15. Jahrgang Nr. 3 / 27. März 2015 | 7. Nissan 5775

Sieben Jahrzehnte in Düsseldorf

Stadtmuseum zeichnet die Geschichte der Juden in der NRW-Hauptstadt seit 1945 nach

Von Zlatan Alihodzic

Betrachtet man die Geschichte des Judentums, sind 70 Jahre nur eine kurze Zeitspanne. Doch wenn es um die Bedeutung geht, ist es entscheidend, welche 70 Jahre man wählt. Die gegenwärtig im Stadtmuseum Düsseldorf zu sehende Ausstellung „Von Augenblick zu Augenblick“ legt den Fokus auf das jüdische Leben in der Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen zwischen 1945 und heute und damit eine Zeit, die nicht nur historisch wichtig ist, sondern in der die jüdische Gemeinschaft eine faszinierende Entwicklung durchgemacht hat. Die Ausstellung bietet den Düsseldorfer Bürgern die Möglichkeit, sich mit dieser Entwicklung vertraut zu machen.
Das Verständnis der Zusammenhänge wird durch einen gelungenen Aufbau der Ausstellung erleichtert. Beim Eintritt in den Ausstellungsraum in der ersten Etage des Museums fällt das helle, von kleinen Scheinwerfern angestrahlte Modell der Synagoge an der Zietenstraße ins Auge. Da kann man geradezu nachempfinden, wie sehr ihre Einweihung 1958 als Lichtblick empfunden wurde.
Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf wurde 1945 von damals 57 Mitgliedern gegründet. Sie waren Überlebende der Schoa und kamen zum größten Teil nicht aus Düsseldorf. Sie waren Flüchtlinge, die sich dafür entschieden hatten, hier ein neues Zuhause aufzubauen.
Kurz vor der Eröffnung der Synagoge kam die Familie von Herbert Rubinstein, der sich noch heute im Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein engagiert, nach Düsseldorf. Mit seiner Frau Ruth Rubinstein, die im Vorstand der Düsseldorfer Gemeinde aktiv ist, ist er in der Ausstellung an einem Tisch zu sehen. Genauer: Es ist ein Monitor, auf dem die Rubinsteins in einem aufgezeichneten Interview zu sehen sind. Das Gespräch wurde so aufgenommen, als würden sich die Interviewten direkt mit dem Besucher unterhalten, der vor ihnen sitzt. 14 solcher Interview-Inseln sind in der Ausstellung zu sehen, dahinter steht das Konzept, die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen filmisch nah an die Zuschauer heranzurücken. „Es sieht so aus, als könne man sich mit ihnen an einen Tisch setzen", erklärt Sigrid Kleinbongartz, Kuratorin und stellvertretende Direktorin des Stadtmuseums. „Die Zeitzeugen sprechen über Themen, die ihnen am Herzen liegen. Die Rubinsteins zum Beispiel erzählen von ihrer langen Reise nach Düsseldorf.“ Zwischen 6 und 15 Minuten lang sind die Interview-Ausschnitte, die in der Ausstellung gezeigt werden. „Es gibt aber auch noch eine Stelle, an der man noch mal alle in voller Länge sehen kann“, ergänzt Kurator Bernd Kreuter. „Außerdem haben wir die Gesprächspartner gebeten, Gegenstände mitzubringen, die dann auch in der Ausstellung vertreten sind.“
Die Menschen auf den Monitoren leiten die Besucher durch das Museum, führen sie in die verschiedenen Themenfelder ein, zum Beispiel die Aufarbeitung der Schoa, den Antisemitismus, die Religion und die Jugendarbeit. „Die Filme sind der Leitfaden, an dem man sich ‚von Augenblick zu Augenblick‘ hangeln kann“, sagt Kleinbongartz. „Man muss sich nicht alle anschauen, und davon gehen wir auch nicht aus.“ Daneben gibt es mehr als 300 Exponate zu entdecken: vom Seder-Teller einer Familie über ein Fotoalbum aus Israel bis zu handgeschriebenen Dokumenten. Da ist zum Beispiel auch ein Gedicht in eigener Abschrift von Rose Ausländer zu sehen, die lange im Elternheim der Düsseldorfer Gemeinde, dem Nelly-Sachs-Haus, lebte. „Ich habe mich/in mich verwandelt/von Augenblick zu Augenblick“, heißt es darin. „Das hat uns zum Titel der Ausstellung inspiriert“, erläutert Kleinbongartz.
Während der Vorbereitung der Ausstellung zeigte sich, dass die eigenen Bestände des Museums nur wenige Exponate hergaben. Durch das Heidelberger Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, das Jüdische Museum Berlin, die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und viele andere Unterstützer gelang es jedoch, eine reichhaltige Schau zusammenzustellen. In den Beständen des Stadtmuseums entdeckte das Team ein frühes Exemplar der Jüdischen Illustrierten, die in den 1950er- und 60er-Jahren erschien.
Daneben sind noch weitere Zeitungen in der Ausstellung zu sehen. „Das Thema Presse ist umfangreich beleuchtet, weil in Düsseldorf der Vorläufer der Jüdischen Allgemeinen gegründet wurde – das Jüdische Gemeindeblatt für die Nord-Rheinprovinz und Westfalen“, erzählt Kleinbongartz. „Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte bis 1985 hier seinen Sitz.“
„Von Augenblick zu Augenblick“ nimmt sich auch der jüngsten Geschichte an, widmet sich zum Beispiel der Zuwanderung aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Seit 1945 der Grundstein für ein neues jüdisches Leben in Deutschland gelegt wurde, sind viele wichtige Bausteine hinzugekommen. Heute stellen die Zuwanderer die Mehrheit der Gemeindemitglieder und tragen die Arbeit der Gemeinde entscheidend mit. Wenn das jüdische Leben der Stadt am Rhein heute so vielfältig und auch nach außen so präsent ist, so ist das nicht zuletzt der Zuwanderung zu verdanken.

„Von Augenblick zu Augenblick“:
Ausstellung bis 9. August 2015 im Stadtmuseum Düsseldorf, Berger Allee 2.
Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Handouts führen auch in russischer Sprache durch die Exponate.