deutschem Boden nicht neu. Lange bevor der Buchdruck erfunden wurde, handelten reisende jüdische Buchhändler mit hebräischen Handschriften. Ein jüdisches Verlagswesen im modernen Sinne entwickelte sich ab dem frühen 19. Jahrhundert. Die meisten Verlage im deutschsprachigen Raum gab es im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts
– bis unter der Nazi-Herrschaft nach und nach alle jüdischen Verlage verboten oder zwangsweise aufgelöst wurden.
Die jüdischen Verlage vor 1933 veröffentlichten keineswegs nur religiöse Literatur, sondern auch Werke zu philosophischen, literarischen, künstlerischen oder religionswissenschaftlichen Themen. Im 19. Jahrhundert begleiteten sie den widersprüchlichen Prozess der jüdischen Emanzipation, im frühen 20. Jahrhundert eröffneten sie Foren für die Positionen der unterschiedlichen jüdischen Strömungen. Zugleich versuchten sie, dem wachsenden Antisemitismus entgegenzutreten: Wie wir heute wissen, mit geringem Erfolg.
Unmittelbar nach der Schoa wurden für die DP-Lager einige Bücher zu den Festen und Feiertagen herausgegeben. Die in Deutschland dauerhaft verbliebenen Juden versorgten sich mit jüdischen Büchern, zumal religiösen Charakters, vor allem in der Schweiz. Victor Goldschmidt (1907–1973) führte in diesen Jahren in Basel ein kleines Geschäft mit religiösen Büchern und Kultusgegenständen. 1951 gründete er die Firma „Victor Goldschmidt Jüdische Buchhandlung & Verlag“. Ebenfalls in Basel entstand 1980 der von Edouard und Karin Selig gegründete „Verlag Morascha“. Zu seinem Repertoire gehörten und gehören Gebetbücher und religiöse Werke.
In Deutschland kamen jüdische Verlage nur langsam in die Gänge. 1958 wurde der zwischen 1902 und 1938 tätige, hochangesehene „Jüdische Verlag“ wiederbegründet. Zu den Initiatoren gehörte unter anderem der spätere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis. Seit 1990 gehört der „Jüdische Verlag“ zu Suhrkamp.
1982 startete Gerhard Hentrich in Berlin die „Edition Hentrich“, die Anfang der neunziger Jahre allerdings wieder verkauft werden musste. 1998 entstand dafür der „Hentrich & Hentrich Verlag“. Dem Verleger Hentrich lag daran, sowohl an die nationalsozialistischen Verbrechen zu erinnern als auch über jüdische Geschichte und jüdische Kultur zu informieren. 2009, kurz vor seinem Tod verkaufte er den Verlag an Dr. Nora Pester. Sie führt zwar wesentliche Programminhalte des kleinen Verlages weiter, hat ihn aber inzwischen zu einem bedeutenden Fachverlag für jüdische Kultur und Zeitgeschichte weiterentwickelt. Mit jährlich 50 Titeln in unterschiedlichen Formaten, begleitet von 100 öffentlichen Präsentationsveranstaltungen, dürfte sie gegenwärtig die produktivste Verlegerin für jüdische Literatur sein. Klassisch für Hentrich & Hentrich sind die annähernd 200 „Jüdischen Miniaturen“. Diese Publikationen stellen im Wesentlichen bedeutende Persönlichkeiten der jüngeren jüdischen Geschichte vor.
1982 nahm der auf jüdische Kultur spezialisierte „Ölbaum-Verlag“ von Henryk M. Broder seine Tätigkeit auf. 1985 folgte der gelernte Jurist Roman Kovar mit seinem „Roman Kovar Verlag“. Sein erstes Buch mit eigener Lyrik erschien 1986. Heute finden sich 86 Titel im Katalog, nicht alle haben jüdische Themen, aber viele. Darunter sind jüdische Romane, Sachbücher über das Judentum im Allgemeinen und die Kabbala im Besonderen, ein „Kochbuch für die einfache und die feine jüdische Küche“, eines über das Schächten und sogar ein „Reiseführer durch das jüdische Deutschland“. Besonders stolz ist Kovar auf das Jugendsachbuch „Ich bin meines Bruders Hüter“, das 1995 den Jugendliteraturpreis gewann.
1990 trat Nea Weißberg mit ihrem Berliner „Lichtig-Verlag“ auf den Markt. Der Schriftstellerin und Psychodramatherapeutin geht es um den Dialog, auch über Abgründe hinweg. Dafür stehe auch der Verlagsname, sagt sie: „Lichtig“ bedeute „heller werdend“. Es sind vor allem Gedichte, Gespräche, Erzählungen und Romane zu jüdischen Themen, nicht zuletzt zur Schoa, die der Verlag herausbringt, vereinzelt auch Sachbücher.
