15. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2015 | 11. Ijar 5775

Kompliziertes Datum

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg löst widersprüchliche Emotionen aus, kann aber auch einen einenden Effekt haben

Von Josef Schuster

Der Jahrestag des Kriegsendes in Europa ist ein kompliziertes Datum. Das liegt nicht daran, dass die Beendigung des Zweiten Weltkriegs auf dem alten Kontinent später unterschiedlich datiert wurde: nach westlicher Lesart am 8. Mai 1945, laut der sowjetischen Geschichtsschreibung am 9. Mai.
Die wirkliche Komplexität des Kriegsendes, das sich in diesem Jahr zum 70. Mal jährt, liegt an den so unterschiedlichen und widersprüchlichen Empfindungen, die das Datum in einzelnen Ländern auslöst. Wohl wahr: In der historischen Bewertung können wissenschaftliche Erkenntnisse und Einsichten durchaus grenzübergreifend formuliert und akzeptiert werden. Die emotionale Wahrnehmung bleibt aber notwendigerweise differenziert.
In Deutschland hat sich mit der Zeit zunehmend das Verständnis durchgesetzt, dass die Folgen, die das Land durch den Krieg zu tragen hatte, letztendlich die Konsequenz der von Nazideutschland begangenen Verbrechen waren. Bahnbrechend erklärte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker 40 Jahre nach Kriegsende, der 8. Mai 1945 sei für alle ein Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus gewesen. Für Deutsche, die das Naziregime bekämpft hatten oder von diesem verfolgt worden waren, galt das natürlich in besonderem Maße. Heute schwanken die Gefühle vieler Menschen in der Bundesrepublik zwischen dem Bewusstsein der Niederlage, der Akzeptanz der Befreiung und einer historischen Gewissensprüfung.
Anders ist es bei den Nachfahren der Alliierten. Sie begehen das Kriegsende als Tag des Sieges. Sie sind zu Recht auf die historische Rolle ihrer Länder in dem Kräftemessen, in dem es nicht mehr und nicht weniger als um die Zukunft der Menschheit ging, stolz.
Wir Juden stehen dem 8. bzw. 9. Mai mit unseren eigenen Gefühlen gegenüber. Auf der einen Seite brachte das Kriegsende jüdischen Überlebenden in Europa die Befreiung. Auch hatten jüdische Kämpfer einen nicht nur proportionalen, sondern überproportionalen Beitrag zum Sieg über das „Dritte Reich“ geleistet. Auf der anderen Seite aber kam die Kapitulation des Naziregimes für sechs Millionen Juden zu spät. In vielen besetzten Gebieten gab es so gut wie keine jüdischen Überlebenden mehr. Daher hat das Wort „Befreiung“ für uns einen bitteren Beigeschmack.
Kann der Jahrestag dennoch auch eine einende Wirkung auf Europa und über Europas Grenzen hinaus haben? Die Antwort lautet: Er kann und er muss, denn nur gemeinsam können wir, Bewohner der Gegenwart, sicherstellen, dass Kräfte des Hasses und der Zerstörung gebändigt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es nicht nur der Hoffnung, sondern bewusster, beharrlicher Arbeit – vom Verhältnis zum Nachbarn auf der anderen Seite des Gartenzauns bis hin zu Beziehungen zwischen Nationen, von der Erziehung im Kindergarten bis hin zu ausgefeilter interkontinentaler Krisenkommunikation. Das bedeutet nicht, dass wir einer Zeit des idealen Friedens entgegenschreiten, in der es keine Auseinandersetzungen geben wird. Allerdings dürfen noch so bittere Konflikte nie wieder zur Vernichtung des Anderen führen. Das ist umso wichtiger, weil der technologische Fortschritt nicht nur zahlreiche Segnungen mit sich bringt, sondern auch den Genozid erleichtert.
So darf das Grauen des Zweiten Weltkrieges niemals vergessen werden. Unnötig zu sagen, dass das Gedenken an die Schoa dabei nicht nur für Juden, sondern für die menschliche Zivilisation als Ganzes eine herausragende Bedeutung hat. Nur wenn wir die Tiefe des Abgrunds verinnerlichen, in den die Menschheit stürzen kann, können wir hoffen, das Ziel einer menschlicheren Welt zu erreichen.
Dr. Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland