5. Jahrgang Nr. 2 / 24. Februar 2005 15. Adar I 5765

Gegen das Vergessen

Vor 60 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit – Vor einem Monat gedachte die Welt der Befreiung – Ein Rückblick auf die Gedenkveranstaltungen

Von Sharona Legner-Zuriel

Auschwitz – ein Wort, das wie kein anderer Begriff für Grausamkeit, Massenmord und Unmenschlichkeit steht. 1,5 Millionen Menschen wurden im Konzentrationslager Auschwitz von den Nazis ermordet. Am 27. Januar 1945 wurde das Lager im polnischen Städtchen Oswiecim von den Soldaten der Roten Armee befreit. Das war vor 60 Jahren. In diesem Jahr, zum 60. Jahrestag der Befreiung, gedachten auf der ganzen Welt - insbesondere in Europa und bei den Vereinten Nationen in New York - Menschen der Opfer und der Retter. Ehemalige KZ-Insassen, Staats- und Regierungschefs sowie Vertreter aus 44 Staaten kamen aus diesem Anlass genau vor einem Monat auf dem Gelände des KZ-Auschwitz zusammen. Als einer der prominenten Redner erinnerte Israels Staatspräsident Moshe Katzav die Welt daran, dass sie angesichts der Judenvernichtung geschwiegen habe, obwohl die Verbrechen schon früh bekannt gewesen seien. Polens Präsident Alexander Kwasniewski sagte, das Auschwitz der tiefste Fall der Menschlichkeit gewesen sei. Vor der Bedrohung durch den Terrorismus der Gegenwart, der nicht weniger gefährlich als der Nationalsozialismus sei, warnte der russische Präsident Wladimir Putin.

Zur Eröffnung einer Gedenkstunde vor dem deutschen Bundestag betonte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, dass „Deutsch nie wieder die Sprache des Rassismus und der Vorurteile werden“ dürfe, „dazu verpflichte uns der heutige Tag“. Hauptredner vor dem Bundestag am 27. Januar in Berlin war Arno Lustiger. Der Historiker hatte als junger Mann mehrere Konzentrationslager und zwei Todesmärsche überlebt. Der 8. Mai 1945 ist für Lustiger in mehrerer Hinsicht ein besonderes Datum: „Am 8. Mai 1945 feierte ich, nun uniformierter und bewaffneter Dolmetscher der US-Armee, mit meinen Rettern das Kriegsende und meinen 21. Geburtstag. Diese doppelte Feier werde ich nie im Leben vergessen.“ Lustiger beendete seine Rede mit dem Aufruf, „die sechs Millionen unserer Brüder und Schwestern, davon eine Million in Auschwitz, die anderen Opfer der Nazis ohne Unterschied ihrer Herkunft, Religion oder des Grundes ihrer Verfolgung, die Retter und die Widerstandskämpfer aller Nationen, die Soldaten der 100. Division, die heute vor 60 Jahren Auschwitz befreiten und dabei fielen, in unserem Gedächtnis zu behalten.

Wenige Stunden nach der Rede Arno Lustigers vor dem Bundestag vertrat sein Cousin Jean-Marie Kardinal Lustiger, der inzwischen aus Altersgründen zurückgetretene katholische Erzbischof von Paris, Papst Johannes Paul II bei den Feierlichkeiten in Auschwitz. In seiner Grußbotschaft erklärte der Papst, der Holocaust sei ein Verbrechen, das für immer die Geschichte der Menschheit beflecke.

Zum ersten Mal wurde auch in der UN der Opfer des Holocaust gedacht. Bisher war dies am Widerstand der moslemischen und arabischen Staaten gescheitert. UN-Generalsekretär Kofi Annan sagte: „Das Böse, das sechs Millionen Juden und andere in diesen Lagern vernichtet hat, bedroht uns alle heute noch. Seit dem Holocaust hat die Welt im Kampf gegen Völkermord schändlich versagt.“ Bundesaußenminister Joschka Fischer unterstrich in seiner Rede in New York, die besondere Verpflichtung von Deutschland gegenüber dem Staat Israel. Dessen Existenzrecht und Sicherheit bleibe die „unverhandelbare Grundposition“ deutscher Außenpolitik. Fischer weiter: „Darauf wird sich Israel stets verlassen können.“

Der Präsident des EU-Parlaments in Brüssel, Josep Borrell, erklärte „der Name Auschwitz sei für immer in die kollektive Erinnerung der Menschheit eingemeißelt.“

In allen Landtagen der Bundesrepublik wurde am 27.Januar der Befreiung von Auschwitz gedacht. So auch im bevölkerungsstärksten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Im Düsseldorfer Landtag verabschiedeten die dort vertretenen Parteien von SPD, CDU, FPD und Grüne einen gemeinsamen Text. Darin heißt es, dass die Erinnerung an den Holocaust die „notwendige Voraussetzung dafür (sei), dass in Deutschland nie wieder Hass und Rassismus regieren.“

Erst vor neun Jahren, 1996, wurde der 27. Januar vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erklärt.