Die liberale Strömung kam 1999 zu einem ihr nahestehenden Verlag als die Neukirchener Verlagsgesellschaft eine Tochtergesellschaft etablierte: die Jüdische Verlagsanstalt Berlin (JVB). Sie veröffentlichte zunächst Bücher über den wichtigsten Vertreter des Reformjudentums im 19. Jahrhundert, Rabbiner Dr. Abraham Geiger (1810–1874), außerdem solche zu Geschichte, Lehre und Vielfalt des Judentums, insbesondere aber zum sogenannten progressiven Judentum. Als 2005 Paul Yuval Adam und Irith Michelssohn die JVB kauften, verlegten sie den Sitz ins westfälische Enger. Seitdem sind unter anderem Kinderbücher ins Programm gekommen – und als Pionierleistung Lehrwerke für den jüdischen Religionsunterricht. Seit 2001 publiziert die JVB alljährlich den Terminplaner „Durch das jüdische Jahr“.
Seit 2010 ist auch der Berliner Ariella-Verlag Teil der jüdischen Verlagsbranche. Er publiziert jüdische Kinderbücher. Gegründet wurde der Verlag von Myriam Halberstam, die ihn auch heute noch führt. Die Journalistin und Filmemacherin hatte neue und attraktive jüdische Geschichten für ihre eigenen Töchter vermisst. Mit zwei Kinderbüchern aus ihrer Feder hat sie auch einen eigenen Beitrag zum Verlagsprogramm geleistet. Mittlerweile hat der Verlag zwölf Titel im Programm, darunter ein Israel-Wimmelbuch und die ersten beiden Bände einer Kinder-Tora.
Kinderbücher – sie sind vielleicht das sichtbarste Zeichen eines zukunftsorientierten Denkens der jüdischen Gemeinschaft – werden auch von anderen Verlagen angeboten. So führt „Hentrich & Hentrich“ vier Kindertitel im Programm, drei von ihnen wurden von in Deutschland lebenden Autoren verfasst. Die „Jüdische Verlagsanstalt Berlin“ übernahm jüdische Kinderbücher aus den USA und übersetzte sie ins Deutsche. Der „Lichtig-Verlag“ führt ein jüdisches Bilderbuch in seinem Katalog. Der „Roman Kovar Verlag“ im rheinischen Hennef bietet derzeit ein jüdisches Lesebuch für Kinder an. Der orthodoxe Verlag „Morascha“ aus Basel – nach wie vor auch auf dem deutschen Markt tätig – hat Übersetzungen der amerikanischen Autorin Yaffa Ganz und eine „Bibel, erzählt für Kinder“ veröffentlicht.
Anders als in der Zeit vor 1933, in der sich etliche jüdische Verlage ausschließlich an ein jüdisches Lesepublikum wandten und dennoch rentabel wirtschaften konnten, ist das heute nicht möglich. Das ergibt sich allein schon aus der demografischen Stärke der jüdischen Gemeinschaft damals und heute. Daher sind alle heute tätigen Verlage auch auf nichtjüdische Kundschaft angewiesen. Indessen ist das nicht nur wirtschaftlich von Bedeutung. Vielmehr tragen sie auf diese Weise auch zu einem besseren Verständnis des Judentums in den inte­ressierten Kreisen der Mehrheitsgesellschaft bei.
Das gilt freilich nicht nur für die ausschließlich auf jüdische Inhalte spezialisierten Häuser. Vielmehr unterhalten rund 30 allgemeine Fach- und Wissenschaftsverlage sowie einige Regionalverlage ein besonderes Programmsegment mit jüdischer Thematik. Zum Teil erinnern diese Verlagsprogramme an jüdische Gemeinden und jüdische Kultur im deutschsprachigen Raum vor der Schoa. In anderen Fällen werden unter den Sammelbegriffen „Judaica“ oder „Jüdische Studien“ Bücher zur jüdischen Gegenwart und Geschichte veröffentlicht. Eine wichtige Rolle spielen zudem Veröffentlichungen über die jüdische Religion. Der Fokus reicht von allgemeinzugänglich geschriebenen Titeln bis hin zu hochspezialisierten Forschungsergebnissen. Die Popularität jüdischer Sujets bei so vielen nichtjüdischen Lesern ist sicherlich ein interessantes Phänomen.
In einigen Fällen sind die Namen jüdischer Verleger aus der Vor-Nazizeit präsent. Auf Samuel Fischer (1859–1934) geht der renommierte, heute zur Holtz­brinck-Verlagsgruppe gehörende „S. Fischer Verlag“ zurück. Fischer hatte deutschsprachige Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Hugo von Hofmannsthal und Hermann Hesse unter Vertrag, aber auch Leo Tolstoi, Fjodor Dostojewski und den Begründer der Psychoanalyse Siegmund Freud. Leopold Ullstein (1826–1899) gründete den „Ullstein-Verlag“, zu seiner Zeit einer der wichtigsten deutschen Zeitungs- und Zeitschriften-Verlage. Heute ist der Buchverlag Teil des Axel-Springer-Konzerns. Weder Fischer noch Ullstein hatten ihre Unternehmen als jüdisch angesehen, sondern sie als Teil des deutschen Verlagswesens aufgefasst. Antisemitischen Kreisen, inklusive der Nazis, war das freilich egal. Für sie reichte die Religionszugehörigkeit der Besitzer aus, um die betreffenden Verlagshäuser als „jüdisch“ einzustufen – und ihren Eigentümern zu entreißen.